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Lichtgestalt mit Schattenseiten

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INTERNET

Lichtgestalt mit Schattenseiten

von Daniel Rücker, Eschborn

Provider, Bookmark, Link und Website: Wörter, die vor einigen Jahren bei den meisten Menschen noch Unverständnis ausgelöst haben, gehören heute zum allgemeinen Wortschatz. Ohne das Internet geht kaum noch etwas und wer ihm sich entzieht, läuft schnell Gefahr ins Abseits zu geraten. Für Apotheker gehört das Netz mittlerweile zum täglichen Leben. Und das ist gut so.

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Das Netz aus Telefonleitungen, Personal Computern und Servern hat die Welt der Pharmazie längst erreicht. Die WWW-Adresse ist heute selbstverständlich. Großhändler und Pharmaindustrie, Verlage und Universitäten, Behörden und Verbände haben Websites und sind das Internet in Sekundenschnelle zu erreichen. Auch wenn der Stau auf der Datenautobahn zu den Stoßzeiten immer noch eher Regel als Ausnahme ist, ist es heute leichter denn je, Informationen abzurufen. Der Weg ins Internet ist in jedem Fall kürzer als der zur nächsten Bibliothek.

Großhandel als Motor

Die meisten Apotheken haben heute einen Internetzugang. An den elektronischen Datenaustausch mit dem Großhandel und den Apothekenrechenzentren gewohnt, fiel es den meisten Apothekern nicht schwer, die Vorteile des neuen Mediums zu erkennen. Was heute als B2B-E-Commerce bezeichnet wird, also die Abwicklung von Geschäften zwischen Unternehmen, ist für Apotheker im Prinzip ein alter Hut.

Entscheidend für die rasche Verbreitung des Internets in den Apotheken waren wohl die pharmazeutischen Großhandlungen. Die beiden nationalen Marktführer Gehe und Phoenix starteten 1997 ihre Internetdienste Gehe-Point und PIN. Beide Großhändler setzen dabei auf eine Mischung aus Information und Transaktion. Der Apotheker kann über den Online-Dienst Waren bestellen, auf der anderen Seite erhält er aber auch Nachrichten zu pharmazeutischen Themen.

Bei Apothekern kommen die Dienste offensichtlich gut an. Auf der Bilanzpressekonferenz am 20. Juli 2000 in Mannheim verkündete Phoenix-Chef Dr. Bernd Scheifele, PIN werde mittlerweile von 3247 Apotheken genutzt. Ähnliche Zahlen kann Gehe-Point vorweisen. Anfang März 2001 waren 3300 Apotheken an das Netz des Stuttgarter Großhändlers angeschlossen. Hinzu kommen 1500 Studenten, die ebenfalls den Dienst nutzen.

PZ-Online wächst

Die Zugriffszahlen der Pharmazeutischen Zeitung im Internet bestätigen, dass Apotheker sich immer lieber im Netz tummeln. Auf rund 150 000 Seitenzugriffe kam die PZ-Online im Januar 2001. Jeden Tag steuern zwischen 800 und 1500 Nutzer unsere Homepage an und suchen nach Nachrichten, Stellenanzeigen oder Informationen über neue Arzneistoffe. Die meisten Zugriffe verzeichnet PZ-Online wochentags während der Geschäftszeiten. Etwa 80 Prozent der Seiten werden in diesem Zeitraum aufgerufen. Am Wochenende und nach 19 Uhr sinken die Zugriffszahlen deutlich.

Ein detaillierter Blick in die Statistik der einzelnen Seiten offenbart die Stärken des Internets. Auf den ersten Plätzen liegen Tagesnachrichten, das Archiv und die Stellenangebote. Im Vergleich zu einem Wochenmagazin ist das Internet erheblich aktueller. Ebenfalls unproblematisch ist es, eine Datenbank, etwa ein Archiv, an einen Internetauftritt anzubinden. Dafür hat das Internet bei längeren Texten Schwächen. Nur wenige Menschen sind bereit, einen langen Fachartikel am Bildschirm zu lesen. Das Printmedium ist hier im Vorteil.

Den Verlagen kann dies nur recht sein. Von den anfänglichen Sorgen, das Internet könne Zeitschriften und Bücher verdrängen, ist nicht viel geblieben. Der WWW-Auftritt wird heute als Zusatzangebot verstanden, als Ergänzung zur Printausgabe. Die Verzahnung der beiden Medien ist das strategische Ziel. Im Internet steht die Aktualität im Vordergrund, kurze Artikel informieren schon am selben Tag über aktuelle Ereignisse, in der Druckausgabe der kommenden Woche wird das Thema vertieft.

Als Ersatz für Bücher scheint das Netz noch weniger geeignet. Die Versuche mancher Verlage, Fachbücher und Belletristik online-gerecht aufzubereiten, haben sich als Irrweg erwiesen. Dem Internet ist es ebenso wenig gelungen, ein anderes Medium zu verdrängen wie zuvor dem Radio oder dem Fernsehen.

In der Offensive

Die ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat ihre anfängliche Skepsis bereits vor einigen Jahren abgelegt. Professor Dr. Rainer Braun, jetzt Hauptgeschäftsführer, damals Geschäftsführer Pharmazie der ABDA, bezeichnete auf einem gemeinsamen Symposium von ABDA und Bundesgesundheitsministerium im Dezember 2000 in Bonn das Internet als "exzellentes Medium der Information und Kommunikation", das auch im Gesundheitswesen und dem Arzneimittelbereich eine herausragende Bedeutung habe. "Die Apotheker sehen daher in diesem neuen Medium eine große Chance, ihre Funktion als Arzneimittelinformant und -berater weiter auszubauen", betonte Braun den Nutzwert.

Der Verband geht deshalb gleich mit zwei Websites in die Offensive. Zum 15. Februar gab die ABDA ihrem Internetauftritt (www.abda.de) ein neues Outfit. Mit speziellen Angeboten für Apotheker, Journalisten und Selbsthilfegruppen sowie allgemeinen Informationen für Apotheker soll die Website vorerst diese Zielgruppen ansprechen.

Im Sommer dieses Jahres geht die Standesorganisation dann mit einem Portal für Endverbraucher ins Netz (siehe Interview "Marktführerschaft" weiter unten). Das Angebot wird unter www.aponet.de zu erreichen sein. Über die Website können Apothekenkunden Kontakt zu ihrer Apotheke aufnehmen und dort auch Arzneimittel vorbestellen. Ein Programm erleichtert die Suche nach der nächsten Apotheke. Dort kann er dann die bestellten Arzneimittel abholen.

Für die Nutzer ist das Angebot ideal. Schließlich verfügt keine Internet-Apotheke über mehr als 21.000 Pick-up-Stellen. Die Verbraucherfreundlichkeit der schnellen und kostengünstigen Arzneimittelversorgung werde durch das Internetangebot der deutschen Apotheker beziehungsweise durch die ABDA weiter verbessert, sagt Braun. "Und dies, ohne dass ein Systembruch riskiert werden muss."

Abteilungen des Apothekerhauses, die Kammern und Verbände sowie die wirtschaftenden Töchter sollen mit Daten und Fakten die Basis für das Informationsangebot stellen. Mit ihrem Internetportal wird die ABDA ihre Heilberufskollegen in der virtuellen Welt abhängen. Die Ärzteschaft plant bislang keinen Internetauftritt für Nicht-Fachleute.

Die ABDA versteht ihr Portal nicht als breit angelegtes Gesundheitsportal. Im Mittelpunkt stehen Informationen rund um Arzneimittel. Damit grenzen sich die Apotheker bewusst von den Mega-Portalen wie Lifeline (www.lifeline.de) und Netdoktor (www.netdoktor.de) ab. Diese versuchen die gesamte Medizin abzudecken. Aktuelle Studien der Boston Consulting Group und vom Zukunftsinstitut M. Horx bestätigen die Strategie der ABDA. In Zukunft, so die Prognose, werden sich die Internetnutzer von Anbietern allgemeiner Gesundheitsinformationen abwenden. Chancen werden dagegen qualifizierten neutralen Quellen eingeräumt, die mit speziellen Informationen dem Leser einen hohen Nutzwert bieten.

 

Interview: Marktführerschaft beim Thema Arzneimittel Mit zwei Websites will sich die ABDA in diesem Jahr im Netz positionieren. Der bereits bestehende Auftritt unter www.abda.de wurde überarbeitet. Demnächst soll das ABDA-Portal für Laien ins Netz gehen. Elmar Esser ist Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der ABDA und damit auch für die Internetauftritte verantwortlich.

PZ: Herr Esser, sind Apotheker Internetmuffel?

Esser: Nein, das sind sie definitiv nicht. Bereits heute sind rund 2000 Apotheken mit eigenen Homepages im Internet. Und die Bestellungen beim Großhandel laufen zum größten Teil online. Wir rechnen damit, dass sich sehr viele Apotheken dazu entschließen werden, das Internetportal der ABDA aktiv zu begleiten. Lassen Sie es mich so formulieren: Die Apotheken haben eine sehr gesunde Einstellung zum Internet. Sie nutzen es, wo es Sinn macht, überschätzen das neue Medium nicht, nehmen es aber als Chance für die Weiterentwicklung des Berufes wahr.

PZ: Im Februar ist die neue ABDA-Internet-Homepage ins Netz gegangen. Wie ist das Feedback?

Esser: Erfreulich positiv. Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten, und - was mehr ist als jeder verbale Kommentar - die Apotheken nutzen die Homepage und ihre neu geschaffenen Möglichkeiten, um noch intensiver mit der ABDA zu kommunizieren. Das war unser Ziel, und wie es scheint, wird unser Angebot positiv aufgenommen.

PZ: Wann geht das Internet-Portal der ABDA ans Netz?

Esser: Wir haben immer angekündigt, dass das Portal im Sommer 2001 online geht. Da wir uns hierbei voll im Zeitplan befinden, gehe ich davon aus, dass wir diesen Termin auch halten werden.

PZ: Welche Zielgruppen wollen Sie mit dem Portal ansprechen?

Esser: In erster Linie die Öffentlichkeit. Wir möchten mit dem Portal den verlängerten Arm der lokalen Apotheke im Internet realisieren. Alle Inhalte sind darauf ausgerichtet, dem Kunden die Beratung und den Service der Apotheke zu empfehlen und ihn auch persönlich in die Apotheke zu lotsen. Daneben werden wir aber auch ein Angebot für Apotheker in einem geschlossenen Bereich bereithalten. Wir werden alle Services des Portals so anlegen, dass sie zukunftssicher sind. Neue Entwicklungen wie die Health Professional Card oder später das elektronische Rezept müssen hier bereits mit bedacht werden.

PZ: Was wird den Nutzern geboten?

Esser: Informationen rund um das Arzneimittel und die Apotheke. Wir planen kein weiteres allgemeines Gesundheitsportal. Damit würden wir uns wohl auch überheben. Was wir anstreben, ist die Marktführerschaft im World Wide Web beim Thema Arzneimittel. Da liegt unsere Kernkompetenz. Hierzu gehört die Beratung im Bereich der Selbstmedikation ebenso wie Produktfinder. Der Internetnutzer erwartet ein interaktives Angebot. Das wird er auf der Portalseite der deutschen Apotheker bekommen. Ich nenne in diesem Zusammenhang nur das Stichwort Personalisierung. Wir werden die Internetplattform der deutschen Apotheken sein. Daher werden wir neben einem Apothekenfinder und einem Bestellsystem für Medikamente auch allen Apotheken eine Möglichkeit der Webpräsenz eröffnen, die deutlich über die im Moment angebotenen Web-Visitenkarten hinausgehen wird.

PZ: Warum gibt es das Portal? Welche Motivation hat die ABDA?

Esser: Mit dem Portal wollen wir eine Antwort auf die Internetangebote so genannter Online-Apotheken geben. Politisch und im Servicebereich. Deshalb ist es wichtig, dass das Portal von möglichst vielen Apotheken getragen wird. Hier bin ich sehr zuversichtlich.

PZ: Krankenkassenvertreter behaupten bisweilen öffentlich, die ABDA bereite mit ihrem Portal den Versandhandel via Internet vor. Stimmt das?

Esser: Das ist schlicht und ergreifend Unsinn. Es wird keinen Versandhandel mit uns geben. Wir haben ein System der Arzneimittelvorbestellung zur Abholung in der Apotheke. Denn nur dort kann es die qualifizierte Beratung geben, auf die der Kunde ein substanzielles Recht hat. Im übrigen ist diese Form auch wesentlich moderner als der Versandhandel. In der Internetsprache nennt man das ein Pick-up-System. Will heißen: Der Kunde bestellt die Ware in einem weltumspannenden Netz und holt sie dann wohnortnah in einer der rund 22 000 Apotheken ab. Das ist nicht nur viel schneller, sondern auch ungleich sicherer und bietet eine Form der Convenience, die kein anderer Anbieter leisten kann.

PZ: Mit Netdoktor oder Lifeline gibt es große Internetportale für Laien, hinter denen kapitalstarke Unternehmen stehen. Wie wollen Sie gegen diese Konkurrenz bestehen?

Esser: Wie ich bereits sagte, sehen wir diese Portale nicht als Konkurrenz. Der Nutzer erwartet bei uns keine Informationen über neueste Fortschritte in der Herzchirurgie. Was er bei den Apothekern im Netz erwartet, ist eine unabhängige, seriöse und kompetente Arzneimittelinformation. Hier sind wir offline ohnehin ohne Konkurrenz. Online werden wir - nicht zuletzt durch die Beteiligung von ABDATA und des Govi-Verlages - gegen alle anderen Angebote ohne Probleme bestehen können. Auf der einen Seite steht das Kapital, auf der anderen - bei uns - steht die Kompetenz.

PZ: Vereinzelt wird auch aus Kreisen der Apothekerschaft der Vorwurf laut, das ABDA-Portal komme zu spät. War es richtig, erst in diesem Jahr zu starten?

Esser: Diese Frage stellen wir uns auch selbst. Ich glaube aber, dass der Zeitpunkt jetzt genau richtig ist. Er korreliert im übrigen auch mit der Entwicklung in der gesamten Wirtschaft. Nach der Interneteuphorie zeigt sich jetzt eine Ernüchterung, die sich in den Börsenkursen des Neuen Marktes abzeichnet. Jetzt beginnt die "Old Economy", das Medium intensiv zu nutzen. Man lernt aus den Fehlern der anderen und besetzt mit der Kraft der eigenen Marke die Felder, die es auszufüllen gilt. Wir haben daher auch ein Agenturteam ausgewählt, das umfangreiche Erfahrungen mit der Installation von Businessplattformen für etablierte Großunternehmen hat. Im übrigen: Internetportale kosten Geld, viel Geld. Hier musste auch eine Bereitschaft innerhalb des Berufsstandes wachsen, diese Mittel zur Verfügung zu stellen.

PZ: Das Portal sollte von möglichst vielen Apothekern getragen werden. Mittlerweile haben sich aber viele Apotheker mit ihrem Internetauftritt an Großhändler oder andere Anbieter gebunden. Wie wollen Sie die für das ABDA-Portal begeistern?

Esser: Im Gegensatz zu allen andere Anbietern verfolgt das ABDA-Portal, das APONet, keine eigenen ökonomischen Ziele. Uns geht es nur und ausschließlich um die Förderung der Individualapotheke. Und im Gegensatz zu allen anderen Anbietern sind wir wohl das einzige wirklich unabhängige Apothekenportal. Insofern sind wir auch für alle Apothekenauftritte offen. Ich freue mich über jede Apotheke, die bereits im Netz ist. Denn sie hilft uns bei unserem ehrgeizigen Ziel, alle Apotheken in das Internet zu bekommen. Und technisch ist eine Verlinkung der eigenen Apothekenhomepage mit dem APONet überhaupt kein Problem. Wir werden das anbieten. Wir starten ja auch nicht vom Punkt Null aus. Bereits heute wird das APOnet von rund 2000 Apotheken genutzt. Da unser Angebot zudem kostenfrei für die Apotheken ist, sehe ich keine Probleme. Für den Apotheker, der bereits im Internet ist, bieten wir einen überaus interessanten Zusatznutzen, da wir weitere Zugriffe - Clicks - auf sein Angebot generieren werden. Ich bin sicher, dass die Apotheken diesen Nutzen nicht nur erkennen, sondern auch aktiv in Anspruch nehmen.

 

 

Am Anfang war das APOnet

Der Name APOnet lenkt den Blick auf das erste standeseigene Kommunikationsmedium. Bereits im Januar 1996 startete die Verwaltungsgesellschaft Deutscher Apotheker unter der Leitung von Klaus Marion das APOnet. Das Netz arbeitete noch nicht auf HTML-Basis. Strategisches Ziel war es, ein eigenes unabhängiges Kommunikationssystem aufzubauen. Die Apotheker wollten darauf vorbereitet sein, falls der Gesetzgeber die Heilberufler zur Teilnahme an einem Netz verpflichtet. Das APOnet sollte den Apotheker die Hoheit über ihre Daten sichern.

Mit dem rasanten Verbreitung des World Wide Web in den Jahren 1997 und 1998 begann der Niedergang des ersten APOnets. Die von den Pionieren der ersten Stunde geschätzte Schlichtheit der Seiten wurde vom durchschnittlich EDV-begeisterten Apotheker nicht geteilt. Das WWW war einfacher zu bedienen, die Seiten waren übersichtlicher. Das APOnet war nicht geeignet, längere Texte lesefreundlich darzustellen. Hier boten die ansprechenderen HTML-Seiten des WWW wesentlich mehr Möglichkeiten. Zur Expopharm 1998 in München stieg das APOnet deshalb auf HTML-Format um.

Start in Baden-Württemberg

Recht früh wagten auch die ersten Landesapothekerkammern und -verbände den Schritt ins Internet. Vorreiter war der Landesapothekerverband Baden-Württemberg, der unter der Adresse www.apotheker.de seit 1995 im Netz zu finden ist (siehe Interview "Selbstverständliche Plattform"). Mittlerweile hat rund die Hälfte aller Landesorganisationen einen eigenen Internetauftritt (siehe Serviceseite). Die meisten Berufsorganisationen sprechen mit ihrer Website sowohl die Mitglieder als auch die Öffentlichkeit an. Und auch die meisten Tochterunternehmen der ABDA haben eine eigene Website.

  Interview: Selbstverständliche Plattform Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg hatte als die erste Landesorganisation einen eigenen Internetauftritt. Präsident Fritz Becker zieht eine positive Bilanz.

PZ: Herr Becker, seit wann ist der LAV Baden-Württemberg im Internet vertreten?

Becker: Der LAV Baden-Württemberg ist seit über sechs Jahren mit einer eigenen Homepage unter www.apotheker.de im Internet. Seit dieser Zeit haben wir das Informationsangebot kontinuierlich ausgebaut.

PZ: Sie waren die erste Landesorganisation der Apotheker mit eigenem Internetauftritt. Warum sind sie diesen Weg so früh gegangen? Gab es Kritik oder Bedenken?

Becker: Wir haben schon 1995 erkannt, welche Chancen des Informationsmanagements das Internet bietet. Es ist selbstverständlich, dass wir diese Plattform nutzen. Ein moderner und zukunftsorientierter Dienstleistungsverband kann diese Option nicht ignorieren. Sicher haben wir - damals wie heute - die Dinge kritisch hinterfragt und diskutiert. Für einen Verband, für den eine Schwerpunktaufgabe sicherlich der Informationstransfer ist, ist aber der Schritt zum eigenen Web-Auftritt unumgänglich.

PZ: Was bieten Sie Ihren Mitgliedern im Netz? Welche Funktionen werden am stärksten genutzt?

Becker: Unsere Mitglieder können sich in einem Passwort-geschützten Bereich vor allem über Marketingaktionen und Veranstaltungen des LAV informieren. Auch die LAV-Nachrichten sind hier recherchierbar. Kurz vor der Fertigstellung steht unser "Weißer Ordner online". Mit am stärksten wird zur Zeit der Online-Shop unseres SOFO-Marktes genutzt, der allen Apothekern in Deutschland offen steht. Auch unser Stellenmarkt für Baden-Württemberg, der erst wenige Tage online ist, findet reges Interesse.

PZ: Mit Ihrer Website wenden Sie sich nicht nur an Ihre Mitglieder, sondern auch an die Bevölkerung. Wie wird das Angebot angenommen?

Becker: Die Zugriffe auf unsere Web-Seite steigen langsam, aber kontinuierlich an. Wir informieren vor allem über aktuelle Aktionen in den Apotheken. Besonders intensiv wird auch die Apothekensuchmaschine Baden-Württemberg genutzt. Für uns interessant: Unsere Gesundheitstipps werden eher selten angeklickt.

PZ: Wollen Sie Ihr Angebot noch weiter ausbauen? Wird es irgendwann die virtuelle Kammer, den virtuellen Verband geben, wird die Kommunikation mit den Mitgliedern hauptsächlich über das Netz abgewickelt?

Becker: Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich das APOnet so schwer tut. Im Internet sucht der Apotheker bei seinen Organisationen in erster Linie Informationen über deren Dienstleistung. . Hier gibt es sicherlich noch Potenzial. Für die Lösung eines ganz aktuellen Problems wird man sich in absehbarer Zeit immer noch des Telefons bedienen. Wir werden natürlich weiter überlegen, welche Dienstleistungen der Verband im Internet gut darstellen und nutzbar machen kann.

PZ: Wie sehen Sie die Auftritte der Landesorganisationen im Zusammenhang mit dem ABDA-Portal, das im Sommer kommen wird? Werden dadurch Teile Ihres Angebots, etwa die Informationen für Laien, obsolet? Sehen Sie eine Konkurrenzsituation, erwarten Sie Synergien?

Becker: Das Geheimnis heißt: Synergie. Ich glaube, dass das Gesundheitsportal der ABDA ganz dringend gebraucht wird. Für uns Apotheker kann es doch nicht in erster Linie um die Frage gehen, welche Standesorganisation die Information in das Internet einstellt. Wichtig ist, dass der Verbraucher bei nur einer Internetadresse hochqualifizierte Inhalte abrufen kann und dabei die Chance hat, zur Apotheke seiner Wahl, egal wo sie in Deutschland liegt, eine Kommunikation aufzubauen. Das ist die Herausforderung, vor der wir Apotheker und damit die ABDA stehen. Wer an diesem Strang aus Konkurrenzneid nicht mitzieht, arbeitet kontraproduktiv.

 

 

Fünf Govi-Websites

Nach Anzahl der Internetauftritte liegt der Govi-Verlag mit insgesamt fünf Homepages ganz vorne. Neben der Pharmazeutischen Zeitung finden sich auch die Kundenzeitschrift "Neue Apotheken Illustrierte" (www.nai.de) und das Wissenschaftsjournal "Die Pharmazie" (www.govi.de/pharmazie.htm) im Netz. Bücher online bestellen können Apotheker in der Versandbuchhandlung des Verlages unter www.govi.de. Ein weiteres Angebot wendet sich speziell an Pharmaziepraktikanten (www.pharmaziepraktikant.de).

Über die Website für Pharmaziepraktikanten will der Govi-Verlag eine Community für Praktikanten aufbauen. Auf der anderen Seite bietet ein Lerncenter den Praktikanten die Möglichkeit, sich in Online-Seminaren anhand von Fallbeispielen fortzubilden und ihr Wissen zu vertiefen. Zu einigen Seminaren gibt es Unterlagen, die über die Website heruntergeladen werden können.

Mit dem Angebot engagiert sich der Verlag auf einem Gebiet, das zurzeit heiß diskutiert wird. Die Chancen und Akzeptanz der Fortbildung via Internet werden von Experten recht unterschiedlich bewertet (siehe Interview "Virtuelle Angebote" weiter unten). Der Vorteil liegt auf der Hand: Im Gegensatz zu den heutigen Fortbildungsveranstaltungen der Bundes- oder Landesapothekerkammern, fällt bei der virtuellen Fortbildung die Anreise weg. Außerdem kann jeder selbst entscheiden, wann er sein Wissen auffrischen und wie viel Zeit er in seine Fortbildung investieren möchte. Auf der anderen Seite erfordert die Fortbildung am eigenen Computer erheblich mehr Selbstdisziplin als der Besuch einer Fortbildungsveranstaltung. Und der Vorteil, dass die Anreise entfällt, ist für manchen ein Nachteil. Bieten große Fortbildungsveranstaltungen doch auch die Gelegenheit, interessante Städte zu besuchen und Kommilitonen aus der Studienzeit wieder zu treffen.

Schwierig ist die Dokumentation der virtuellen Fortbildung. Eine eindeutige Identifikation des Fortbildungswilligen im Netz ist kaum möglich. Theoretisch könnte ein Apotheker sich auch für einen Kollegen in ein Fortbildungsprogramm einloggen und unter dessen Namen einen Leistungsnachweis für die erfolgreiche Teilnahme erbringen.

In Deutschland sucht man noch vergebens nach einem umfassenden Angebot zur Fortbildung für Apotheker im Internet. Anders sieht es in den Vereinigten Staaten aus. Dort erhalten Apothekerinnen und Apotheker ihre Berechtigung, den Beruf auszuüben nur auf Zeit. Sie müssen sich während ihres gesamten Berufslebens regelmäßig fortbilden. Für die erfolgreiche Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen, realen und virtuellen, erhalten die amerikanischen Apotheker Bonuspunkte. Dies erhöht die Bereitschaft, sich im Internet fortzubilden, natürlich enorm. In Deutschland gibt es zwar auch eine Pflicht zur Fortbildung in der Berufsordnung. Es wird jedoch derzeit noch kein Nachweis gefordert. In den USA gibt es deshalb zahlreiche Fortbildungs-Websites. Neben Verbänden und Universitäten engagieren sich auch pharmazeutische Unternehmen auf diesem Sektor. Eine umfangreiche Linkliste zur Fortbildung im Internet hat PZ-Autorin Christiane Staiger zusammengestellt (www.pharmazeutische-zeitung.de/phafort.htm)

 

Interview: Virtuelle Angebote erweitern das Spektrum Wenn deutsche Apotheker sich fortbilden wollen, dann müssen sie zuerst meist ins Auto oder den Zug steigen, um zur Fortbildungsveranstaltung zu gelangen. In Zukunft könnten sie ihr Wissen auch am heimischen Computer auf den neuesten Stand bringen. Aber wollen sie das überhaupt? Dr. Axel Helmstädter, Leiter Elektronische Medien beim Govi-Verlag, erwartet, dass Online-Fortbildung das bisherige Angebot eher erweitern als ersetzen.

PZ: Herr Dr. Helmstädter, wo werden sich Apotheker in fünf Jahren fortbilden, zu Hause oder in Meran?

Helmstädter: Diejenigen, die gerne zu den großen zentralen Fortbildungsveranstaltungen, etwa in Davos oder Meran, fahren, werden das sicher weiter tun. Schließlich haben diese Veranstaltungen auch eine soziale Komponente und es ist mitreißend, hervorragende Redner persönlich zu erleben. Es wird aber daneben mehr und mehr virtuelle Angebote geben, die das Vortragsangebot ergänzen, vertiefen und erweitern.

PZ: Wie könnte eine virtuelle Fortbildung technisch ablaufen?

Helmstädter: Elektronische Medien bieten andere Möglichkeiten als Vortragsveranstaltungen. So kann beispielsweise eine Visualisierung durch bewegte Graphiken erheblich zum Verständnis physiologischer Vorgänge beitragen. Liganden-Rezeptor-Wechselwirkungen wird man besser verstehen, wenn sie mit dreidimensionalen drehbaren Formeldarstellungen erläutert werden. Internet-Funktionen wie Foren und Chats ermöglichen einen Erfahrungsaustausch zwischen den Nutzern. Schließlich gibt es elektronische Testverfahren, die - vorausgesetzt der Nutzer ist ehrlich - Wissenslücken aufzeigen und weitere Lernziele bestimmen. Diese technischen Funktionen lassen sich im Prinzip auf alle Inhalte anwenden.

PZ: In den USA scheint die Akzeptanz recht groß. Dort ist Fortbildung aber auch Pflicht. Warum sollte sich ein deutscher Apotheker am Wochenende vor den Rechner setzen?

Helmstädter: Vielleicht, weil er sich besonders für ein Thema interessiert. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass äußere Anreize, etwa die Vergabe von Punkten, die Akzeptanz elektronischer Fortbildung erhöht. Auch in Deutschland denkt man gerade über die Einführung von Punktsystemen zur Dokumentation von Fortbildungsleistungen nach.

PZ: Wie steht es um die Dokumentation einer Internet-Fortbildung? Wie kann man verhindern, dass ein Apotheker sich unter dem Namen eines Kollegen in die Fortbildung einloggt?

Helmstädter: Gute Systeme können Schwindeleien zumindest ausreichend erschweren. Die Tatsache, dass nie absolute Sicherheit bestehen wird, ist einer der Gründe dafür, dass man in Ländern mit Pflichtfortbildung nur einen Teil seiner Fortbildungsleistungen online bewältigen kann. Der größere Teil bleibt immer noch Präsenzveranstaltungen vorbehalten.

 

Die eigene Homepage

Apotheker beschränken ihre Beziehung zum Internet nicht auf die Rolle als Konsument. Immer mehr Apotheker wollen ihre Apotheke im Netz darstellen. Bei der Konzeption der Seite müssen das Heilmittelwerbegesetz und alle anderen für Apotheker relevanten Gesetze beachtet werden. Grundsätzlich gelten im Internet dieselben Gesetze wie für andere Marketingmaßnahmen.

Exakte Angaben über die Zahl der Apotheken-Homepages in Deutschland gibt es nicht, nach Schätzungen dürften es zwischen 2000 und 3000 sein. Damit hat immerhin jede siebte Apotheke eine eigene Website. Die meisten werden von branchennahen Dienstleistern, also Pharmagroßhändlern und Softwarehäusern, betrieben. Einige Apotheker lassen ihre Homepage auch von branchenfremden Unternehmen betreuen.

Die Kosten für eine eigene Homepage sind nur schwer zu beziffern, sie hängen erheblich vom Umfang des Angebotes und vom Anteil der Eigenleistung ab. Apotheker, die ihre Seiten selbst erstellen wollen, können bei verschiedenen Internet-Firmen für überschaubare Beträge eine Domain und den notwendigen Speicherplatz auf dem Server erwerben. So bietet Puretec (www.puretec.de) bereits für einmalig 29,90 DM und monatlich weiter 29,90 DM fünf Domainnamen, 200 MB Speicherplatz und 200 E-Mail-Adressen.

Die Software für die Erstellung der Seiten, ein so genannter Editor, wird von Anbietern wie Puretec, Freenet (www.freenet.de) oder Strato (www.strato.de) gleich mitgeliefert. Diese Programme erlauben jedem mittelmäßig EDV-Interessierten, sich seine Internet-Seiten auch ohne HTML-Kenntnisse selbst zu basteln. Hilfestellungen beim Design und der inhaltlichen Konzeption werden allerdings nicht angeboten.

Wer selbst Hand an Tastatur und Maus anlegen möchte, sollte bedenken, dass die Pflege der Seiten zwar einfach ist, aber trotzdem Zeit verschlingt. Auch die schönste Seite lebt davon, dass die Inhalte permanent auf dem neuesten Stand der Dinge gehalten wird. Wenn die Zeit knapp ist, kann dies schnell zur Qual werden.

Für Apotheker, die sich auf ihre Kernkompetenz beschränken wollen, bieten Pharmagroßhändlern und Software-Häuser umfassende Lösungen an. Meistens kann der Apotheker selbst entscheiden, ob und wie viel er selbst machen möchte, ob ein Shopsystem dabei sein soll oder nicht. Die Preise für solche Angebote sind naturgemäß erheblich höher und liegen bei umfangreichen Auftritten schnell im vierstelligen Bereich pro Jahr.

Für die Gestaltung einer Internethomepage gibt es keine festen Dogmen, bestimmte Grundsätze sollten dennoch beachtet werden. Wer die Besucher auf seiner Website nicht schon in den ersten Sekunden verlieren will, der sollte keine allzu großen Bilder auf die Homepage stellen. Bilder oder Grafiken, die mehrere Megabyte groß sind, bleiben tabu. Dies gilt auch für die Internetausgabe der Pharmazeutischen Zeitung: Die Bilder auf der Homepage der PZ-Online sind im Allgemeinen nicht größer als 10 Kilobyte.

Wer eine Homepage gestaltet, sollte auch daran denken, dass Internetnutzer nicht zum Rätseln oder Suchen auf die Seite kommen. Übersichtlichkeit steht deshalb am Vordergrund. Außerdem sollten die Links zu den dahinterliegenden Seiten so benannt werden, dass sich dem durchschnittlichen Nutzer ohne große intellektuelle Anstrengungen erschließt, was ihn auf der anderen Seite des Links erwartet.

Auch bewegte Bilder, Javascript oder anderen Animationen sollten beim Internetauftritt einer Apotheke sparsam eingesetzt werden. Wer nicht die 12- bis 25-Jährigen zu seiner Kernzielgruppe auserkoren hat, wird über die extensive Nutzung solcher Extras keine bleibenden Freunde gewinnen.

Die Frage, ob eine Apotheke eine eigene Website haben sollte, muss jeder Apothekenbesitzer für sich selbst beantworten. Die möglichen Begründungen reichen vom Argument, eine Internethomepage sei im Prinzip nichts anderes als der Eintrag im Telefonbuch, über die Profilierung durch kompetente Informationsangebote bis zur Vorbereitung auf das erhoffte oder befürchtete Ende des Versandhandelsverbot (siehe Interview "Auf Heller und Pfennig").

Was auch immer heute einen Apotheker zur eigenen Homepage bewegt, auf den kurzfristigen kommerziellen Erfolg sollte man nicht schielen. Denn soviel ist sicher: Mit dem Internet lässt sich zurzeit als Apotheker kein Geld verdienen.

 

Interview: Auf Heller und Pfennig Rund 3000 Apotheker haben eine eigene Homepage. Allzu hohe Erwartungen an das neue Medium sollten Sie nicht haben. Apotheker Jochen Esser, Rödermark, sieht trotzdem deutlich mehr Vorteile als Nachteile.

PZ: Herr Esser, seit wann haben Sie eine eigene Homepage?

Esser: Seit rund zwei Jahren.

PZ: Was war Ihre Motivation, den Schritt ins Internet zu gehen?

Esser: Internet ist ein modernes Medium, in dem sich jedes moderne Unternehmen darstellen sollte.

PZ: Wer hat Sie bei der Konzeption unterstützt? Woher bekommen Sie die Inhalte für Ihre Homepage?

Esser: Konzept und Umsetzung stammen von einer Agentur. Die Agentur aktualisiert auch regelmäßig das Angebot. Wenn wir eigene Anregungen haben, werden sie dort umgesetzt.

PZ: Wer kümmert sich in Ihrer Apotheke um den Internetauftritt?

Esser: Der größte Teil der Arbeit wird extern geleistet. Wenn hier eine Entscheidung über neue Inhalte getroffen werden muss, dann mache ich dies selbst.

PZ: Wissen Sie, wer Ihr Internetangebot nutzt?

Esser: Wir haben keine exakten Informationen. Da wir die Adresse aber nur in lokalen Zeitschriften bewerben, dürften es im Wesentlichen Kunden aus der näheren Umgebung sein.

PZ: Wie viele Menschen besuchen Ihre Website pro Monat?

Esser: Wir haben rund 800 Besuche pro Monat, mit knapp 5000 Seitenabrufen.

PZ: Verkaufen Sie Waren über die Website?

Esser: Nein, das tun wir nicht. Ich halte dies für nicht rentabel.

PZ: Eine Zwischenbilanz. Hat sich der Schritt ins Internet für Sie bislang gelohnt?

Esser: Wir werden in jedem Fall unsere Website behalten. Ob es sich bislang gelohnt hat, lässt sich schwer sagen. Auf Heller und Pfennig lässt sich dies nicht darstellen.

 

Sorge vor Versandhandel

Trotz der unbestreitbaren Vorzüge des Internets, ist das Verhältnis der Apotheker zum Internet ambivalent. Die wunderbare Welt der weltweiten Kommunikation hat auch Schattenseiten. Die Krankenkassen haben die Diskussion um den Versandhandel mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln wieder angeheizt. Das grenzenlose Internet soll den alten Botschaften neues Leben einhauchen. Versandapotheken in anderen europäischen Staaten sind nur einen Mausklick entfernt. Die Möglichkeit, deutsche Gesetze und Gerichtsurteile zu umgehen, ist im Netz erheblich leichter als in der realen Welt.

Das Vorgehen von DocMorris und den Krankenkassen zeigt Wirkung. Nach einem Besuch in den USA überraschte die damalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer im Sommer 2000 mit der Einschätzung, der E-Commerce-Markt für Medikamente in den USA sei vorbildlich. Sie wolle mitwirken, dass dieser Zugang in Deutschland nicht als Gefahr gesehen, sondern aktiv gestaltet werde. Spätestens seit ihrer Rede am 28. September auf dem Deutschen Apothekertag in Köln konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Ministerin dem Arzneimittelhandel über das Internet positiv gegenüber steht.

Seitdem bläst den Apothekern der Wind ins Gesicht. Sie haben die undankbare Aufgabe, auf die Probleme hinzuweisen, die mit dem Arzneimittel-E-Commerce verbunden sind. Das Internet gilt als modern und innovativ. Wer dies nicht kritiklos akzeptieren möchte, läuft Gefahr, als Bremser oder erzkonservativer Bedenkenträger abgestempelt zu werden. Die Politiker scheinen vergessen zu haben, dass sie erst vor knapp drei Jahren parteiübergreifend das Versandhandelsverbot mit deutlicher Mehrheit ins Arzneimittelgesetzt geschrieben haben.

Erhebliche Nachteile

Dabei sind die Nachteile Offensichtlich: Für den Handel mit Arzneimitteln ist das Internet ist zu langsam, zu unsicher und zu wenig interaktiv. Die Apotheke kann schneller liefern, besser beraten und garantiert, dass einwandfreie Produkte abgegeben werden. Die Gefahr des Fehlgebrauchs ist allgegenwärtig, erklärte auch ABDA-Präsident Hans-Günter Friese auf dem Bonner Symposium. Die Sicherheitsstandards der deutschen Apotheken würden von Internet-Apotheken in keinem Fall erreicht.

Der ABDA-Präsident warnte davor, Qualität und Sicherheit ökonomischen Überlegungen unterzuordnen. Deutschland und die meisten anderen EU-Staaten hätten sich bewusst für höchste Standards bei der Arzneimittelversorgung entschieden. Mit Versandhandel sei dies nicht vereinbar. Die Vorteile für den Verbraucher sind ohnehin nicht klar erkennbar. Profitabel arbeiten können Internetapotheken erst ab einem Abgabepreis von etwa 100 DM.

Trotzdem werden die Versandhandel-Befürworter mehr. Eine kleine Gruppe von Krankenkassenfunktionären und Versandhändlern hat erreicht, dass Deutschland als von Lobbyisten gelenktes anachronistisches Bollwerk gegen den von den Verbrauchern gewünschten Versandhandel mit Arzneimitteln gilt. Die Botschaft fällt auf fruchtbaren Boden: Die neue Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sieht mittlerweile keine Möglichkeiten, den Versandhandel aufzuhalten.

Erstaunlich ist, wie kritiklos auch Experten den Argumenten der Kassen folgen. Denn Deutschland steht mitnichten allein mit seiner Ablehnung, bislang sind Versandhandelsverbote in der Europäischen Union die Regel. Lediglich in den Niederlanden, in Dänemark und in Großbritannien dürfen apothekenpflichtige Arzneimittel versendet werden.

Bilanz positiv

Dass die Entwicklung des E-Commerce im Internet sehr schleppend verläuft, dürfte den meisten Apothekern keine Sorgen bereiten. Das ökonomische Standbein ist die reale Apotheke. Der direkte Kontakt zum Kunden ist nicht zu ersetzen. Völlig unumstritten ist dagegen die Bedeutung des World Wide Web als Informations- und Kommunikationsmediums. Hier stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob Apotheker dies nutzen wollen. Sie tun es längst.

Das Netz ist längst kein Medium mehr allein für Technikfreaks. Die Ur-User vor dreißig Jahren mussten sich ihre Programme eigens von Softwarespezialisten schreiben lassen, heute gibt es Standardsoftware, die weit mehr kann. Der Anwender braucht ohnehin fast gar keine EDV-Kenntnisse. Apotheker jeden Alters recherchieren heute im Internet nach Antworten auf hochspezielle Fachfragen. Das Internet hat zwar weder Buch und Zeitschrift noch Radio und Fernsehen ersetzt. Ein Blick ins Netz, getrieben von dem Bedürfnis nach Erkenntnisgewinn, ist dafür in den seltensten Fällen ein Fehler.

 

 

Der Autor

Daniel Rücker ist seit 1995 Redakteur der Pharmazeutischen Zeitung. Er hat in Marburg Biologie mit dem Schwerpunkt Neurobiologie studiert. Nach einer Ausbildung zum Fachzeitschriften-Redakteur bei Klett WBS absolvierte er ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung. Seit 1996 leitet er den Internetauftritt der PZ und seit 1998 das neu geschaffene Ressort Computerpraxis. Außerdem betreut er seit Januar 2001 die Gesundheitspolitik.

 

 

Anschrift des Verfassers:
Daniel Rücker
Carl-Mannich-Straße 26
65760 Eschborn
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© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2001

 

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