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Alexander Tschirch: Koryphäe pharmazeutischer Botanik

MAGAZIN

 
Alexander Tschirch

Koryphäe pharmazeutischer Botanik

Von Christoph Friedrich

 

Alexander Tschirch (1856 bis 1939) zählt zu den bedeutendsten Hochschullehrern und Vertretern der Pharmakognosie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In Bern, wo er seit 1890 wirkte, begründete er eine wissenschaftliche Schule (1, 2). Bis heute erfreut sich sein »Handbuch der Pharmakognosie« großer Beliebtheit.

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Alexander Tschirch wurde vor 150 Jahren, am 17. Oktober 1856, in Guben als Sohn eines Diakons und späteren Archidiakonus (Stadtpfarrer) geboren (1 bis 3). Die Familie des Vaters stammt aus Böhmen, während der Großvater mütterlicherseits Hugenotte war. Tschirch bemerkt daher zu Recht, dass er »sehr verschiedenes Blut« in seinen Adern habe, »neben tschechischem und französischem deutsches Adels- und Bürgerblut«. Über seine Kindheit und Jugend bis zu seiner Berufung nach Bern 1890 gibt seine Autobiografie »Erlebtes und Erstrebtes« Auskunft (4). Obwohl Tschirch die Schulzeit als einen »humanistischen Schindanger« empfand und selbst in den Naturwissenschaften, wie er bemerkte, gar nichts leistete, profitierte er dennoch vom Unterricht in den alten Sprachen und in Geschichte, wie sein späteres Lebenswerk zeigt.

 

Auf Empfehlung seines Onkels und späteren Schwiegervaters Otto Ziurek (1821 bis 1886) verließ Tschirch 1872 das Gymnasium ohne Abitur und begann in Dresden-Loschwitz bei seinem Vetter Paul Mündel eine Apothekerlehre. Anschaulich schildert er das Leben in der Offizin, wobei seine Verwechslung von Beifuß und Wermut für den Prinzipal böse Folgen hatte. Dass sie einer späteren »Koryphäe der pharmazeutischen Botanik« passierte, mag manchen beruhigen.

 

Tschirchs theoretische Ausbildung erfolgte, wie damals üblich, weitgehend durch Selbststudium, speziell auf der Grundlage des »Elementar-Handbuch der Pharmazie« von Ziurek (5) sowie eines chemischen Apothekerbuches von Adolf Duflos (6). Nachdem Tschirch 1875 das Gehilfenexamen mit der besten Note abgelegt hatte, konditioniert er in Oberlahnstein, in der Münsterplatz-Apotheke in Freiburg i. Br. und schließlich in der Berner Staatsapotheke. Nebenher besuchte er Vorlesungen in Freiburg und beschäftigte sich in Bern mit der berühmten Drogensammlung Friedrich August Flückigers (1828 bis 1894) (2,4).

 

Berliner Studienjahre

 

Am 30. Oktober 1878 immatrikulierte sich Tschirch an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Zu seinen Lehrern zählten neben dem Chemiker August Wilhelm von Hofmann (1818 bis 1892) und Hermann von Helmholtz (1821 bis 1894) der Botaniker August Eichler (1839 bis 1887), der ihn für die Botanik gewann, wie sich Tschirch rückblickend erinnerte: »Das war kein Staubgefäßzählen und Heusammeln. Hier vereinigten sich Morphologie, Anatomie, Systematik und Pflanzengeografie zu einem Gemälde von eigenem Reiz. Das, was sich meinem staunenden Auge bot, war Wissenschaft, das merkte ich in der ersten Vorlesungsstunde«.

 

Neben den Botanikern Paul Aschersohn (1834 bis 1913) und August Garcke (1819 bis 1904) hörte er auch Pharmazie bei Adolf Pinner (1842 bis 1909), dem jedoch, wie Tschirch sich erinnerte, »jedes Verständnis für dieses Fach fehlte«. Außerdem besuchte er Vorlesungen bei Emil Du Bois-Reymond (1818-1896), Rudolf Virchow (1821 bis 1902), Theodor Mommsen (1817-1903) und Heinrich von Treitschke (1834 bis 1896). Den beiden Letzteren verdankte er Anregungen für spätere historische Studien (2).

 

Karriere mit summa cum laude

 

Nach dem pharmazeutischen Staatsexamen, das er am 10. März 1880 mit »optime« bestand, studierte er weiter. Am 26. Februar 1881 wurde Tschirch mit einer pflanzen-anatomischen Arbeit unter dem Berliner Botaniker Simon Schwendener (1829 bis 1919) mit »summa cum laude« promoviert. Die Promotion erfolgte an der Universität Freiburg, da dies an der Berliner Universität ohne Abitur nicht möglich war (7). Liebevoll schildert Tschirch seinen Doktorvater, der es als Schweizer durchaus gewohnt war, sich freimütig zu äußern, und mit dem er auch viele anregende Gespräche führte. Er bemerkte über ihn: »Ich brachte ihm ein unbegrenztes Vertrauen entgegen und verehrte ihn als das Ideal eines ruhigen, allem äußerlichen Pomp streng abholden Gelehrten [...] ich habe bei ihm nicht nur beobachten, d. h. richtig sehen und das Beobachtete kritisch deuten, sondern überhaupt naturwissenschaftlich denken gelernt« (4).

 

Schwendener vermittelte ihm eine Stelle als Privatassistent bei dem Botanikprofessor Nathanael Pringsheim (1823-1894) mit einem monatlichen Salär von 50 Reichsmark sowie freier Unterkunft. Pringsheim, der ein großes Haus führte, ermöglichte Tschirch zahlreiche gesellschaftliche Kontakte. Da er nur vormittags beschäftigt war, arbeitete Tschirch nachmittags im Chemischen Institut seines Onkels Ziurek. Er lernte daher bei Pringsheim die physiologischen Methoden der Botanik und bei Ziurek die Verfahren der gerichtlichen, technischen und Nahrungsmittelchemie kennen. Ziureks Laboratorium war das erste deutsche Labor für angewandte Chemie. 1885 heiratete Tschirch dessen Tochter Elise (verstorben 1935), der Ehe entstammten die Töchter Margarete und Anna.

 

Im Oktober 1881 war Tschirch Privatassistent von Albert Bernhard Frank (1839 bis 1900) im Pflanzenphysiologischen Institut der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin geworden. Frank übertrug ihm die Leitung der chemischen Abteilung und pflanzenphysiologische Übungen. Da ihm wiederum viel freie Zeit zur Verfügung stand, konnte er seine privaten Forschungen fortführen. Intensiv beschäftigte er sich mit Chlorophyll und fasste 1884 seine Untersuchungen zu einem Buch zusammen. Eichler ermutigte Tschirch, sich zu habilitieren, und dieser sandte also seine bisher erschienenen Publikationen sowie die Habilitationsschrift »Beiträge zur Kenntnis des mechanischen Gewebesystems der Pflanzen« an die Fakultät. Nachdem ihm das Kultusministerium die »Beibringung eines Abiturzeugnisses und eines preußischen Doktordiploms« erlassen hatte, konnte er sich am 30. Oktober 1884 mit einer Probevorlesung zum Thema »Über die Rolle des Chlorophyllfarbstoffs im Assimilationsprozeß« habilitieren. Tschirch bezeichnete später die »venia legendi« als das wichtigste Ziel seines Lebens. Seine Antrittsvorlesung hielt er am 4. November 1884 in der Aula der Universität »Über die anatomischen Grundlagen der pflanzlichen Gewebephysiologie«. Er berichtete darüber: »Ich betrat die Cathedra superior und hielt meinen Vortrag, für den auch wieder die akademische Stunde als Maß festgesetzt war. Als ich geendet, beglückwünschte mich der Dekan, und die Korona spendete reichlich Beifall« (4).

 

1884 bemühte sich der frisch habilitierte Privatdozent ohne Erfolg um die Gründung einer pharmazeutischen Gesellschaft, die erst 1890 Hermann Thoms (1859 bis 1931) gelingen sollte. Immerhin lernte Tschirch daraus: »Wenn man etwas vornehmen will, so darf man sich nicht nur von sachlichen Erwägungen leiten lassen, sondern muss auch persönliche Rücksichten nehmen. Denn auch die Personen gehören zu den ›Sachen‹ « (8).

 

In der Folgezeit hielt er botanisch-mikroskopische Übungen für Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner, las über anatomische Grundlagen der pflanzlichen Rohstofflehre, angewandte Pflanzenanatomie und schließlich auch Pharmakognosie. 1885 sandte er eine Eingabe an den Minister der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, in der er um Einrichtung eines Mikroskopiersaals mit 30 Arbeitsplätzen sowie eines Auditoriums mit 60 Sitzplätzen für den pharmakognostischen Unterricht für Pharmazeuten bat. Mit viel Humor schildert Tschirch seine Audienz bei dem Referenten für Universitätsangelegenheiten, Geheimrat Friedrich Althoff (1839 bis 1908), der ihn vier Stunden warten ließ, um dann festzustellen: »Ja, das fehlte noch gerade, daß ich auch noch den Privatdozenten Institute einrichten müßte« (4). Dennoch sagte er zu, sich um die Angelegenheit kümmern zu wollen. Der Tod Eichlers, der sich sehr für Tschirch eingesetzt hatte, verhinderte jedoch die Realisierung der Tschirchschen Wünsche. Auch eine zweite Eingabe vom 10. Dezember 1885 blieb erfolglos. Zwar äußerte Althoff, als er 1890 einen Ruf nach Bern angenommen hatte: »Eh Sie annahmen, hätten Sie erst bei mir anfragen sollen. Vielleicht hätte sich doch ein Modus gefunden, Sie hier zu halten«, für Tschirch bedeutete dieser Ruf jedoch die »Peripetie« seines Lebens. Aber auch die Berliner Jahre waren nicht ertraglos verlaufen. Neben zahlreichen Publikationen entstanden unter seiner Leitung acht Dissertationen, die vor allem pflanzenanatomische, morphologische und physiologische Themen behandelten. 1889 war sein sehr erfolgreiches Werk, die »Angewandte Pflanzenanatomie« erschienen.

 

Erfolgreiche Forschung in Bern

 

In den Berufungsverhandlungen hatte er »ein ausreichendes Institut« sowie die baldige Umwandlung seines Extraordinariats in ein Ordinariat gefordert. Schon ein Jahr später, am 7. März 1891, erfolgte seine Berufung zum ordentlichen Professor der Pharmazie und Pharmakognosie an die Medizinische Fakultät Bern. Tschirch untergliederte das Institut in drei Bereiche: die Pharmazeutische Chemie, die Pharmakognosie sowie die Angewandte Pharmazeutische Botanik. 1897 übernahm er zusätzlich noch die Toxikologie. Bis 1932 gehörte Tschirch der pharmazeutischen und bis 1900 zusätzlich der medizinischen Prüfungskommission an. Das neue Pharmazeutische Institut wurde noch 1893 im ersten Stock der Alten Kavalleriekaserne eingerichtet; der Umbau erfolgte nach Tschirchs Plänen für 70.000 Franken. Schon bald arbeitete an den Labortischen eine große Anzahl von Schülern. Insgesamt betreute Tschirch in Bern 150 Doktoranden.

 

Wie Friedemann Schmidt nachwies (1), stammten diese aus 17 Ländern, darunter 62 aus Deutschland, 42 aus Skandinavien, elf aus den Niederlanden, je fünf aus Ungarn und Russland, vier aus den USA sowie je drei aus Österreich und Italien. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählte Otto Oesterle (1866 bis 1932), der bei Tschirch promovierte, sich 1898 bei ihm habilitierte und schließlich 1913 zum Ordinarius für Pharmazie in Straßburg berufen wurde. Otto Tunmann (1867 bis 1919) promovierte 1900 bei Tschirch und war von 1905 bis 1919 sein Mitarbeiter. 1908 habilitierte er sich und erhielt 1919 ein Ordinariat für Pharmakognosie an der Universität Wien. Zu Tschirchs Doktoranden zählt gleichfalls Carl Hartwich (1851 bis 1917), der 1892 zum Professor der Pharmakognosie, Pharmazeutische Chemie und Toxikologie am Polytechnikum Zürich avancierte. Schüler von Tschirch waren ferner Karl Dieterich (1869 bis 1920), Sohn von Eugen Dieterich (1840 bis 1904), der ab 1914 die väterliche Pharmazeutische Fabrik in Helfenberg leitete und schließlich auch Eduard Ritsert (1859 bis 1946), der Entdecker des Anästhesins. Die große Anzahl der Schüler, und deren erfolgreicher Lebensweg sowie das tragfähige Forschungsprogramm rechtfertigen es, von einer wissenschaftlichen Schule zu sprechen (2).

 

Zu den wichtigsten Forschungsthemen gehörten Untersuchungen über Sekrete und Sekretbehälter, ein Gebiet, das Tschirch bereits 1886 in Berlin begonnen hatte, dann aber in Bern erfolgreich fortführte. Über 150 Sekrete sind gemeinsam mit seinen Schülern analysiert und klassifiziert worden. Neben Arbeiten zur Pflanzenanatomie entstanden auch Untersuchungen über pflanzliche Abführmittel. Zusammen mit Gullow Pedersen isolierte er das Aloe-Emodin und wies dessen glykosidischen Charakter nach. Weitere Studien waren vor allem der Arzneimittelprüfung gewidmet. Tschirch leitete die Arzneibuchkommission für die Pharmacopoea Helvetia und bearbeitete Wertbestimmungsmethoden und Prüfvorschriften für die vierte Ausgabe. Schließlich weisen ihn sein Handbuch der Pharmakognosie und weitere Publikationen zugleich als einen versierten Pharmaziehistoriker aus. Wie er in einem Brief an Gustav Olshausen vom November 1911 ausführte, unternahm er mit diesem Handbuch, das sein wichtigstes Werk darstellt, den Versuch, seine Wissenschaft neu zu organisieren (9).

 

Tschirch wirkte von 1896 bis 1899 als Dekan der Medizinischen Fakultät und 1908/09 sogar als Rektor, was als eine besondere Auszeichnung gelten kann. 1917 erhielt er einen Ruf nach Wien, den er jedoch ablehnte. 1931 konnte das nach seinen Vorstellungen neu erbaute Institut eingeweiht werden. Ein Jahr später wurde Tschirch emeritiert.

 

Die letzten Jahre waren von Einsamkeit und Krankheit geprägt, wie Tschirch in einem Brief vom 25. Juli 1933 bekennt: »Es wird immer einsamer um mich, fast jeden Monat erhalte ich eine Todesnachricht [...]. Mein Herz findet, daß es nun lange genug gearbeitet hat. Ich kann nicht mehr laufen und kann nicht mehr schnaufen und Digitalis ist meine ständige Nahrung geworden. Der Motor ist kaputt ­ nur Benzin ist noch im Schädel. Aber die Arbeit ist mühsälig geworden.« 1935 starb seine Frau, am 2. Dezember 1939 folgte Tschirch ihr im Alter von 83 Jahren.


Literatur (Auswahl):

  1. Schmidt, F., Alexander Tschirch (1856-1939) und sein Schülerkreis - ein Beitrag zur Entwicklung einer wissenschaftlichen Schule in der Pharmazie, Diplomarbeit Greifswald 1989.
  2. Friedrich, Ch., Schmidt, F., Wissenschaftliche Schulen in der Pharmazie. Teil 5: Alexander Tschirch (1856-1939) und sein Schülerkreis, in: Die Pharmazie 45 (1990), 928-932.
  3. Bork, K., Alexander Tschirch. Eine Studie über das Leben eines wegweisenden Pharmakognosten und dessen Auffassung von Pharmakognosie mit Berücksichtigung seines Hauptwerkes (Handbuch der Pharmakognosie), Würzburg 2003.
  4. Tschirch, A., Erlebtes und Erstrebtes. Lebenserinnerungen. Bonn 1921.
  5. Vasterling, P., Dr. O.A. Ziureks ›Elementar-Lehrbuch der Pharmacie‹, in: Pharmazeutische Zentralhalle 98 (1959), S. 417-421.
  6. Duflos, A., Chemisches Apothekerbuch. Theorie und Praxis der in pharmaceutischen Laboratorien vorkommenden pharmaceutisch-, technisch- und analytisch-chemischen Arbeiten, 6. neu bearb. Aufl., Leipzig 1880.
  7. Tschirch, A., Ueber einige Beziehungen des anatomischen Baus der Assimilationsorgane zu Klima und Standort mit specieller Berücksichtigung des Spaltöffnungsapparates, Dissertation Freiburg 1881.
  8. Schmitz, R., 100 Jahre Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Stuttgart 1990.
  9. Friedrich, Ch., Wocker, M., Sechs unbekannte Tschirch-Briefe - ein Beitrag zum 150. Geburtstag des bedeutenden Apothekers und Pharmakognosten Alexander Tschirch (1856-1939) (im Druck).

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 42/2006

 

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