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Ein zu männliches Gehirn

MEDIZIN

 
Autismus

Ein zu männliches Gehirn

von Claudia Frey, Eschborn

 

Autisten analysieren und systematisieren, sind aber zu normalen menschlichen Beziehungen nicht fähig. Der Grund für die Erkrankung könnte sein, dass das Gehirn der Betroffenen zu stark männlich ausgeprägt ist. Neuere neuroanatomische Untersuchungen mit Autisten lassen dies vermuten.

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Autisten meiden menschliche Kontakte, was bereits am Säugling an seinem introvertierten Verhalten auffällt. Betroffene Kinder leben isoliert und zurückgezogen, sie meiden Blickkontakt und körperliche Berührungen mit anderen Personen. Kleinste Veränderungen ihrer Umgebung fallen ihnen auf und beunruhigen sie oft schwer.

 

Jungen sind vom Autismus drei- bis viermal so häufig betroffen wie Mädchen. Schon seit langem existiert die These, dass autistische Kinder ein übertrieben »männliches« Gehirn haben. Einen Hinweis, dass diese These stimmen könnte, liefert nun ein Team um Simon Baron-Cohen, Psychiater an der Universität Cambridge. Die Forscher untersuchten Autisten mit standardisierten Verhaltenstests und stellten fest, dass sie sich durch extrem männliche Charaktereigenschaften auszeichnen. So waren 87 Prozent der autistischen Personen teilweise extreme Systematiker, ein typisch männliches Merkmal. Dagegen zeigten sie schlechte empathische Eigenschaften, die im Allgemeinen Frauen zugeschrieben werden, wie Baron-Cohen in der Fachzeitschrift Science (Band 310, Seiten 819 bis 823) berichtet. 48,5 Prozent der gesunden Frauen zeigten seinen Untersuchungen zufolge empathische Verhaltensweisen. Sie können sich gut in andere Menschen hineinversetzen. Dagegen bezeichneten sich 60 Prozent der untersuchten gesunden Männer als Systematiker.

 

Extrem männlich

 

Möglicherweise liegt die Ursache des Autismus in der embryonalen und frühkindlichen Hirnentwicklung. Diese verläuft bei Männern und Frauen unterschiedlich. Männer besitzen ein größeres Hirnvolumen als Frauen, jedoch sind die einzelnen Hirnbereiche weniger vernetzt. Auch hier zeigen Autisten mit einer überdurchschnittlichen Kopfgröße wieder das männliche Extrem. Einzelne Hirnbereiche fallen besonders auf. Die Amygdala (Mandelkern), die für emotionale Reaktionen wichtig ist, ist bei erwachsenen Autisten kleiner als bei Nicht-Autisten. Dagegen weist sie bei autistischen Kindern im Alter von 18 bis 35 Monaten eine überdurchschnittliche Größe auf. Auch bei männlichen Kindern ist ein verstärktes Wachstum der Amygdala in dieser Zeit bekannt. Die Struktur gehört zum limbischen System und ist für die emotionale Einfärbung von Informationen zuständig.

 

Ursache könnte nach Baron-Cohen zuviel Testosteron während der Schwangerschaft sein. Das männliche Geschlechtshormon prägt die Hirnentwicklung des Fötus. Ein zu männliches Gehirn wäre die Folge.

 

Vererbte Hirnstrukturen

 

Gehirne von Angehörigen autistischer Personen zeigen die gleichen veränderten Strukturen, aber nicht die typischen Symptome. Dies ergab eine Untersuchung von Brendon Macewicz von der University of North Carolina, die er auf dem diesjährigen Kongress der Society for Neuroscience in Washington vorstellte.

 

Macewicz und seine Kollegen fertigten Magnet-Resonanz-Tomographie-Aufnahmen (MRT) von bestimmten Hirnbereichen autistischer Kinder und von deren Geschwistern an und verglichen diese. In beiden Gruppen war die Größe der Amygdala ähnlich stark vermindert. Sie unterschied sich um etwa 5 bis 10 Prozent. Die Geschwister litten trotz dieser Veränderung nicht an Autismus. Möglicherweise helfen andere Hirnbereiche, die Funktion der verkleinerten Amygdala auszugleichen, vermutet Macewicz.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Eric Peterson und seine Kollegen von der University of Colorado at Boulder. Der Vergleich von MRT-Scans, die die Forscher von Eltern autistischer Kindern und gesunden Kontrollpersonen anfertigt, ähnelte dem Vergleich von Hirnen autistischer mit nicht autistischen Personen. So war der präfrontale Cortex bei den Eltern autistischer Kinder kleiner als normalerweise üblich. Durch seine Verbindung mit dem limbischen System ist dieser auch an emotionalen Empfindungen beteiligt.


Autismus 
Die Entwicklungsstörung kann in verschiedene Formen unterteilt werden. Der frühkindliche Autismus, nach dem amerikanischen Psychiater Leo Kanner auch Kanner-Syndrom genannt, zeichnet sich durch Sprachstörungen aus, die oft verbunden mit einer Intelligenzminderung sind und vor dem dritten Lebensjahr auftreten. Patienten mit dem Asperger-Syndrom (nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger) dagegen können sogar überdurchschnittlich intelligent sein. Nach der Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird noch der Atypische Autismus unterschieden, der teilweise Symptome des frühkindlichen Autismus aufweist. Zwischen allen Formen sind die Übergänge fließend.
Oft kommen neben den allgemeinen bereits erwähnten Symptomen wie Meidung von Berührungen und Blickkontakt noch komorbide Störungen hinzu, darunter Aggressionen, die sich auch gegen die eigene Person richten können.
Als Behandlungsmöglichkeiten steht die Verhaltenstherapie zur Verfügung. Dabei soll versucht werden, ein unangemessenes Verhalten abzubauen. Auch Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie können, je nachdem welche Symptome vorhanden sind, helfen. 

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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2005

 

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