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Bärlauch in Medizin und Mythologie

PHARMAZIE

 

- Pharmazie Govi-Verlag

Bärlauch in Medizin und Mythologie

von Thomas Richter, Würzburg

Jedes Jahr, wenn die Flora zum Leben erwacht, findet man an unter den noch spärlich belaubten Bäumen eine Pflanze, deren Aussehen an das Maiglöckchen erinnert. Wer die Blätter zwischen den Fingern zerreibt, erkennt sofort den charakteristischen Duft des Bärlauchs, einer alten europäischen Arznei- und Nahrungspflanze.

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Pfahlbautenfunde weisen eindeutig nach, daß der Bärlauch bereits zu germanischen Zeiten im Europa nördlich der Alpen verbreitet war. Die in manchen Landstrichen heute noch übliche Bezeichnung "Ramser" oder "Rämsch" führt etymologisch zum germanischen Ausdruck "hramusan" beziehungsweise zum althochdeutschen Ausdruck "ramsada". Der mittelhochdeutsche Terminus "Rams" findet sich noch heute in vielen Ortsnamen, etwa Ramsthal, Ramsloh oder Ramsau.

Bereits mit der Eroberung Germaniens und der römischen Besatzung im ersten Jahrhundert vor beziehungsweise nach Christi Geburt muß es wohl schon zur Konkurrenz mit einer anderen Lauchart aus Südeuropa gekommen sein: dem Knoblauch Allium sativum, einer Liliaceae. Die antiken Enzyklopädisten Pedanios Dioskurides und Gaius Plinius nehmen in ihren Standardwerken sogar Bezug auf den Bärlauch. Der humanistisch geprägte Kräuterbuchautor Hieronymus Bock berichtet, daß der von Dioskurides bezeichnete "Waldt oder Schlangenknoblauch", genannt Anguinum, "vbeler dann der zam stincket", wobei "er villeicht inn der Artzney Gifft zuvertreiben krefftiger sei". Stellt dieser Ausspruch vielleicht eine Art Vergleich zweier Allium-Phytopharmaka in antiker Zeit dar?

Die Tatsache, daß Lauchgewächse bei verschiedenen Arten von Vergiftungen eingesetzt wurden, hat dem Knoblauch die Bezeichnung Bauerntheriak eingebracht, in Anspielung an das "Kompositum", das als Antidot schlechthin in der Heilkunde verwendet wurde.

Mit Bärlauch gegen böse Geister

Bärlauch spielt in der Heilkunde des Mittelalters keine untergeordnete Rolle, was sich etwa in den Ausdrücken "Herba Salutaris", also Heilpflanze schlechthin, widerspiegelt. Darüber hinaus gibt es Quellen, die Allium ursinum nicht nur eine Vergangenheit als Arznei-, sondern auch als Nahrungspflanze zuweisen. Zur Bedeutung der Pflanze hat sicherlich die Verankerung im Volksaberglauben beigetragen, indem man den Bezug zu einem Seelentier herstellte, nämlich dem Bär.

Die religiöse Bedeutung des Tieres wird allein schon an der Tatsache deutlich, daß der indogermanische Name verloren gegangen ist. Denn die Ehrfurcht vor den Bären beeinhaltete das Verbot, den Namen auszusprechen, weshalb man das Wort durch "der Braune" oder der "Bär" ersetzte.

Aber auch außerhalb Europas war der Bär ein bedeutendes Attribut, wie die Darstellung eines Medizinmannes aus dem Stamme der Blackfootindiander zeigt. Die Kraft des Bären sollte durch das Eingehülltsein in sein Fell auf den medizinkundigen "Schamanen" übergehen. Eine ähnliche Analogie findet sich in vielen Mythen im Bild des Bären als ein verwandelter Mensch.

Auch in der Märchenwelt existiert oft das Motiv des verwünschten Prinzen oder Königs, dessen Entzauberung nur durch Verbrennen der Tierhülle, Enthauptung oder Kuß gelingt. Auch Teile des Tieres besaßen übernatürliche, geradezu dämonische Kräfte, wie ein weiteres Märchen aus der berühmten Bechsteinschen Sammlung deutlich macht: Es wird von einem jungen Schützen berichtet, der vom Teufel dazu verbannt wird, sieben Jahre das Fell eines erlegten Bären zu tragen, des weiteren sich in dieser Zeit nicht zu reinigen und zu beten. Als Belohnung für diese siebenjährige Exilzeit erhält Rupert, der Bärenhäuter, wie der Hauptheld heißt, zur Belohnung ein stattliches Vermögen und darf schließlich seine Auserwählte heiraten.

Der Bär beziehungsweise seine Haut wird mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Die Zeit der gesellschaftlichen und auch religiösen Isolation verbringt Rupert in einer Bärenhaut. Sogar das Bild des Teufels als Bär ist ein altes Motiv in der Mythologie. Interessanterweise haben somit, ähnlich wie beim Johanniskraut oder der Alraune, vom Bären als Amulett getragene Teile, wie etwa Bärenklauen, eine apotropäische (dämonenbannende) Wirkung.

Auch vom Bärlauch ging, ähnlich wie bei anderen Lauchgewächsen, ein Effekt gegen böse Geister aus. Diese Bedeutung spiegelt sich nicht zuletzt in einem Fest wieder, das in Thüringen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch gepflegt wurde, dem Ramschelfest. Am ersten Sonntag vor Walpurgis zog die Bevölkerung kleiner Dörfer im Raum Erfurt in die Wälder, um Ramschel, also Bärlauch, zu sammeln, um dann geschmückt mit der Wunderblume heimzukehren. Der Zeitpunkt war wohl aus zwei Gründen günstig gewählt: Zum einen zerstören die in der Walpurgnisnacht vom 30.April auf den 1.Mai aktiven Hexen die Heilkraft der gegen böse Geister gerichteten Pflanze. Zum anderen erreicht schließlich der Bärlauch Ende April beziehungsweise Anfang Mai ein Optimum an wirksamen Bestandteilen. Wie so oft in der Geschichte der Pflanzenheilkunde geben sich medizinisches Wissen und Volksbrauch die Hand und bilden eine Symbiose.

Feld- und Waldknoblauch statt zahmer

Nicht nur magisch-mythologische Motive lenkten das Interesse immer wieder auf den Bärlauch. Die Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts nehmen sich der im mittelalterlichen Schrifttum in Vergessenheit geratenen Pflanze wieder an. Neben dem erwähnten Hieronymus Bock, beschreibt auch Leonhart Fuchs die Pflanze in seinen Monographien. In einer umfangreichen Knoblauchmonographie erwähnt der Tübinger Gelehrte drei Arten: den Garten- oder "zahmen" Knoblauch, den Feld- und den Waldknoblauch. Hinter der zuletzt genannten Pflanze verbirgt sich der Bärlauch.

Die Beschreibung mit "zewy grossen breyten Blättern" und der Vergleich mit dem "Meyenblümlinkraut" basieren auf der sehr genauen Beobachtungsgabe, die Leonhart Fuchs den Titel "Vater der Botanik" neben Bock und Brunfels eingebracht hat. Auch die Angabe der "statt ihrer wachsung" an "finsteren, feuchten und nassen wälden" sowie der Hinweis auf die Blütezeit Ende April bis Anfang Mai stimmen ziemlich genau mit den tatsächlichen Vegetationsverhältnissen überein. Die Tatsache, daß der Bärlauch eher an feuchten Standorten anzutreffen ist, erklärt ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zum Maiglöckchen.

Was die Anwendung betrifft, werden alle Knoblaucharten von Leonhart Fuchs über einen Kamm geschoren. Während Abbildungen und Beschreibungen der Pflanzen in den Kräuterbüchern der Neuzeit oft sehr innovativ sind, so greifen die Indikationen in der Regel auf ältere Autoritäten zurück.

Im 16.Jahrhundert sind es vor allem die Werke der Antike, etwa von Dioskurides und Plinius, weshalb die bereits genannte Theriak-ähnliche Komponente im Vordergrund steht. So beschreibt Fuchs: "Knoblauch gessen widersteet allem gifft, darumb ihn Galenus nent ein Theriak der bauren".

Nach dem 16. Jahrhundert verfiel der Bärlauch regelrecht in einen Dornröschenschlaf, aus den ihn die Phytotherapie Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre wieder erweckte. Der Gefahr, die traditionelle Literatur unkritisch zu übernehmen und im Sinne des Fuchsschen Kräuterbuches Allium ursinum und Allium sativum über einen Kamm zu scheren, konnte in den letzten Jahren begegnet werden.

Selbstverständlich ähneln sich die Inhaltsstoffe beider Pflanzen im Hinblick auf schwefelhaltige Verbindungen. Die Wirkung resultiert zweifellos aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe. Aus diesem Grunde ist es nicht einzusehen, weshalb dem Bärlauchzwiebelextrakt aufgrund des geringeren Alliin- beziehungsweise Allicinverhältnisses eine geringere antithrombotische beziehungsweise antisklerotische Wirkung unterstellt wird.

In einer gemeinsamen Arbeit einer norddeutschen Firma und dem Münchener Institut für Pharmazeutische Biologie konnte diese These schon zu Beginn der neunziger Jahre widerlegt werden. Mit einem Cyclooxygenase- beziehungsweise 5-Lipoygenasetest wurden für Bärlauch und Knoblauch vergleichbare Effekte erzielt. Hinsichtlich des an der Wirkung beteiligten Ajoengehalt, Abbauprodukt des in reichlicher Menge vorkommenden Methylallyl- und Allylmethylthiosulfinat, scheidet Allium ursinum sogar besser ab als Allium sativum. Hinzu kommt eine besondere Komponente des Bärlauch. Mit einem ACE-Test wurde über die Hemmung des Angiotensin Converting Enzyms die blutdrucksenkende Wirkung der Substanzgruppe untersucht. Die Zwiebeln beider Alliumarten schnitten hier zwar gleich schlecht ab, ein Bärlauch-Frischblatt-Granulat führte im Vergleich zu Knoblauch allerdings zu hervorragenden Ergebnissen.

Der Bärlauch ist in den letzten Jahren intensiv auf mögliche pharmakologische Wirkungen untersucht worden. Dabei entdeckte eine Münsteraner Forschergruppe neben der bereits erwähnten präventiven Wirkung gegen Artherosklerose noch einen Effekt auf bereits in Makrophagen eingelagerte Lipide. Daraus ergeben sich in den nächsten Jahren sicherlich neue Ansätze in der adjuvanten Therapie von Hypercholsterolämien.

Bärlauch ist aber auch eine alte Nahrungs- und Gewürzpflanze ist. Die "Novelle cuisine" hat dem Bärlauch in den letzten Jahren eine Renaissance beschert, die sich in den auf dem Markt befindlichen Küchenrezepten widerspiegelt.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Thomas Richter
Institut für Geschichte der Medizin
der Universität Würzburg
Oberer Neubergweg 10a
97074 Würzburg
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© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 27/1999

 

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