01 Abmagerungsmittel

 Rimonabant, Acomplia® Filmtabletten (Sanofi-Aventis)

+++Marktrücknahme im Oktober 2008 wegen der Gefahr psychiatrischer Störungen wie Depressionen+++
Seit Anfang September 2006 steht der Cannabinoid-(CB)-1-Rezeptor-Antagonist Rimonabant zur Gewichtsreduktion zur Verfügung. Der Wirkstoff ist europaweit zugelassen für Menschen mit Adipositas (Body-mass-Index, BMI, über 30 kg/m²) oder Übergewicht (BMI über 27) und begleitenden Risikofaktoren wie Typ-2-Diabetes oder Dyslipidämie, aber nur zusätzlich zu Diät und Bewegung.
Das Endocannabinoid-System ist ein physiologisches System, das im zentralen Nervengewebe und im peripheren Gewebe einschließlich dem Fettgewebe vorkommt. Nach heutigen Erkenntnissen steuert es unter anderem die Energiebilanz, den Glucose- und Lipidstoffwechsel sowie das Körpergewicht. Ein überaktives System führt zum Aufbau von Fettreserven sowie hohen Blutzucker- und Blutfettspiegeln. Rimonabant soll als selektiver Antagonist an CB1-Rezeptoren ein verstärktes Hungergefühl dämpfen (zentrale Wirkung) sowie in der Peripherie den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel verbessern. Die Patienten nehmen einmal täglich 20 mg vor dem Frühstück ein; Nahrungsaufnahme erhöht die Bioverfügbarkeit.
Rimonabant wird über das CYP3A-Isoenzym und auf dem Amidohydrolase-Weg zu unwirksamen Metaboliten verstoffwechselt und überwiegend biliär ausgeschieden. Bei gleichzeitiger Gabe von CYP3A4-Inhibitoren wie Ketoconazol, Itraconazol, Ritonavir, Clarithromycin oder Nefazodon können die Blutspiegel deutlich ansteigen. Umgekehrt sind verminderte Blutspiegel bei gleichzeitiger Einnahme von CYP3A4-Induktoren wie Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin und Johanniskraut zu erwarten.
In vier großen Phase-III-Studien (RIO-Studien) wurden mehr als 6600 Patienten, vorwiegend weiße Frauen, eingeschlossen. Die Teilnehmer hatten einen BMI über 30 oder 27 mit gleichzeitiger Hypertonie und/oder Dyslipidämie. Sie sollten eine kalorienreduzierte Diät (minus 600 kcal täglich) einhalten und sich mehr bewegen. Nach einem Jahr erzielten sie eine mittlere Gewichtsreduktion von 5,3 bis 6,5 kg unter einmal täglich 20 mg Rimonabant und von 1,4 bis 1,6 kg unter Placebo. Die Unterschiede sind signifikant. Deutlich mehr Patienten erreichten unter Verum eine 10-prozentige Gewichtsreduktion (16,2 bis 27 Prozent versus 2 bis 7,8 Prozent); das Ausgangsgewicht lag bei 95 bis 101 kg.
Die Pfunde purzelten vor allem in den ersten neun Monaten. Der Nutzen blieb über zwei Jahre erhalten, wenn das Medikament weiter genommen wurde; ansonsten nahmen die Patienten wieder zu. Der Taillenumfang, der als Maß für das viszerale Fett gilt, ging unter Verum signifikant zurück. Während der Therapie erhöhte Rimonabant das HDL-Cholesterol um rund 16 Prozent und damit signifikant höher als Placebo (9 Prozent). Die Triglyzeride sanken um 7 Prozent und stiegen um 6 Prozent unter Placebo. Gesamt- und LDL-Cholesterol wurden nicht deutlich verändert. Bei Diabetikern sank der HbA1C-Wert um 0,6, während er unter Placebo um 0,1 anstieg. Bekanntlich kann man Blutfette und Blutzucker durch Abspecken und mehr Bewegung günstig beeinflussen. Auch in den RIO-Studien wurden die Effekte je zur Hälfte auf den Gewichtsverlust und auf direkte Wirkungen von Rimonabant zurückgeführt.
Fast 16 Prozent der Teilnehmer brachen die Therapie wegen Nebenwirkungen ab. Am häufigsten waren Übelkeit, Stimmungsveränderungen, depressive Störungen, Angst und Schwindelgefühl. Auch Infektionen der oberen Atemwege waren deutlich häufiger als unter Placebo.
Ob Rimonabant als „Lifestyle-Mittel“ oder als „echtes“ Medikament einzuschätzen ist, ist umstritten. Während in Schweden, Dänemark und Irland die Therapie von übergewichtigen Diabetikern und Fettstoffwechselerkrankten von den Krankenkassen erstattet wird, lehnt der Gemeinsame Bundesausschuss für Deutschland die Erstattung der Therapie mit Rimonabant ab. Da viele Patienten nur moderat abnehmen, könnte die Compliance im Alltag leiden. Medizinisch bedeutender ist der Effekt auf HDL-Cholesterol, Triglyzeride und HbA1C. Wie und ob sich dies auf klinische Endpunkte auswirkt, müssen Studien erst noch zeigen. 
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