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Antiseptika im Kampf mit den Keimen

TITEL

 
Antiseptika im Kampf mit den Keimen

von Axel Kramer, Peter Rudolph und Frank-Albert Pitten, Greifswald; Wolfgang Behrens-Baumann, Magdeburg; Karen Reimer, Limburg; Ulrich Glück, Luzern

 

Bei der Auswahl von Antiseptika ist zu berücksichtigen, dass es kein universell geeignetes Mittel geben kann. Vielmehr muss man in Abhängigkeit von den Besonderheiten des Anwendungsbiotops, dem benötigten Wirkungsspektrum, der realisierbaren Einwirkungszeit, der lokalen und gegebenenfalls auch systemischen Verträglichkeit sowie der Galenik das geeignete Präparat bestimmen. Hier sollen Hinweise zur Wirkstoffauswahl aufgrund ihrer Nutzen-Risiko-Bewertung gegeben werden. In jedem Fall gilt die goldene Regel der Antiseptik: Nicht das wirksamste Antiseptikum ist am geeignetsten, sondern das geeignetste Antiseptikum ist am besten.

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Die Antiseptik hat in den letzten Jahren aus mehreren Gründen eine Renaissance erlebt: Bei unerwünschter mikrobieller Kolonisation oder Infektion der Körperoberfläche sind systemische Antiinfektiva nicht wirksam. In Verbindung mit dem vorwiegend durch den Einsatz von Antibiotika induzierten weltweiten Erregerwandel nehmen Kolonisation (Keimträgertum) oder Infektionen episomatischer Biotope durch multiresistente Erreger zu; diese Areale müssen antiseptisch saniert oder therapiert werden. Neue Wirkstoff-Formulierungen verbessern zudem die Möglichkeiten der antiseptischen Prophylaxe und Therapie.

 

Indikationen

 

Zielsetzung der Antiseptik ist die Abtötung, Inaktivierung und/oder Entfernung von Mikroorganismen oder Viren auf der Körperoberfläche zur Prophylaxe oder Therapie einer Infektion oder Kolonisation (1). Wenn eine systemische Erregerausbreitung anzunehmen ist, müssen gleichzeitig systemische Antiinfektiva eingesetzt werden. Die Aufgaben der Antiseptik sind vielfältig:

 

Verhinderung einer Keimverschleppung in normalerweise mikrobiell nicht besiedelte Körperbereiche des Patienten;
Schutz vor lokaler Kolonisation mit nachfolgender Infektion;
Schutz vor systemischer Ausbreitung lokaler Infektionen;
Behandlung lokaler Infektionen;
Sanierung von Keimträgern;
Verhinderung einer Keimübertragung auf andere Personen und in die Umgebung.

 

Antiseptika werden angewendet auf Haut und Schleimhaut, am äußeren Auge, auf Wunden, verletzten oder chirurgisch eröffneten endosomatischen Arealen und direkt appliziert in Körperhöhlen (1). Zur Prophylaxe und Keimträgersanierung werden mikrobiozide oder viruzide Wirkstoffe benötigt. Zur Therapie ist unter Umständen eine mikrobiostatische Wirkung ausreichend, zum Beispiel bei der Behandlung von Dermatomykosen.

 

Grundsätzlich können Antiseptika ihre Wirkung nicht nur durch direkten Angriff am Krankheitserreger entfalten, sondern auch das mikrobielle Attachement blockieren (2) und mikrobielle Exoprodukte wie Toxine, Gewebe zerstörende Enzyme und andere Pathogenitätsfaktoren hemmen, die bei der Pathogenese von Infektionen von Bedeutung sind (3). Die Hemmung von Zytoadhärenz und Attachement kann den Schutzmechanismus der residenten Flora eines Körperareals (episomatisches Biotop) unterstützen und eine Dysbiose mit nachfolgender Kolonisation und Infektion durch transiente Keime verhindern. Im Mund-Rachen-Raum kann beispielsweise eine Besiedelung mit Streptococcus spp., Staphylococcus aureus, Haemophilus influenzae, Pseudomonas aeruginosa oder Enterobacteriaceae verhindert werden.

 

Virale Infektion, Antibiotika- und Zytostatikatherapie, Tumorbestrahlung, Trauma einschließlich Verbrennung oder mangelhafte Mundhygiene können Ursache einer Dysbiose sein. Auch in diesen Belastungssituationen erscheint der adjuvante Einsatz von Antiseptika aussichtsreich. So ist zum Beispiel in der Mundhöhlenantiseptik der Einsatz von Iodophoren (4) für die Mukositisprophylaxe und von Chlorhexidin für die Pneumonieprophylaxe bei apparativ beatmeten Intensivtherapie-Patienten gesichert (5).

 

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es prinzipiell möglich, bei unkomplizierten Erkältungskrankheiten die bakterielle Superinfektion durch Antiseptika zu verhindern. Charakteristikum des banalen Infekts ist die fast ausschließlich virale Ätiologie mit altersabhängiger Spontanheilungstendenz. Auf dem Boden der viralen Schädigung kann sich eine bakterielle Dysbiose mit nachfolgender Infektion der Rachenschleimhaut (Pharyngitis) entwickeln, die sich ausbreiten und als Tonsillitis, Laryngitis, Bronchitis (Entzündung von Mandeln, Kehlkopf und Bronchien) und im schwersten Fall als Pneumonie manifestieren kann.

 

In einer randomisierten, Plazebo-kontrollierten trizentrischen Studie konnte die dreitägige Anwendung eines Antiseptikums als Lutschtablette innerhalb von 24 Stunden nach Beschwerdebeginn und bei Ausschluss einer bakteriellen Infektion (A-Streptokokken) im Vergleich zum Placebo das Beschwerdebild abkürzen, den Lokalbefund verbessern und eine Überlegenheit bezüglich der Anzahl symptomfreier Patienten erzielen (6). Der Angriffspunkt - virale Infektion oder Verhinderung der bakteriellen Superinfektion - bleibt offen.

 

Antiseptikum oder systemisches Antiinfektivum?

 

Die Entscheidung, ob Antiseptika oder/und systemische Antiinfektiva einzusetzen sind, wird durch folgende Kriterien bestimmt:

 

Antiseptika sind immer dann indiziert, wenn die Mikroflora im episomatischen Biotop ohne weitreichende Tiefenwirkung aus prophylaktischer Indikation reduziert oder wenn lokale Infektionen behandelt werden sollen. In diesem Fall sind Antiseptika systemischen Antiinfektiva durch die am Wirkort rasch erreichbare mikrobiozide Wirkstoffkonzentration überlegen, ohne dass es zur Wirkstoff-"Überflutung" des Gesamtorganismus kommt. Damit reduziert sich das Nebenwirkungsrisiko erheblich.
Bei den mikrobiozid wirksamen Antiseptika ist im Unterschied zu systemischen Antiinfektiva und auch zu mikrobiostatisch wirksamen Antiseptika wie Triclosan keine klinisch relevante Resistenzentwicklung beobachtet worden und aufgrund des Wirkungsmechanismus nicht zu erwarten.
Je nach Wirkstoff sind Antiseptika besser zellverträglich als lokal angewandte systemische Antiinfektiva wie Gentamycin und Polymyxin B oder so genannte Lokalantibiotika wie Nebacetin. Das gilt ebenso für allergene Risiken (7).
Durch zytoprotektive, antiphlogistische oder Regenerations-fördernde Zusätze zu Antiseptika ist eine gleichzeitige Normalisierung episomatischer Biotope möglich.
Schließlich ist der Preis im Vergleich zu systemischen Antiinfektiva niedriger.

 

Bei der prophylaktischen Anwendung von Antiseptika ist - abhängig von der Evidenz - eine Unterscheidung in notwendige, sinnvolle und entbehrliche Indikationen hilfreich. Die Therapie mit Antiseptika, die wegen ihrer direkten Zielsetzung begrifflich als "lokale Antiinfektiva" abgegrenzt werden können, ist immer dann indiziert, wenn sich der Infektionserreger nicht systemisch ausgebreitet hat. Dann sichert die direkte Applikation den Behandlungserfolg bei klinisch manifester Infektion von Haut, Schleimhäuten, Wunden oder Körperhöhlen.

 

Prüfanforderungen an Antiseptika

 

Bisher existiert für die Einstufung eines Wirkstoffs als Antiseptikum als europäische Richtlinie der Basistest der Phase 1 (12, 13) und für Phase 2/Stufe 2 eine deutsche Richtlinie zur Prüfung von Hautantiseptika (14). Für Schleimhaut- und Wundantiseptika wird eine Prüfrichtlinie von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) vorbereitet. Danach soll im quantitativen Suspensionstest ohne Belastung bei einer Endverdünnung des Antiseptikums von 90 Prozent im allgemeinen innerhalb von 5 Minuten eine Keimzahlverminderung für Bakterien (S. aureus, E. faecium, P. aeruginosa, zuzüglich eines biotoptypischen Anaerobiers) über 4,5 lg-Stufen und für Candida albicans über 4,0 lg-Stufen erreicht werden. Je nach vorgesehener Anwendungsdauer können auch längere Einwirkzeiten geprüft werden, was vor allem für Wundantiseptika zutreffen kann.

 

Im nächsten Schritt wird je nach Anwendungsbereich mit der Bakterienspezies, die sich in der vorangegangenen Prüfung als am resistentesten erwiesen hat, und mit C. albicans die Prüfung zur Simulation von Biotopeinflüssen durchgeführt. Dazu gibt man folgende Zusätze zum Prüfansatz: 10 Prozent heparinisiertes Hammelblut, 10 Prozent Rinderserumalbumin, 10 Prozent Muzin oder 1 Prozent Dextran plus 9 Prozent Eugalan Töpfer forte 2C. In der empfohlenen Anwendungszeit und -konzentration wird eine Reduktion beider Testkeime um mehr als 3,0 lg-Stufen gefordert. Bei halbfesten oder Salbenzubereitungen muss eventuell eine höhere Verdünnung gewählt werden, um den Test ausführen zu können. In diesem Fall sind die Anforderungen zu modifizieren.

 

Für Phase 2/Stufe 2 liegen erste methodische Studien für die Mundhöhle (15 - 17), das weibliche (18) und das männliche (19) Genitale vor. Das Testprinzip ist jeweils einheitlich mit Keimzahlbestimmung vor und nach Antiseptik mittels Gewinnung von Spülflüssigkeit oder Abstrich. Referenzverfahren sind bisher nicht definiert.

Wirkstoffauswahl bei prophylaktischer Indikation

 

Bei der Auswahl der Präparate sind die Anwender häufig unsicher, ob der Wirkstoff für den Anwendungsbereich geeignet ist und welche Eigenschaften er für die jeweilige Indikation benötigt. Hier sollen Hinweise für die Bereiche Haut, Mundhöhle, Genitalien, Auge und Nasenhöhle gegeben werden.

 

Hautantiseptik

 

Durch die in Sekunden einsetzende tief reichende Wirkung sind Alkohol-basierte Präparate Mittel der Wahl. Eine Ausnahme bildet zum Beispiel die periorbitale präoperative Hautantiseptik. Wegen des Risikos der Reizwirkung ablaufender Alkoholreste in das Auge sind Iodophore Mittel der Wahl (20). Eine weitere Indikation der Hautantiseptik ist die Ganzkörpersanierung bei MRSA-Keimträgern (MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Hier kommen wegen fehlender dermaler Resorption in erster Linie Polihexanid-haltige Waschlotionen (Beispiele: Sanalind®, Prontosan®) (21) und Octenidin (Beispiel: Octenisept®) (22) in Betracht. Klinisch kontrollierte Studien stehen jedoch für alle genannten Wirkstoffe bisher noch aus. Unter Beachtung der Anwendungseinschränkungen aufgrund möglicher Resorption können auch Iodophore und Chlorhexidin-basierte Präparate (Beispiel: Hibiscrub®) angewendet werden.

 

Für Hautantiseptika sind in der DGHM-Desinfektionsmittelliste (23) folgende Einwirkungszeiten vorgesehen: 15 Sekunden auf Talgdrüsen-armen Arealen vor Punktion und Injektion, mehr als eine Minute vor Punktion von Gelenken und Körperhöhlen, eine Minute in Talgdrüsen-reichen Regionen vor Punktionen und Injektionen mit geringem Infektionsrisiko, zum Beispiel Lokalanästhesie im Kopfbereich, zehn Minuten bei wiederholter Applikation vor Haut durchtrennenden Maßnahmen im Bereich von Kopf, Schweißrinne, Sternalregion und Achselhöhle. Wird die Wirksamkeit des Referenzstandards - 70-prozentiger Isopropanol - im Praxistest durch ein Prüfpräparat bereits in weniger als zehn Minuten erreicht, ist nach unserer Auffassung die globale Festlegung von zehn Minuten in Frage zu stellen.

 

Mundhöhle

 

Chlorhexidindigluconat gilt als Goldstandard für die Mund-höhlenantiseptik bezüglich Wirksamkeit und Plaquehemmung, obwohl dieser Stoff in Konzentrationen, wie er auf Schleimhäuten angewendet wird, nur mikrobiostatisch wirkt (Beispiel: Corsodyl®). Ähnlich wirksam sind Hexetidin (Beispiel: Hexoral®) und Cetylpyridiniumchlorid (Beispiel: Dobendan®). Acriflavin ist signifikant schlechter, Octenidin ist in Kombination mit Phenoxyethanol (Beispiel: Octenisept®) signifikant besser wirksam als Chlorhexidin (9, 16). Iodophore (Beispiel: Betaisodona®) sind in der antiseptischen Sofortwirkung dem Chlorhexidin ebenbürtig, in der remanenten Wirkung jedoch unterlegen.

 

Unter Berücksichtigung der Verträglichkeit lassen sich folgende Anwendungsempfehlungen ableiten:

 

Zur antiseptischen Mundhöhlenspülung können Octenidin-haltige Präparate empfohlen werden. Octenidin ist nicht nur bakteriozid und fungizid, sondern auch viruzid wirksam, zum Beispiel gegen Herpes-simplex-Virus. Bei oraler Anwendung findet eine Resorption nur in Spuren durch Verschlucken ohne Kumulation statt. Es besteht kein Anhalt für mutagene, karzinogene und teratogene Risiken (22). Octenidin sollte zurückhaltend eingesetzt werden bei langfristiger Anwendung und bei geschädigter Mundschleimhaut, zum Beispiel durch Bestrahlung (16).
Iodophore werden unter Berücksichtigung ihrer Anwendungseinschränkungen  als Mittel der Wahl zur Endokarditisprophylaxe empfohlen (24). Aufgrund der gesicherten Effektivität in der Mukositisprophylaxe (4) ist diese Indikation in die Nachzulassung für Betaisodona® Mundhöhlenantiseptikum aufgenommen worden.
Chlorhexidin-basierte Präparate sollten wegen ihrer tierex-perimentell nachgewiesenen Induktion prämaligner Veränderungen (25) und ihrer mutagenen Potenz (26) nicht länger als zwei Wochen in der Mundhöhle angewendet werden.

 

Genitalantiseptik

 

Am Orificium urethrae zeigen Iodophore eine bessere Wirksamkeit und lokale Verträglichkeit als Octenidin- und Chlorhexidin-haltige Präparate (8, 19). Auch an der Vulva übertreffen Iodophore Octenidin an antiseptischer Wirkung, während auf der Vaginalschleimhaut nur die Sofortwirkung größer ist; nach 30 Minuten sind keine Unterschiede mehr feststellbar (18). Bei drohendem vorzeitigen Blasensprung wird Hexetidin als Mittel der Wahl angesehen, da es die pathogene Vaginalflora reduziert, ohne die Laktobazillenflora zu zerstören (27).

 

Auge

 

Nach operativen Eingriffen ist eine Endophthalmitis-Inzidenz von etwa 0,1 Prozent relativ niedrig. Dennoch bedeutet jede Entzündung der inneren Gewebeschichten des Auges eine Infektion zuviel, da sie Funktion und Erhalt des Auges bedroht.

 

Wahrscheinlich stammt die Mehrzahl der Erreger von den Wimpern und Drüsenausführungsgängen der Lidkanten. Trotz lokaler Antibiotikagabe am Vorabend des Operationstages können Erreger unmittelbar vor der Operation nachgewiesen werden, wenngleich ihr Vorkommen deutlich reduziert ist. Nach neueren Untersuchungen gehört die präoperative Antiseptik am Auge zur Standardprophylaxe postoperativer Infektionen; damit erreicht man eine beträchtliche Keimzahlverminderung auf der Augenbindehaut mit Senkung der Vorderkammer-Kontaminationsrate auf 0,18 Prozent (28). Wegen der rasch einsetzenden Wirkung (29) und der Verträglichkeit (20) sind Iodophore mit einem Gehalt von 1,25 Prozent PVP-Iod Mittel der Wahl (Beispiel: 1:8 verdünnte Betaisodona® Lösung in isoosmolarer Verdünnung gemäß DAC).

 

Eine noch verträglichere Möglichkeit der Augenantiseptik ist die in Entwicklung befindliche Zubereitung von PVP-Iod-Liposomenkomplexen (30). Erst die etwa 1:40 verdünnte Betaisodona® Lösung ist in der Reizwirkung mit der liposomalen Zubereitung vergleichbar - bei gleicher Effektivität des Liposomenkomplexes. Selbst mit 3 Prozent PVP-Iod in der liposomalen Zubereitung wird bei Peritonealexplantaten neonataler Ratten keine Hemmung der Explantations- und Wachstumsrate induziert (Publikation in Vorbereitung).

 

Nasenhöhle

 

Die Antiseptik des Nasenvorhofs und der Nasenhaupthöhle wurde bisher kaum klinisch untersucht, obwohl beide Biotope ein bedeutendes Erregerreservoir darstellen. Dies gilt sowohl für endogene Infektionen (postoperativ, bei Immunsuppression oder bei Schädel-Hirn-Trauma) als auch für die Weiterverbreitung insbesondere von Staphylokokken, Neisserien, Moraxellen, Haemophilus influenzae und Acanthamoeben. Es wird geschätzt, dass 30 Prozent der Staphylococcus-aureus-Wundinfektionen durch Staphylokokken aus der Nase verursacht werden. Besonders problematisch sind nasale Keimträger mit Methicillin-resistenten Keimen.

 

Derzeit gilt die lokale Anwendung des Antibiotikums Mupirocin als Mittel der Wahl (Beispiel: Turixin®). Hierbei sind mehrere Einschränkungen zu treffen. Es wirkt nur mikrobiostatisch, was Therapieversagen und zunehmende Resistenzen (mutativ und plasmidisch) von S. aureus gegen Mupirocin verursacht. In Anbetracht der anatomischen Verhältnisse ist nicht anzunehmen, dass durch lokale Applikation mittels Watteträger eine Antiseptik der Nasenhaupthöhle erreichbar ist. Hinzu kommt, dass ein Teil der Patienten über erschwerte Nasenatmung, Juckreiz und Brennen in der Nase sowie teilweise über lästiges, nasales Trockenheitsgefühl klagt.

 

Als aussichtsreiche Alternative kommen Iodophore in Betracht. Nach zweimal täglich zwei Sprühstößen in jedes Nasenloch während drei Tagen konnten bei 88 nasengesunden Probanden mit Staphylococcus-aureus-Kolonisation im Cavum nasi keine problematischen Mikroorganismen mehr nachgewiesen werden. Rhinomanometrisch war keine Verminderung der Nasenatmung nachweisbar. Auch hier war die liposomale Zubereitung in vitro signifikant verträglicher als die wässrige Lösung (keine Beeinflussung der Ziliarfrequenz bei Nasenepithelzellen durch eine liposomale 4,5-prozentige PVP-Iod-Zubereitung). Im Vergleich dazu wurde die wässrige PVP-Iod-Lösung erst ab 1,25 Prozent PVP-Iod-Gehalt toleriert, während eine 2,5-prozentige PVP-Iod-Lösung und eine 0,2-prozentige Chlorhexidin-Lösung eine deutliche Hemmung hervorriefen (Publikation in Vorbereitung).

 

Wundantiseptik

 

Im Unterschied zu den bisher lokal angewendeten Xenobiotika und Antibiotika wirkt der Arzneistoff Polihexanid in der Anwendungskonzentration nicht zytotoxisch und stimuliert tierexperimentell die Wundheilung (31). Er ist das erste Antiseptikum mit einem selektiven Wirkungsmechanismus (32). Damit ist Polihexanid Wirkstoff der Wahl zur prophylaktischen und vor allem auch zur therapeutischen Wundantiseptik für akute und chronische Wunden, Verbrennungen zweiten Grades und für Spül-Saug-Drainagen, zum Beispiel bei Weichteilphlegmonen und Osteomyelitiden. Aufgrund der fehlenden Irritation im mikrobioziden Konzentrationsbereich wird Polihexanid therapeutisch am Auge angewandt.

 

Iodophore sind aufgrund ihrer raschen Sofortwirkung und der in vitro nachgewiesenen Inhibition von Entzündungsmediatoren (33) Wirkstoffe der Wahl für oberflächliche Wunden. Mit guten Resultaten können sie aber auch 1:10 verdünnt angewendet werden zur kurzfristigen Spülung tiefer Wunden einschließlich Körperhöhlen, zum Beispiel bei Pleuraempyem. Bei oberflächlichen Verbrennungen sind herkömmliche Iodophore unverdünnt anwendbar, sofern nicht bereits transplantiert wurde, um die Reepithelisierung nicht zu beeinträchtigen. Die in der Entwicklung befindliche liposomale Zubereitung ist Polihexanid im Explantationstest an Verträglichkeit nicht nur gleichwertig, sondern tendentiell überlegen. Erste klinische Untersuchungen mit der PVP-Iod-Liposomenzubereitung auf Hydrogelbasis an Hauttransplantaten zeigen Wundheilungs-verbessernde Eigenschaften (Publikation in Vorbereitung).

 

Der ausgeprägten In-vitro-Toxizität einer Kombination von Octenidin und Phenoxyethanol stehen klinische Erfahrungsberichte einer antiseptischen Primärversorgung von Schürf-, Biss- und Schnittwunden, der Anwendung einer 1:1 verdünnten Lösung bei schwerer Verbrennung sowie einer 1:5 verdünnten Lösung zur Abdominalspülung entgegen (34). Zur weiteren Abklärung sind kontrollierte klinische Prüfungen unerlässlich.

 

Chlorhexidin ist in vitro tendentiell verträglicher als Octenisept und kurzfristig auf oberflächlichen Wunden anwendbar. Die Kombination des Wirkstoffs mit geeigneten zytoprotektiven Zusätzen kann die Verträglichkeit verbessern.

 

Sofern die für die Wirkungsentfaltung benötigte Einwirkzeit von mehr als 6 Stunden gewährleistet ist, steht der Anwendung von Taurolidin aus toxikologischen Gründen nichts im Weg. Toxische Wirkungen einer Behandlung mit Taurolin® 2% sind bisher nicht beschrieben und nach den In-vitro-Befunden (31) auch nicht zu erwarten.

 

Silbersulfadiazin wird zum Teil noch zur Behandlung von Verbrennungswunden vor Nekrotomie angewendet, da es eine Tiefenwirkung in Nekrosen besitzen soll (Beispiel: Flammazine®). Man geht allerdings davon aus, dass bei mikrobiostatisch wirkenden Mitteln wie Silbersulfadiazin nur bei niedrigen Keimbelastungen (unter 105 Kolonie-bildende Einheiten/g Gewebe) eine Wirksamkeit erwartet werden kann. Aufgrund seiner Zytotoxizität und der Verzögerung der epidermalen Regeneration in Verbindung mit passageren Zeichen einer Dermatitis-ähnlichen Reaktion mit Spongiose, Parakeratose und Pseudocarcinomatose (35) ist bei Verbrennungen zweiten Grades bestenfalls eine kurzzeitige Behandlung vertretbar. Bei Patienten mit Sulfonamid-Überempfindlichkeit und Niereninsuffizienz, ebenso bei großflächiger Anwendung sowie bei Verbrennungen zweiten Grades ist Polihexanid (Lavasept®) zu bevorzugen.

 

Antiseptik bei akzidenteller Kontamination

 

Abhängig vom Biotop empfiehlt sich bei akzidenteller Kontamination das schematisch dargestellte Vorgehen (36).

 

Zukünftige Schwerpunktaufgaben

 

Da nur für die Hautantiseptik ein zumindest in Deutschland standardisiertes Praxisprüfmodell existiert (14), besteht für Schleimhautantiseptika die Notwendigkeit, analoge Prüfmodelle der Phase 2/Stufe 2 in Ringversuchen zu validieren. Hierzu werden die Vorbereitungen von der Fachkommission Antiseptik der DGKH getroffen. Für Wunden kann es allerdings kein praxisnahes Prüfmodell an gesunden Probanden geben, so dass hier ein anderer Prüfablauf zu konzipieren ist. Aufgrund der wachsenden Bedeutung der Antiseptik vor allem in operativen Disziplinen und bei Patienten mit erhöhter Infektionsanfälligkeit sind weitere antiseptische Anwendungsbereiche in Placebo-kontrollierten klinischen Studien auf ihre Effizienz zu untersuchen.


Dysbiose: vom Normalzustand der mikrobiellen Kolonisation (Eubiose) eines Biotops abweichende qualitative und/oder quantitative Zusammensetzung
Endokarditis: Entzündung der Herzinnenhaut (Endokard), insbesondere der Herzklappen
Endophthalmitis: Entzündung der inneren Gewebeschichten des Auges
Episomatisches Biotop: räumlich mehr oder weniger begrenzter Bereich der Körperoberfläche mit gleichartigen Standortbedingungen für Mikroorganismen
Lungenempyem: Eiteransammlung in der Lunge in präformiertem Hohlraum
Mikrobielles Attachment: Phase der irreversiblen Adhäsion von Krankheitserregern an humane Zellen mit Einsetzen der Wirtsabwehr und Übergang in Kolonisation oder Infektion
Mukositis: durch Immunsuppressiva, Zytostatika oder Bestrahlung induzierte Schleimhautentzündung, besonders in der Mundhöhle
Nekrotomie: chirurgische Entfernung von abgestorbenem Gewebe, zum Beispiel von Wunden
Osteomyelitis: mikrobiell bedingte Entzündung von Knochenhaut, Knochen und/oder Knochenmark
Parakeratose: Verhornungsanomalie
Pseudocarcinomatose: örtlich begrenzte vermehrte Zellneubildung ohne Bösartigkeit
Spongiose: Flüssigkeitseinlagerungen mit schwammartiger Schwellung im Schleimhautepithel
Weichteilphlegmone: eine Gewebe zerstörende Infektion, die sich diffus und flächenhaft in den Gewebespalten des betroffenen Gewebes ausbreitet
Zytoadhärenz: Adhäsion von Krankheitserregern an lebende humane Zellen

Literatur:

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  2. Stelzner, A., Bakterielle Zytoadherenz. In: Weuffen, W., et al. (Hrsg.), Faktoren der mikrobiellen Kolonisation. Handbuch der Antiseptik. Fischer, Stuttgart, New York 1984, Bd I/4, S. 160 - 206.
  3. König, B., et al., Effects of betaisodona® on parameters of host defense. Dermatol. 195 (1997) S 2, 52 - 48.
  4. Rahn, R., et al., PVP-Iod-Lösung zur Mukositis-Prophylaxe bei therapeutischer Bestrahlung. Dtsch. Z. Mund Kiefer Gesichts Chir. 20 (1996) 137 - 140.
  5. DeRiso, A.J., et al., Chlorhexidine Gluconate 0,12 % oral rinse reduces the incidence of total nosocomial respiratory infection and nonprophylactic systemic antibiotic use in patients undergoing heart surgery. Chest 109 (1996) 1556 - 1561.
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Für die Verfasser:
Professor Dr. med. Axel Kramer,
Institut für Hygiene und Umweltmedizin
der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald,
Hainstraße 26,
17487 Greifswald,
E-Mail: kramer@uni-greifswald.de Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2000

 

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