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Kinderrheuma: Häufig zu spät erkannt

MEDIZIN

 
Kinderrheuma

Häufig zu spät erkannt

Von Christina Hohmann, Wiesbaden

 

Rheuma betrifft nicht nur alte Menschen. Sogar Schulkinder, Kleinkinder und Säuglinge können erkranken. Wird die Krankheit nicht rechtzeitig erkannt, drohen Wachstumsstörungen und bleibende Schäden.

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Kinder und Jugendliche können eine ganze Reihe von rheumatischen Erkrankungen entwickeln, die von der Entzündung einzelner Gelenke bis zu lebensbedrohen den rheumatischen Systemerkrankungen reicht. An einer akuten Arthritis erkrankt etwa jedes hundertste Kind, oft infolge einer bakteriellen oder viralen Infektion. Die Gelenkentzündung klingt meist im Verlauf von wenigen Tagen oder Wochen ab.

 

Deutlich seltener kommen chronische rheumatische Erkrankungen vor: Etwa 15.000 Kinder in Deutschland sind betroffen, sagte Professor Dr. Gerd Horneff von der Asklepios-Klinik Sankt Augustin auf dem 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, der gemeinsam mit der 20. Jahrestagung der Assoziation für orthopädische Rheumatologie in Wiesbaden stattfand. Die chronischen Formen werden unter dem Begriff Juvenile idiopathische Arthritis zusammengefasst (JIA). Auch bei diesen Formen können Infektionen Auslöser des Autoimmungeschehens sein. Die genauen Ursachen des Kinderrheumas sind aber noch ungeklärt. »Die Vererbung scheint eine Rolle zu spielen«, sagte Horneff.

 

Späte Diagnose

 

»Kinder können im Prinzip alle Rheumaformen bekommen wie Erwachsene auch«, sagte Horneff. »Bei Kindern sehen sie nur anders aus.« Wegen der ungewöhnlichen Symptomatik und weil bei Kindern kein Rheuma vermutet wird, würden die Erkrankungen oft spät erkannt und entsprechend spät behandelt. Bleibende Schäden und Behinderungen sind die Folge.

 

Solche Behinderungen sind nur zu vermeiden, wenn innerhalb von sechs Wochen nach Auftreten der ersten Symptome eine Therapie begonnen wird. Doch im Durchschnitt wird ein rheumakrankes Kind erst nach acht bis zwölf Monaten einem Kinderrheumatologen vorgestellt, berichtete Horneff. »Dieser Wert ist seit Jahren stabil. Es ist keine Verbesserung zu erkennen.« Eine wohnortnahe Versorgung der betroffenen Kinder sei nicht vorhanden. Das Versorgungsnetz auszubauen, um eine frühzeitige Diagnose zu garantieren, sei ein wichtiges Ziel auf dem Weg zu einer besseren Prognose von rheumatischen Erkrankungen bei Kindern, sagte der Referent.

 

Warnende Hinweise

 

Zeichen, die Eltern aufmerksam machen sollten, sind Morgensteifigkeit und Hinken, um das schmerzende Gelenk zu schonen. Auch wenn ein Kind, das bereits gelaufen ist, wieder getragen werden will, könnte das ein Hinweis auf Gelenkbeschwerden sein. Ein typisches Zeichen für die häufigste Form von Kinderrheuma, die systemische Juvenile idiopathische Arthritis, sind die häufigen Fieberschübe. »Einmal am Tag entwickelt das Kind hohes Fieber, das dann wieder abklingt«, sagte Horneff. Die Patienten wirken schwer krank. Neben den Gelenken können auch Leber, Milz oder Herzmuskel von der Entzündung betroffen sein. Außerdem treten zum Teil Hauterscheinungen wie flüchtige Exantheme auf.

 

Bei einer weiteren Form, der Rheumafaktor-negativen Polyarthritis, sind meist zehn oder mehr kleine Gelenke symmetrisch betroffen. Sie verläuft weniger schwer als die Rheumafaktor-positive Polyarthritis. Diese Erkrankung, die meist nach dem zehnten Lebensjahr einsetzt, entspricht am ehesten dem Verlauf bei Erwachsenen.

 

Bei Kindern mit Oligoarthritis sind nur wenige Gelenke, meist das Knie oder Sprunggelenk betroffen. Besonders häufig entwickeln die erkrankten Kinder eine rheumatische Augenentzündung, eine sogenannte Iridozyklitis.

 

»Etwa ein Viertel aller rheumakranken Kinder entwickeln auch eine Augenentzündung«, berichtete der Referent. »Diese kann bis zur Erblindung führen.« Ursache für die Sehverschlechterung kann entweder eine Eintrübung sonst klarer Anteile des Auges wie die Linse oder der Glaskörper sein. Oder die Entzündung kann Netzhaut oder Sehnerv schädigen. Unbehandelt entwickeln sich diese Komplikationen relativ rasch, innerhalb von ein bis zwei Jahren. Problematisch dabei ist, dass die chronische Iridozyklitis kaum Beschwerden bereitet und daher lange unentdeckt bleibt. Nur durch regelmäßige augenärztliche Untersuchungen an der Spaltlampe, die eine mikroskopische Betrachtung bestimmter Augenabschnitte ermöglicht, lässt sich die Erkrankung erkennen. Die Untersuchung sollte laut Empfehlungen der Deutschen Rheuma-Liga alle vier Wochen bis drei Monate erfolgen.

 

Zur Behandlung einer Iridozyklitis werden Cortisonaugentropfen und -salben eingesetzt. Da Cortison nach wochen- oder monatelanger Anwendung zu grünem und grauen Star führen kann, sollte bei mangelndem Erfolg zusätzlich eine immunsuppressive Therapie begonnen werden.

 

Zu wenig Studien

 

Besonders bei einem frühen Krankheitsbeginn können rheumatische Erkrankungen das körperliche Wachstum und die psychosoziale Entwicklung der Kinder beeinträchtigen. Ein wichtiges therapeutisches Ziel ist daher, nicht nur akute Beschwerden zu lindern, sondern auch eine möglichst normale Entwicklung zu gewährleisten.

 

Die Behandlung umfasst neben der medikamentösen Therapie auch die psychosoziale Betreuung sowie Physio- und Ergotherapie. Als Medikamente kommen vor allem nichtsteroidale Antirheumatika zum Einsatz, aber auch Immunsuppressiva wie Methotrexat, Ciclosporin A und Azathioprin. Glucocorticoide sollten bei Kindern sparsam eingesetzt werden, da sie vor allem in der Langzeittherapie zu schweren und zum Teil irreversiblen Schäden und Wachstumsstörungen führen können.

 

Ein Problem bei der Rheuma-Behandlung bei Kindern ist, dass nur wenige Arzneimittel zur Verfügung stehen, die bei Kindern geprüft und für diese Altersklasse zugelassen sind. So ist von den innovativen Biologika nur ein einziges für Kinder zugelassen, nämlich der TNF-alpha-Blocker Etanercept . »Wir brauchen mehr Studien zu Arzneimitteln bei Kindern«, forderte daher Horneff.

 

Mangelnder Impfschutz

 

Auch die Forschung zu Impfungen bei Rheuma müsste intensiviert werden. »Es gibt zu wenig wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sicher und wirksam Impfungen für Kinder mit Rheuma sind«, so der Referent. Die Durchimpfungsrate betroffener Kinder ist nach einer Erhebung des Rheumaforschungsinstituts aus dem Jahr 2003 auffallend niedrig. Grund ist, dass viele Eltern und auch Ärzte befürchten, die Vakzinierung könne die Erkrankung verschlimmern. Die wenigen bislang durchgeführten Untersuchungen geben aber keinen Anlass zur Sorge. Den Verlauf der Erkrankung verschlechtert die Vakzinierung nicht. »Ausgelöst werden chronisch-rheumatische Erkrankungen durch Impfungen nach aktuellem Kenntnisstand auch nicht«, betonte der Pädiater. In Einzelfällen könne es nach einer Schutzimpfung zu akuten, selbstlimitierenden Gelenkbeschwerden kommen.

 

Gerade für rheumakranke Kinder sind Schutzimpfungen besonders wichtig, sagte Horneff. Denn aufgrund der immunsuppressiven Therapie sind sie besonders infektanfällig und erkranken an Infektionen schwerer als andere Kinder.


Hilfe für Eltern

Eltern von rheumakranken Kindern finden Unterstützung in sogenannten Elternkreisen der Deutschen Rheuma-Liga, Maximilianstraße 14, 53111 Bonn, Telefon: (02 28) 76 60 60, bv(at)rheuma-liga.de, www.rheuma-liga.de.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2006

 

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