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Tadalafil wirkt länger

PHARMAZIE

 
Erektile Dysfunkion

Tadalafil wirkt länger

von Conny Becker, Frankfurt am Main

Die ersten Rezepte sind geschrieben, die Viagra®-Konkurrenz ist da: Am 3. Februar kam mit Cialis™ der zweite Phosphodiesterase-5-Hemmer auf den deutschen Arzneimittelmarkt und soll die Patienten durch eine längere Wirkdauer und ein besseres Nebenwirkungsprofil überzeugen.

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Der Wirkstoff der neuen „Wochenend-Pille“ heißt Tadalafil, bringt aber keinen neuen Wirkmechanismus zur Behandlung der erektilen Dysfuntion. Wie Sildenafil hemmt er die vorwiegend im Hoden lokalisierte Phosphodiesterase Typ 5 (PDE-5) und verhindert so den Abbau des second messenger cGMP (zyklisches Guanosinmonophosphat). Die Gefäßmuskeln in den Schwellkörpern relaxieren und ermöglichen den Bluteinstrom, sodass eine Erektion entsteht.

Der Arzneistoff erhöht allerdings nicht die Libido. Auch bei Einnahme eines PDE-5-Hemmers muss eine sexuelle Stimulation und die damit verbundene Freisetzung von NO (Stickstoffmonoxid) vorausgehen. Dieser Botenstoff sorgt für die Synthese von cGMP.

Unterschiede sind gering

Hinsichtlich der Wirksamkeit zeichnen sich keine relevanten Unterschiede zu Studienergebnissen mit Sildenafil ab. In fünf randomisierten, placebokontrollierten doppelblinden Phase-III-Studien verbesserten 20 mg Tadalafil die Erektion bei 81 Prozent der insgesamt 1112 Männer (Placebo: 35 Prozent). 75 Prozent gaben an, den Geschlechtsverkehr wunschgemäß beendet haben zu können. Wurde eine Dosis von 10 mg eingenommen, verringerte sich der Prozentsatz jeweils um etwa 15 Prozent. Der Behandlungserfolg sinkt bei Männern mit Diabetes, der neben Bluthochdruck und koronarer Herzkrankheit zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer erektilen Dysfunktion zählt.

Im Gegensatz zu dem voraussichtlich im März folgenden Vardenafil unterscheidet sich Tadalafil in seiner Struktur deutlich von der Vorläufersubstanz Sildenafil. Daraus resultiert die abweichende Pharmakokinetik, erklärte Professor Dr. med. Hartmut Porst auf einer Pressekonferenz des Herstellers Lilly ICOS in Frankfurt. Der Hamburger Urologe bezeichnete die lange Halbwertszeit von 17,5 Stunden bei Tadalafil als entscheidenden Vorteil zu den Konkurrenten (Halbwertszeit: knapp 4 Stunden). Hieraus ergebe sich eine klinische Wirksamkeit von mindestens einem bis zwei Tagen. In einer von ihm betreuten Studie mit 348 Männern konnten 60 Prozent nach 36 Stunden einen Koitus erfolgreich beenden. So müssten die Betroffenen den Sex weniger planen, der psychische Druck weiche einer weitgehenden Spontaneität.

Tadalafil erreicht sein Konzentrationsmaximum (cmax) im Blut etwa zwei Stunden nach peroraler Einnahme (Sildenafil: 70 Minuten), eine Erektion wurde jedoch auch schon nach 16 Minuten beobachtet. Das kurzwirksame Vardenafil wird hier die Bedarfslücke schließen (cmax: etwa 40 Minuten).

Im Unterschied zu Sildenafil verzögert sich die Resorption bei einer Einnahme von Tadalafil während des Essens nicht. Auch mäßiger Alkoholgenuss lässt die Bioverfügbarkeit unbeeinflusst, so dass einem romantischen Dinner nichts im Weg steht.

Kaum Sehstörungen

Als häufigste Nebenwirkung von Tadalafil traten Kopfschmerzen bei 14 Prozent der Männer auf, die Inzidenz nahm jedoch mit fortschreitender Behandlung ab. 10 Prozent der Verumgruppe klagte über Dyspepsie, insbesondere über Sodbrennen. Da der PDE-5-Hemmer auch den Mageneingangspförtner relaxiert, kommt es zu dem signifikant häufigen Reflux. Rhinitis und Gesichtsrötung (Flushing) sowie Rücken- und Muskelschmerzen wurden bei etwa 5 Prozent beobachtet.

Die unter Sildenafil auftretenden Sehstörungen insbesondere des Farbsehens betrafen in den Studien mit Tadalafil lediglich 0,1 Prozent der Männer. Dies erklärt sich durch die geringere Affinität des neuen PDE-5-Hemmers zu dem Isoenzym Phosphodiesterase 6, die in der Retina lokalisiert ist. Tadalafil wirkt 700mal stärker auf PDE-5 als auf PDE-6, bei Sildenafil unterscheidet sich die Affinität lediglich um den Faktor 10.

Die PDE-11, deren physiologische Funktion noch nicht geklärt ist, hemmt Tadalafil jedoch signifikant stärker als seine Konkurrenten. Das Isoenzym kommt in den Hoden, der Prostata, der Hypophyse sowie eventuell im Herzen vor. Studien zur Spermatogenese zeigten keine Veränderungen der Fruchtbarkeit, auch die mittleren Konzentrationen von Testosteron, luteinisierendem Hormon oder Follikel stimulierendem Hormon blieben unbeeinflusst.

Herzgeschichten

Auf weitere Isoenzyme - beispielsweise die die Kontraktionskraft des Herzens beeinflussende PDE-3 - wirkt Tadalafil deutlich geringer. Systolischer und diastolischer Blutdruck werden nicht signifikant gesenkt. Herz-Kreislauf-Patienten müssten dennoch auf ihr kardiovaskuläres Risiko hin geprüft werden, erklärte Professor Dr. med. Eckhard Peter Kromer aus Hanau. Hypertonie-Patienten können unter beibehaltener Medikation Tadalafil einnehmen. Herzinsuffizienz im Stadium III und IV, ein weniger als zwei Wochen zurückliegender Herzinfarkt oder eine instabile Angina pectoris sind nach Ansicht des Kardiologen jedoch Ausschlusskriterien. Die Behandlung der erektilen Dysfunktion könne erst nach Stabilisierung der kardialen Situation erfolgen. Schließlich stellt sexuelle Aktivität eine Sauerstoff zehrende körperliche Belastung dar. Diese ließe sich mit 20-minütigem, langsamen Laufen und nachfolgendem Treppensteigen jedoch trainieren, so der Referent.

Die Behandlung mit organischen Nitraten stellt auch für Tadalafil eine strenge Kontraindikation dar. Durch Kombination mit einem NO-Donator kann der systolische Blutdruck im Stehen auf unter 85 mm Hg abfallen.

Lieber gelb statt blau?

Tadalafil unterscheidet sich zwar vom Prinzip her kaum von seiner Vorgängersubstanz, wirkt aber länger und verursacht deutlich seltener Sehstörungen. Allerdings sollte die Hemmung der PDE 11 weiter beobachtet werden. Dass die Pharmakokinetik durch ein Abendessen zu Zweit nicht gestört wird, findet bei den Paaren sicherlich Anklang.

Vermutlich werden die Betroffenen beide, ab dem Frühjahr alle drei Präparate testen. Für Non-Responder besteht mit Cialis™ nun eine neue Hoffnung. Ob blaue Raute oder gelbe Mandel, die Entscheidung treffen die Männer wohl individuell, zumal der Preis erwartungsgemäß im selben Rahmen liegt (vier Tabletten Cialis™ 10 oder 20 mg kosten 47,99 Euro). Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2003

 

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