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Ringelröteln: Ausschlag in Girlandenform

MEDIZIN

 
Ringelröteln

Ausschlag in Girlandenform

Von Christina Hohmann

 

Die meisten Menschen machen Ringelröteln durch, ohne es zu merken. Nur wenige zeigen den typischen ringartigen Hautausschlag. Gefährlich ist die harmlose Infektion mit Parvovirus B19 nur für Immunsupprimierte und Schwangere.

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Ringelröteln haben mit Röteln außer dem Hautausschlag nichts gemein. Die Erkrankung ist deutlich seltener und auch weniger ansteckend. Im englischen Sprachraum heißt die Virusinfektion auch »Fifth Disease«, da Mediziner ab dem 17. Jahrhundert Kinderkrankheiten mit Hautausschlag einfach durchnummerierten. Nach Masern, Scharlach und den Röteln folgten eine Unterform der Röteln (Duke's Disease) sowie die Ringelröteln als fünfte Krankheit. Der Erreger der Infektion wurde 1974 eher zufällig entdeckt, als Virologen Blut von Spendern untersuchten. In der Probe B19 fanden die Forscher ein sehr kleines Virus, das den von Tieren bekannten Parvoviren ähnelte und daher den Namen Parvovirus B19 erhielt. Lange Zeit war allerdings nicht bekannt, welche Krankheit das Virus hervorruft. Erst 1983 wurde der Erreger als Ursache der Ringelröteln identifiziert.

 

Parvovirus B19 ist mit einem Durchmesser von 18 bis 26 nm das kleinste humanpathogene Virus (parvum, Lateinisch für klein). Das widerstandsfähige, nicht umhüllte Virus enthält eine einsträngige DNA als Erbgut. Es ist der einzige Vertreter der Gattung Erythrovirus aus der Familie der Parvoviridae. Die Viren befallen und vermehren sich hauptsächlich in erythroiden Zellen, den Vorläufern der roten Blutkörperchen im Knochenmark. Da der Erreger das Blutgruppen-P-Antigen als Andockstelle benutzt, kann es auch Megakaryozyten, Endothelzellen und fetale Myokardzellen befallen, die dieses Oberflächenprotein ebenfalls besitzen.

 

Übertragen wird der Erreger hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion. Seltener treten Ansteckungen durch direkten Kontakt mit Infizierten, durch gemeinsames Benutzen von Geschirr oder Besteck, über kontaminierte Hände oder Transfusionen von Blut- oder Plasmaprodukten auf. Schwangere können das Virus über die Plazenta auf den Fetus übertragen.

 

Das Virus ist weltweit verbreitet. Alle drei bis vier Jahre kommt es im späten Winter und Frühjahr zu kleinen Epidemien, bei denen hauptsächlich Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 15 Jahren erkranken. Daher zählen die Ringelröteln zu den typischen Kinderkrankheiten, doch auch Erwachsene können sich anstecken. Die Durchseuchungsrate liegt im Vorschulalter bei etwa 5 bis 10 Prozent, bei Jugendlichen bei 50 Prozent und bei Erwachsenen zwischen 60 und 70 Prozent. Eine Infektion hinterlässt eine lebenslange Immunität. Die Inkubationszeit beträgt zwischen 4 und 14 Tage. In diesem Zeitraum ist die Ansteckungsfähigkeit der Patienten am größten.

 

Meist symptomlos

 

Obwohl mehr als die Hälfte der Erwachsenen gegen Parvovirus B19 immun sind, können sie sich nicht daran erinnern, Ringelröteln gehabt zu haben. Die Mehrheit der Infektionen verläuft nämlich asymptomatisch. Einige Infizierte entwickeln grippeähnliche Beschwerden, ohne jedoch den charakteristischen Hautausschlag zu zeigen. Ringelröteln treten nur bei etwa 20 Prozent der Infizierten auf. Das Exanthem beginnt an den Wangen mit großen hellroten Flecken, die das Kind aussehen lassen, als wäre es geohrfeigt worden (»Slapped-cheek disease«). Die Mundpartie sowie die Nasenflügel bleiben ausgespart, sodass eine Schmetterlingsform entsteht (Schmetterlingserythem). Nach wenigen Tagen breitet sich der Ausschlag auf den Rumpf, die Oberarme, Oberschenkel und das Gesäß aus. Die makulopapulösen Flecken blassen in der Mitte ab, wodurch das typische ring- oder girlandenförmige Aussehen entsteht, das zum Namen Ringelröteln führte. Der Ausschlag juckt in der Regel nicht und klingt nach sieben bis zehn Tagen wieder ab.

 

Bei Kindern ist das Exanthem häufig von Fieber und Unwohlsein begleitet. Bei Mädchen und Frauen kommt es häufig zu rheumaähnlichen Gelenkbeschwerden vor allem an den kleinen Gelenken wie der Hand, dem Handgelenk, Knie oder Knöchel. Die Arthralgien enden nach zwei Wochen bis zwei Monaten von selbst und hinterlassen keine Spätschäden. In einigen Fällen können die Gelenkbeschwerden das einzige Symptom einer Infektion mit Parvovirus B19 sein.

 

Akuter Erythrozytenmangel

 

Da das Virus vor allem Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen befällt, kann es bei Patienten mit chronisch hämolytischer Anämie, verkürzter Erythrozytenüberlebenszeit oder niedrigem Hämoglobingehalt zu einer schweren Komplikation kommen. Die Infektion führt bei diesen Risikogruppen zu einer transienten aplastischen Krise, in der die Blutbildung stark gestört ist. Ein Hautauschlag fehlt fast immer, doch grippeähnliche Symptome können auftreten. In schweren Fällen kann es zu einer Knochenmarksnekrose kommen, die Infektion kann tödlich enden.

 

Auch für Patienten mit angeborenem oder erworbenem Immundefekt oder Immunsupprimierte ist die Parvovirus-B19-Infektion nicht ungefährlich. Sie können eine chronische Anämie entwickeln.

 

Infektion des Ungeborenen

 

Da nur etwa 50 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter immun gegen den Erreger sind, erkranken auch immer wieder Schwangere an Parvovirus-B19-Infektionen. In etwa 30 Prozent der Fälle wird der Erreger über die Plazenta auf das ungeborene Kind übertragen. Hier befällt das Virus hauptsächlich die Vorläuferzellen der Erythrozyten, weshalb es zu einer schweren Blutarmut des Fetus kommen kann. Eine häufige Folge der Anämie ist der Hydrops fetalis, eine generalisierte Flüssigkeitsansammlung in Körperhöhlen und Weichteilen des Ungeborenen, der in einigen Fällen zum Tod des Kindes führt (5 Prozent). Zu dieser Komplikation kommt es vor allem bei Infektionen im ersten und zweiten Trimenon (besonders zwischen der 10. und 22. Schwangerschaftswoche). Aber auch im dritten Trimenon können spontane Fehlgeburten auftreten. Als Therapie des Hydrops fetalis eignet sich die intrauterine Transfusion von Blutprodukten, die eine Erfolgsquote von etwa 85 Prozent aufweist.

 

Da auch fetale Myokardzellen Ziele des Virus sind, können infizierte Ungeborene auch kardiale Komplikationen entwickeln. Die regelmäßige Untersuchung der Kinder per Ultraschall ist das geeignetste Mittel, um Komplikationen wie Herzprobleme und Hydrops fetalis rechtzeitig zu erkennen und gezielt zu therapieren. Missbildungen, wie sie Ungeborene etwa bei einer Rötelninfektion entwickeln, sind bei Ringelröteln nicht bekannt.

 

Keine spezifische Therapie

 

Bei Patienten, die den charakteristischen Hautausschlag zeigen, lässt sich die Diagnose nach dem klinischen Bild stellen. In Sonderfällen, zum Beispiel bei Kontakt mit Schwangeren, kann eine Parvovirus-B19-Infektion auch durch den Nachweis von IgG- oder IgM-Antikörpern festgestellt werden. Bei Immundefizienten ist der Antikörpernachweis häufig nicht möglich. Das Virus selbst, beziehungsweise sein Erbgut, lässt sich in Blut, Knochenmark oder Fruchtwasser mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion nachweisen.

 

Eine spezifische antivirale Therapie existiert nicht. Gegen die begleitenden Symptome wie Fieber oder Gelenkschmerzen helfen Wirkstoffe wie ASS und Ibuprofen. Patienten mit aplastischen Krisen sollten Bluttransfusionen erhalten. Bei Immundefizienten mit chronischer Parvovirus-B19-Infektion ist eine Therapie mit Immunglobulinen angezeigt.

 

Präventive Maßnahmen gegen die Infektionen gibt es kaum. So existiert kein Impfstoff gegen das Virus und auch der Erfolg einer passiven Immunisierung mit Immunglobulinen ist fraglich. Sorgfältiges Händewaschen scheint allerdings die Verbreitung des Virus zu verhindern.

 

Eine Isolierung von Kranken ist selten sinnvoll, da Patienten, die den typischen Hautausschlag zeigen, nicht mehr ansteckend sind. Kinder mit Exanthem können daher, anders als bei Röteln und Masern, wieder zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Dagegen sind immundefiziente Patienten mit chronischen Infektionen über lange Zeit hoch ansteckend und sollten isoliert werden.

 

Quellen:

 

CDC-Factsheet »Parvovirus B19 (Fifth Disease)« www.cdc.gov/ncidod/dvrd/revb/respiratory/parvo_b19.htm
CDC-Factsheet »Parvovirus B19 Infection and Pregnancy« www.cdc.gov/ncidod/dvrd/revb/respiratory/B19&preg.htm
Suttorp, N., et al., Infektionskrankheiten ­ verstehen, erkennen, behandeln. Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart (2004), 604-605.
Robert-Koch-Institut »Stellungnahme des Arbeitskreises Blut Parvovirus B19« vom 2. Dezember 1998

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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2006

 

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