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Ein Virus auf Erfolgskurs

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West-Nil-Fieber

Ein Virus auf Erfolgskurs

von Ulrike Wagner, Eschborn

Mit rasender Geschwindigkeit hat sich das West-Nil-Virus in den USA verbreitet. Etwa 100 Menschen starben in dieser Saison an der Infektion, die von Stechmücken übertragen wird. Versuche, die Ausbreitung des Virus mit Insektiziden zu stoppen, sind gescheitert.

Im Spätsommer 1999 erkrankte erstmals ein Mensch in den Vereinigten Staaten – und damit in der westlichen Hemisphäre - am West-Nil-Fieber. Ausgerechnet in den Häuserschluchten von New York hatte offenbar eine Stechmücke das Virus übertragen. Wie es dorthin gelangte, ist noch immer unklar. Insgesamt 53 Menschen erkrankten damals an der Ostküste Nordamerikas an der Virusinfektion, sieben starben.

Wer damit gerechnet hatte, dass der folgende Winter sowohl den Stechmücken als auch den Viren den Garaus macht, erlebte eine böse Überraschung. Die Moskito-Art, die dem West-Nil-Virus in der Regel als Vektor dient, übersteht oft den Winter. Im folgenden Spätsommer trat die Infektion erneut auf. Zwar mit weniger Erkrankungen und Toten, aber spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es sich beim West-Nil-Fieber in den USA nicht um ein einmaliges Phänomen handelte. Auch 2001 war die Zahl der Erkrankten mit 66 nicht besonders hoch. Allerdings beschränkte sich das Virus schon lange nicht mehr auf New York City - es trat in der gesamten östlichen Hälfte der USA auf

Im Sommer 2002 schnellten die Infektionsraten in die Höhe. Ende September erkrankten täglich mehr als 100 Menschen neu, insgesamt registrierten die Gesundheitsbehörden ab Juli etwa 2150 Menschen, die am West-Nil-Fieber litten. Etwa 105 Patienten starben. Am stärksten betroffen sind der Nordosten und der Süden der USA. Das Virus wurde inzwischen in fast allen Staaten nachgewiesen, und Experten vermuten, dass es sich auch noch der letzten weißen Flecken auf der Landkarte bemächtigen wird

Eigentlich eine Vogelkrankheit

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Das West-Nil-Virus gehört zur Familie der Flaviviridae und ist nah verwandt mit dem St.-Louis-Enzephalitis-Virus sowie dem Erreger der japanischen Enzephalitis. Der Mensch sowie Pferde und andere Haustiere, die ebenfalls am West-Nil-Fieber erkranken, dienen dem Virus nur zufällig als Wirt. Eigentliches Ziel des Erregers sind wild lebende Vögel, in denen sie sich über längere Zeit stark vermehren können. Inzwischen ist bekannt, dass das Virus mehr als 110 Vogelarten infiziert. Stechmücken übertragen das West-Nil-Virus von einem Tier auf das andere. Auch in Zecken wurde es nachgewiesen. Experten vermuten jedoch, dass die Spinnentiere eine untergeordnete Rolle im Infektionszyklus spielen.

Fachleute beschreiben zwei unterschiedliche Zyklen der Virusvermehrung. Der eine findet in ländlichen Gebieten statt, in denen Stechmücken, die Vögel für ihre Blutmahlzeiten bevorzugen (zum Beispiel Culex-Arten), das Virus von wild lebenden Vögeln aufnehmen und innerhalb der Vogelpopulation weiter verbreiten. Ein anderer Zyklus spielt sich in Städten ab. Dort vorkommende Vögel wie Raben, Krähen, Tauben, Hühner und Gänse, aber auch Zootiere sind Opfer von Stechmücken, die sich ihre Blutmahlzeit sowohl von Vögeln als auch von Säugetieren holen. Epidemien treten meist dann auf, wenn sich ein solcher städtischer Zyklus etabliert. Grundlegende Voraussetzung für eine dauerhafte Vermehrung und Verbreitung des Virus sind über einen längeren Zeitraum anhaltende hohe Tagesdurchschnittstemperaturen.

Die meisten Vögel überleben die Infektion, nur einige Arten erkranken schwer. Krähen scheinen dabei besonders empfindlich zu sein: Sie sterben meist an der Infektion. Tote Krähen waren in den USA die Vorboten von Infektionen des Menschen. Bevor in New York der erste Mensch erkrankte, wurden viele tote Vögel beobachtet – hauptsächlich Krähen. Die Tiere führten die Ärzte letztlich auf die richtige Spur bei der Diagnose der Erkrankung. Vom St.-Louis-Enzephalitis-Virus, das die Gesundheitsbehörden zunächst als Erreger in Verdacht hatten, war ein solches Phänomen nicht bekannt. Inzwischen dienen Krähen den amerikanischen Gesundheitsbehörden als Indikator für eine lokale Verbreitung des Virus, denn sie haben einen für Vögel relativ kleinen Aktionsradius von etwa 300 Kilometern.

Zugvögel im Verdacht

Das West-Nil-Virus ist keine amerikanische Neuentdeckung, auch wenn Medienberichte hin und wieder diesen Eindruck erwecken. Zum ersten Mal nachgewiesen wurde es bereits 1937 im West-Nil-Distrikt in Uganda, daher der Name. Endemisch ist es in Afrika - hier vor allem in Uganda und Mosambik - in Israel und einigen anderen Mittelmeerländern sowie in Indien und Indonesien. Ein eng verwandtes Virus, das Kunjin-Virus, beobachteten Forscher in Australien und Südostasien.

Erste Berichte über das West-Nil-Virus in Europa stammen aus den 60er-Jahren. Damals wurde der Erreger in Südfrankreich und in Russland nachgewiesen, informiert das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Im Laufe der Jahre isolierten Forscher den Erreger von erkrankten Menschen und Tieren auch in Bulgarien, Rumänien, der Slowakei, Tschechien, Weißrussland, der Ukraine, Österreich, Ungarn, Moldawien und Polen. Zu größeren Ausbrüchen kam es 1994 in Algerien, 1996 bis 1997 in Rumänien, wo 600 Menschen erkrankten, 1997 in der Tschechischen Republik, 1998 in der Demokratischen Republik Kongo, 1999 in Russland und 2000 in Israel.

Ansonsten war es bislang immer wieder zu sporadischen Erkrankungen in Europa gekommen. Daher diskutieren Experten schon seit längerem die Theorie, dass Zugvögel das Virus im Frühjahr aus den Endemiegebieten Afrikas nach Europa einschleppen. Blut saugende Stechmücken nehmen den Erreger mit der Blutmahlzeit auf und geben ihn an Menschen weiter.

In Deutschland ist ein Ausbruch der Erkrankung jedoch äußerst unwahrscheinlich, da die Tagesdurchschnittstemperaturen nur in sehr heißen Sommern für die Verbreitung des Virus ausreichen. Denn am Zyklus der Erreger sind bestimmte Infektionsformen der Mücken beteiligt, die sich nur entwickeln können, wenn relativ hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum anhalten (siehe Kasten). Aus diesem Grund tritt das West-Nil-Fieber vor allem im Spätsommer oder im frühen Herbst auf. In südlicheren Gebieten mit milderen Temperaturen – wie im Süden der USA – können Stechmücken das Virus jedoch das ganze Jahr übertragen.

 

West-Nil-Fieber in Deutschland? Vor allem amerikanische Experten verwiesen nach dem Hochwasser in Deutschland auf die Gefahr einer Übertragung des West-Nil-Virus. Deutsche Fachleute wie die Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg halten dies jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Nur wenn folgende Bedingungen eintreten, könnte es dazu kommen: Die Tagesdurchschnittstemperaturen müssen über einen Zeitraum von mehr als zwölf Tagen 22 Grad Celsius überschreiten – sie liegen zum Beispiel in Frankfurt, Karlsruhe und Görlitz im Hochsommer zwischen 17 und 19 Grad Celsius. Gleichzeitig muss in der Nähe der Menschen ein Virusreservoir vorhanden sein, also Vögel mit sehr vielen Viren im Blut. Außerdem müssen viele Stechmücken vorkommen, die sowohl an Vögeln als auch an Menschen saugen. Fazit des Bernhard-Nocht-Instituts: Ob in Deutschland vereinzelt West-Nil-Virus-Infektionen vorkommen, können nur gezielte Studien zeigen. Auf Grund der Klimabedingungen steht nicht zu befürchten, dass das Virus wie in den USA dauerhaft eingeschleppt wird, und das Auftreten einer Epidemie scheint zurzeit sehr unwahrscheinlich. „Gemessen an anderen Erkrankungen ist die Bedeutung des West-Nil-Virus in Mitteleuropa zurzeit als gering einzustufen.“

 

Woher der Erreger stammte, der 1999 in den USA auftauchte, ist unklar. Am engsten verwandt ist er mit den Virusstämmen im mittleren Osten. Experten vermuten, dass es an Bord eines Flugzeugs in die Vereinigten Staaten gelangte, vielleicht mit einem Vogel.

Übertragung durch Organspenden

Hinweis auf eine weitere Übertragungsmöglichkeit lieferten kürzlich Berichte aus den USA. Dort hatten vier Organempfänger von ein und demselben Unfallopfer jeweils Herz, Leber oder eine Niere erhalten. Alle Patienten erkrankten an einer für das West-Nil-Virus typischen Hirnhautentzündung. Bei mindestens einem Organempfänger wurde das Virus nachgewiesen. Die Gesundheitsbehörden sind ziemlich sicher, dass er sich nicht über einen Mückenstich infiziert haben kann. Er verbrachte vier Wochen vor der Transplantation in einem Krankenhaus.

Inzwischen untersuchen die amerikanischen Behörden auch die Möglichkeit, dass das Virus über Transfusionen weitergegeben wird. Derzeit werden Blutprodukte nicht routinemäßig auf das West-Nil-Virus untersucht. Da viele Infizierte gar nichts von der Infektion bemerken, kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie Blut spenden.

Die meisten erkranken nicht

Glücklicherweise bemerken etwa 80 Prozent der Menschen nichts von einer Infektion mit dem West-Nil-Virus. Einer von fünf Infizierten leidet unter milden, Influenza-ähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie geschwollenen Lymphknoten.

Bei diesen setzt die Erkrankung abrupt ein, nach einer Inkubationszeit von etwa drei bis sechs Tagen. Bei den meisten Erkrankten ist die Infektion nach drei bis fünf Tagen überstanden. Das Fieber verläuft häufig in zwei Phasen, Schüttelfrost ist ebenfalls typisch. Jeder zweite Patient entwickelt ein blasses, makulopapulöses Exanthem, das sich vom Körperstamm bis zum Kopf und die Gliedmaßen ausbreitet.

Dramatisch verlaufen die Infektionen dann, wenn die Patienten eine akute, aseptische Meningitis, Enzephalitis oder Meningoenzephalitis entwickeln, was in einem von 150 bis 320 Erkrankten der Fall ist. Noch seltener verursacht das Virus Herzmuskelentzündungen, Hepatitiden sowie hämorrhagische Verläufe.

Poliomyelitis

Das West-Nil-Virus kann – wenn auch sehr selten – eine Poliomyelitis oder ein Polio-ähnliches Syndrom auslösen, heißt es in aktuellen Veröffentlichungen. Bereits bei den ersten Patienten, die unter schwerem West-Nil-Fieber litten, beobachteten die Ärzte eine Muskelschwäche, die sie sich jedoch anhand der Pathologie nicht erklären konnten. Sie vermuteten ein Guillain-Barré-Syndrom, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, bei der das eigene Immunsystem oft in Folge einer Virusinfektion die Nervenzellen angreift, oder eine Polyneuropathie. Meist traten diese Symptome bei den Patienten auf, die letztlich an der Infektion starben. Inzwischen weisen klinische und elektrophysiologische Befunde darauf hin, dass das West-Nil-Virus selbst die graue Substanz im Rückenmark angreift und so motorische Funktionen der Patienten lahm legt. Pathologische Untersuchungen, die dies bestätigen, stehen jedoch noch aus.

Im Durchschnitt stirbt einer von 1000 Infizierten, schreiben Experten der amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in einer Online-Vorabveröffentlichung des New England Journal of Medicine. Meist handelt es sich dabei um Patienten, die älter sind als 50 Jahre. Auch Kinder und immungeschwächte Menschen tragen ein größeres Risiko für schwere oder lebensbedrohliche Verläufe des West-Nil-Fiebers. In der Regel heilen jedoch auch manifeste Infektionen komplikationslos aus. Allerdings dauert es lange, bis sich schwer Erkrankte vollständig erholt haben.

Mückenschutz zur Prävention

Eine spezifische Therapie steht für Patienten mit West-Nil-Fieber derzeit nicht zur Verfügung. Sie beschränkt sich auf Pflege und die Symptome mildernde Maßnahmen. Da es auch keine Impfung gibt, die vor der Infektion bewahrt, ist die einzig mögliche Prävention der Schutz vor Mückenstichen. Daher empfehlen die amerikanischen Gesundheitsbehörden vor allem in der Dämmerung und in der Nacht Repellents sowie die Haut bedeckende Kleidung.

Für die Diagnostik stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. In der ersten Erkrankungswoche zirkuliert das Virus im Blut der Patienten. Dann lässt sich entweder das Viruserbgut mit Hilfe der Polymerasekettenreaktion (PCR) nachweisen oder Blut der Patienten wird auf Versuchstiere oder in Zellkulturen übertragen, wo sich das Virus vermehrt und leichter diagnostizieren lässt. Eine weitere Möglichkeit ist der Nachweis von Antikörpern im Blut der Infizierten. In Deutschland ist die Diagnostik von West-Nil-Virus-Infektionen in einigen Speziallabors möglich. Dazu gehört zum Beispiel das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

Für die detaillierten Daten aus den USA und damit auch das große Medieninteresse sorgt ein enges Überwachungsnetz, das auf verschiedenen Meldesystemen beruht. Ärzte wurden dazu aufgerufen, West-Nil-Fieber-ähnliche Erkrankungen genau diagnostizieren zu lassen und wenn nachgewiesen, zu melden. Tierärzte übernehmen dies bei Pferden, Hunden und Katzen. Auch die Population von Wildvögeln wird überwacht. Sterben besonders viele Vögel, so werden die Kadaver auf das Virus hin untersucht. Außerdem werden Hühner gehalten, die als Sentinel-System dienen. Die Tiere werden beobachtet und sobald sie erkranken oder sterben auf das West-Nil-Virus hin untersucht. Zudem werden Stechmücken gesammelt, um deren Durchseuchung mit dem Erreger zu bestimmen.

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2002

 

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