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Vorsicht bei Antidepressiva plus NSAR

PHARMAZIE

 

- Pharmazie Govi-Verlag

Vorsicht bei Antidepressiva
plus NSAR

von Wolfgang Kämmerer, Wiesbaden

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen das Risiko von Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt. Der absolute Effekt ist jedoch gering und entspricht in etwa dem Risiko bei der Anwendung von niedrigdosiertem Ibuprofen. Bei gleichzeitiger Gabe von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) steigt die Gefahr jedoch erheblich.

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In den letzten Jahren häufen sich Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern wie Fluoxetin und dem Auftreten von Blutungen. Dabei handelt es sich meist um harmlos verlaufende Blutungsereignisse wie Ekchymose, Purpura, Epistaxis oder eine gering verlängerte Gerinnungszeit. In einzelnen Fällen kann es jedoch auch zu schweren Komplikationen wie gastrointestinalen Blutungen, Genitalblutungen oder intrakranialen Blutungen kommen.

Die Freisetzung von Serotonin aus den Thrombozyten spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung der hämostatischen Antwort auf eine vaskuläre Verletzung. Serotonin wird dabei nicht in den Thrombozyten gebildet, sondern aus dem Blutkreislauf durch Serotonin-Transporter in die Blutplättchen aufgenommen, die ähnlich denen des Gehirns sind. In therapeutischer Dosierung blockieren Fluoxetin und andere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer die Aufnahme von Serotonin in die Thrombozyten. Dies führt nach einigen Therapiewochen zu eine Verarmung an Serotonin. Es ist möglich, dass diese Arzneistoffe auf diesem Weg unter bestimmten Umständen die Hämostase beeinflussen und so das Blutungsrisiko erhöhen.

Diese Hypothese wurde in einer kontrollierten Fallstudie überprüft (1). Die Wissenschaftler untersuchten die unerwünschten Effekte von selektiven und verschiedenen nicht selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern sowie Antidepressiva mit anderem Wirkmechanismus wie Nortriptylin, Trimipramin und Mianserin.

Insgesamt werteten die Wissenschaftler 1651 Fälle von oberen gastrointestinalen Blutungen und 248 Fälle von Ulkusperforationen aus. Alle Patienten waren zwischen 40 und 79 Jahre alt. Die Daten wurden mit denen von insgesamt 10.000 Kontrollpersonen verglichen.

52 der 1651 Patienten, die einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer einnahmen, litten unter Blutungen des oberen Gastrointestinaltrakts (3,1 Prozent). In der Kontrollgruppe lag die Blutungsinzidenz bei 1,0 Prozent (95 von 10.000). Dies entspricht einer Risikosteigerung von circa 200 Prozent. Alter und Geschlecht der Patienten sowie die Behandlungsdauer oder Dosierung hatten keinen Einfluss auf das Ergebnis. Die geschätzte Häufigkeit von einem Fall pro 8000 Verschreibungen bedeute nur eine moderate Risikoerhöhung, meinen die Autoren.

Unter den nicht selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern stieg das Risiko nur geringfügig. Wurden andere Antidepressiva verabreicht, fehlte dieser Effekt vollständig. In keiner Wirkstoffgruppe erhöhte sich das Risiko von Ulkusperforationen.

Bei allen Patienten, die selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer in Kombination mit nicht steroidalen Antirheumatika erhielten, stieg das Risiko von Blutungen des oberen GI-Traktes drastisch an (Faktor 15,6). Die Zahl der Blutungen lag deutlich über dem Wert, den die Addition der einzelnen Nebenwirkungen erwarten ließ.

Eine Wechselwirkung geringeren Ausmaßes, jedoch durchaus noch therapierelevant, beobachteten die Mediziner bei Patienten, die gleichzeitig selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und niedrigdosiertes ASS einnahmen. (Risikoerhöhung um Faktor 7,2). Das Blutungsrisiko war bei allen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern gleich hoch, so dass hier ein Klasseneffekt zu vermuten ist.

Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass bei Patienten, die zu gastrointestinalen Blutungen neigen, diese Substanzgruppe nur vorsichtig eingesetzt werden sollten. In einem Editorial in der gleichen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins (2) betonen die Autoren, dass "bei Patienten, die gleichzeitig nicht steroidale Antirheumatika erhalten, geprüft werden sollte, ob sie tatsächlich notwendig sind, oder ob besserer verträgliche Alternativen eingesetzt werden können.

Quelle:

  1. de Abajo, F. J., et al., Brit. Med. J. (1999) 1106 - 1109.
  2. Li Wan Po, A., Brit. Med. J. (1999) 1081 - 1082.
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Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2000

 

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