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Psychopharmaka: Zufall und Forschung

TITEL

 
Psychopharmaka

Zufall und Forschung

Von Horst J. Koch

 

Die Geschichte der Antidepressiva, Sedativa oder Neuroleptika ist relativ kurz. Erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts sind Psychopharmaka mit vertretbarer Nutzen-Risiko-Relation verfügbar. Bei ihrer Entdeckung stand oftmals der gesteuerte Zufall, auch »Serendipity« genannt, Pate.

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Viele Jahrhunderte lang galten psychische Erkrankungen als geheimnisvoll, unbehandelbar und wurden mystisch verklärt. Die Patienten lebten - oder vegetierten - oft jahre- und jahrzehntelang in geschlossenen Anstalten. Es war völlig unbekannt, dass Emotionen und seelische Erregungen ein biologisch-chemisches Korrelat, zum Beispiel in Form von Neurotransmittern, haben. Erst die Erkenntnis, wie das Nervensystem auf physiologischer und chemischer Ebene funktioniert und wie Störungen der neuronalen Transmission krankhafte Zustände auslösen können, ermöglichte die Entwicklung von Arzneistoffen, die in diese Regelkreise gezielt eingreifen. Doch zunächst mussten die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Neuropharmakologie gelegt werden.

 

Die Entwicklung der Pharmakologie und Psychopharmakologie in der Neuzeit ist eng mit den Fortschritten der Chemie und insbesondere der organischen Chemie verknüpft, die im 17. und 18. Jahrhundert von der Alchemie zur exakten Naturwissenschaft mutierte. Der Franzose Antoine L. Lavoisier (1743 bis 1794), Opfer der Lynchjustiz während der Französischen Revolution unter Robespierre, legte die Grundlagen für die moderne quantitative Analyse chemischer Reaktionen und isolierte den Sauerstoff. Als Napoleon auf dem Zenit seiner Macht stand, gelang es Friedrich Sertürner, um 1805 Morphin aus Rohopium zu isolieren. Der Paderborner Apotheker testete seine Entdeckung im Selbstversuch (orale Dosis um 100 mg!). François Magendie (1783 bis 1855), Professor zu Paris und Entdecker des Liquor cerebrospinalis einschließlich des Ventrikelsystems, erkannte 1809 die lokale konvulsive (Glycin-antagonistische) Wirkung von Strychnin auf spinaler Ebene.

 

Ein Meilenstein für die organische Chemie war die Synthese von Harnstoff durch den an der Universität Göttingen wirkenden Friedrich Wöhler (1800 bis 1882) im Jahr 1828. Damit hatte der enge Freund Justus von Liebigs den mediävalen Vitalismus endgültig überwunden.

 

Claude Bernard (1813 bis 1878), Schüler und Nachfolger von François Magendie in Paris, dessen »An Introduction to the Study of Experimental Medicine« noch 1957 in englischer Übersetzung neu aufgelegt wurde, entdeckte die Wirkung von Curare auf die muskuläre Endplatte (1848) und legte die Grundprinzipien der experimentellen Medizin fest. Dass er seinen primären Berufswunsch, Schriftsteller zu werden, verwarf, war ein Glücksfall für die Wissenschaft.

 

1869 publizierte Oswald Schmiedeberg (1838 bis 1921), der seine Ausbildung bei Rudolf Buchheim in Dorpat (estnisch Tartu) erhalten hatte, die bradykarde Wirkung von Muscarin auf den Herzmuskel. 1885 war es auch Schmiedeberg, seit 1872 Professor für Pharmakologie in Straßburg, der Urethan (Ethylcarbamat) als Hypnotikum einführte. Einer seiner Schüler in Straßburg, John J. Abel (1857 bis 1938), isolierte ab 1893 Histamin und Adrenalin (Epinephrin). Er gründete 1891 das erste Pharmakologische Institut der USA an der Universität von Michigan und wurde schließlich 1893 Professor an der John Hopkins Universität in Baltimore. Weltruhm erlangte er durch seine späteren Arbeiten über das Insulin (1926).

 

Die Beschreibung der Acetylcholinwirkung auf den Kreislauf durch Reid Hunt (1906) fügte sich nahtlos an die Forschungen Schmiedebergs und die 1897 von Charles Sherrington (1857 bis 1952) veröffentlichte Arbeit über die Histologie der Synapse ein. Hunt (1870 bis 1948) hatte zuvor vorübergehend bei Robert Koch in Berlin und Paul Ehrlich in Frankfurt am Main geforscht. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs postulierte der Engländer Henry Dale (1875 bis 1968) das nach ihm benannte Prinzip der chemischen Signalübertragung durch einen Neurotransmitter, das später durch das Koexistenzprinzip multipler Botenstoffe und Modulatoren ersetzt wurde.

 

1921 wies Otto Loewi (1873 bis 1961), Professor für Physiologie in Graz zwischen 1908 und 1938, nach, dass die Wirkung des Vagus auf das Herz durch einen Botenstoff (Acetylcholin) vermittelt wird; das heißt, dass die Wirkung des Nerven auf den Muskel nicht mechanisch, sondern chemisch übertragen wird. Den Sohn eines jüdischen Frankfurter Weinhändlers ereilte wie viele andere herausragende Wissenschaftler nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Schicksal, über Wien schließlich in der Neuen Welt (New York) Schutz vor den NS-Schergen suchen zu müssen. 1936 wurden er und Dale für ihre herausragenden Leistungen mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

 

Wandel in der Psychiatrie

 

Ein kurzer Blick zurück in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Medizin befand sich quasi am Vorabend der psychopharmakologischen Revolution. Die Ärzte der Psychiatrie hatten die mystische Betrachtungsweise von Erkrankungen verlassen und verfügten durch die Psychopathologie über nachvollziehbare diagnostische Instrumentarien. Psychiatrische Erkrankungen wurden in die Kategorien organisch, Psychosen und Neurosen eingeteilt, die in abgewandelter Form bis heute Bestand haben. Forscher wie Emil Kraepelin, Eugen Bleuler oder Karl Jaspers seien hier stellvertretend genannt.

 

Es gab bereits ein grundlegendes Verständnis, wie das Nervensystem physiologisch und biochemisch funktioniert. Diese Erkenntnisse ließen sich aber noch nicht in praktisch verwertbare Therapien umsetzen. In dieser Hinsicht kam den Wissenschaftlern in den folgenden 20 bis 30 Jahren der gesteuerte Zufall (»Serendipity«) zu Hilfe. Zunächst dominierten neben ergo- und milieutherapeutischen Ansätzen in ­ im Verhältnis zu heute ­ großen Nervenkrankenhäusern biologische Verfahren wie die Insulinschocktherapie oder die Elektrokrampftherapie. Letzteres Verfahren besitzt auch heute noch, unterstützt durch die moderne Anästhesie mit Kurznarkose und Muskelrelaxation, eine unumstrittene Bedeutung in der Behandlung schwerer Psychosen oder bei Suizidalität.

 

Lithium zur Phasenprophylaxe

 

Seit 1850 versuchten Ärzte, Gichtleiden und Infektionen mit dem Alkalimetall Lithium zu behandeln. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete der dänische Arzt und Psychologe Carl Georg Lange (1834 bis 1900) in Kopenhagen mit an bipolarer Störung erkrankten Patienten. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Theorie, dass Emotionen physiologischen Ursprungs seien. Er beobachtete, dass die Behandlung mit Lithium das Risiko erneuter Episoden verringerte (Lange, 1895). Leider geriet diese geniale Beobachtung wieder in Vergessenheit. Erst 1949 fiel dem australischen Psychiater John Cade (1912 bis 1980) auf, dass das Metall beruhigend auf Meerschweinchen wirkte. Im Selbstversuch konnte er dies bestätigen. Dabei stand die etwas sonderbar anmutende Hypothese Pate, die Manie sei Folge einer Autointoxikation mit Harnsäure.

 

In den 1950er- und 60er-Jahren erkannte man den Nutzen der Lithiumtherapie bei Schizophrenie sowie bei bipolaren, depressiven und manischen Patienten, wobei sich der dänische Psychopharmakologe Mogens Schou (1918 bis 2005) bleibende Verdienste erwarb. Schou hatte in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Psychiatern, unter anderem dem dänischen Kollegen Poul Basstrup, die Phasenprophylaxe seit 1967 nach Studien in Risskov mit großem persönlichen Engagement propagiert, nachdem er bereits Mitte der 50er-Jahre die Wirksamkeit prinzipiell hatte nachweisen können.

 

Probleme bereitete der enge therapeutische Bereich des Lithiums. Nach der Markteinführung in Europa kam es sogar zu Todesfällen, sodass Lithium in den USA erst 1970 als Phasenprophylaktikum für bipolare Störungen zugelassen wurde. Bis heute ist es das Standardpräparat der Phasenprophylaxe geblieben, auch wenn die molekulare Pharmakologie noch lange nicht vollständig aufgeklärt ist. Wahrscheinliche Angriffspunkte sind die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin sowie die intraneuronale Signaltransduktion (Inositoltriphosphat; Proteinkinase C, G-Proteine). Als weitere Phasenprophylaktika haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten Carbamazepin, Valproat und zuletzt Lamotrigin in der Klinik etabliert.

 

Antidepressiva-Klassiker

 

1951 fiel in einem Labor der Hoffmann-La Roche der stimulierende Effekt des Tuberkulostatikums Iproniazid auf. Ausgehend von dieser Beobachtung wurde Iproniazid 1958 als erster Monoaminoxidasehemmer (Marsilid®) eingeführt. Später erwies es sich leider als hepatotoxisch. Hinzu kam, dass das Wirkprinzip der MAO-Hemmung mit gravierenden Nebenwirkungen assoziiert ist, insbesondere potenziellen hypertonen Krisen aufgrund der Interaktion mit Tyramin-haltigen Nahrungsmitteln (cheese syndrome). Dies ist heute auch bei Tranylcypromin zu beachten. Erst die Einführung des bisher einzigen selektiven MAO-A-Hemmers (Moclobemid) 1991 erlaubte eine breite und sichere klinische Anwendung dieses Wirkprinzips.

 

Ciba Geigy suchte Mitte der 1940er-Jahre nach antihistaminergen schlaffördernden und neuroleptischen Substanzen. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts führte der Schweizer Psychiater Roland Kuhn (1912 bis 2005) im beschaulichen Münsterlingen am Bodensee 1957 eine klinische Studie mit Imipramin durch. Dabei fiel erstmals die antidepressive Wirksamkeit des Iminodibenzyl-Derivats auf. 1958 kam es unter dem Handelsnamen Tofranil® als erstes trizyklisches Antidepressivum auf den Markt und hat bis heute klinische Bedeutung.

 

Ausgehend von Imipramin ließen sich viele bis heute in der Klinik unentbehrliche Trizyklika synthetisieren; Amitriptylin, Doxepin oder Nortriptylin sind die bekanntesten Vertreter. Kuhn lehrte zwischen 1957 und 1983 als Dozent und Professor für Psychiatrie in Zürich. Seinen groß\-artigen psychopharmakologischen Verdiensten ist hinzuzufügen, dass er als ein interdisziplinär denkender Arzt, für den Humanitas, Philosophie, Kunst und Wissenschaft eine integrative Einheit bildeten, einer Generation von Ärzten und Psychiatern zum Vorbild wurde.

 

1969 postulierten zwei russische Pharmakologen, Izyaslav P. Lapin und Gregory F. Oxenkrug, basierend auf der Katecholaminmangel-Hypothese der Depression von Bunny, Davis und Schildkraut, den antidepressiven Effekt höherer Serotoninkonzentrationen in der Synapse. Dieses Postulat führte zur Entwicklung des ersten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) Fluoxetin durch die Firma Eli Lilly und dessen Analoga, ohne die die moderne Psychiatrie nicht denkbar wäre. Jedoch entzündete sich an Fluoxetin besonders in den USA in den 1980er-Jahren eine hitzige gesellschaftlich-kulturelle Diskussion, die von der kompletten Ablehnung bis zur Erhebung in den Stand eines »Kultpräparats« reicht.

 

Sedativa seit Chloralhydrat

 

1869 publizierte der Berliner Pharmakologe Oscar Liebreich (1839 bis 1908) drei Arbeiten, in denen die sedative und hypnotisierende Wirkung von Chloralhydrat beschrieben wurde, ohne dass der Wirkmechanismus detailliert bekannt war. Dieses Monohydrat des Trichloracetaldehyds hatte bereits 1832 Justus von Liebig synthetisiert. An diesem Wirkstoff wurde erstmals die Entwicklung eines Psychopharmakons von der Synthese über Tierversuche bis zur Erstanwendung am Patienten durchexerziert. Auch die Markteinführung und das Nebenwirkungsprofil, insbesondere die potenzielle Abhängigkeit, wurden gezielt be- und erarbeitet.

 

Ebenso alt ist die Geschichte der Barbiturate. Adolf von Baeyer (1835 bis 1917) entdeckte 1864 die Barbitursäure, deren Name sich einer Anekdote zufolge vom St.-Barbara-Tag, dem Tag der Entdeckung, herleitet. Von Baeyer, mittlerweile in den bayrischen Adelsstand erhoben, folgte 1875 auf Liebigs Lehrstuhl. Er wurde 1905 mit dem Nobelpreis geehrt. 1903 führten Emil Fischer und Joseph von Mering das erste Barbitursäurederivat Barbital (Veronal®) in die Klinik ein. Bereits 1912 hatte die Bayer AG Phenobarbital (Luminal®) entwickelt, das bis heute zur Kupierung von epileptischen Anfallserien oder in der Statustherapie der Epilepsie eingesetzt wird.

 

Aus psychiatrischer Sicht wurde Anfang der 1920er-Jahre Aprobarbital (Somnifen®) berühmt, das der Schweizer Psychiater Jakob Klaesi vorübergehend zur Schlafkur bei Patienten mit Psychosen einsetzte. Nicht zuletzt wegen der hohen Letalität von circa fünf Prozent wurde dieser therapeutische Weg wieder verlassen (Windholz und Witherspoon, 1993).

 

1848 wurde Paraldehyd als halogenfreies Agens synthetisiert, aber erst 1882 als Schlafmittel in die Psychiatrie eingeführt. Das relativ sichere und gut verträgliche Medikament blieb bis Mitte der 1970er-Jahre ein beliebtes Sedativum, obwohl es, über die Lunge eliminiert, zu einem unangenehmen Geruch der Atemluft führt. Paraldehyd (US-Handelsname Paral) wurde noch in den 1990er-Jahre bei Status epilepticus eingesetzt. Amylenhydrat, 2-Methylbutanol, fand ab 1887 klinische Anwendung. Sulfonal, aus der Gruppe der Sulfone, wurde 1886 synthetisiert und bereits 1888 klinisch eingesetzt. Mit Amylenhydrat und Sulfonal (Sulfonmethan) wurden erstmals einfach blinde Studien in der Psychiatrie durchgeführt.

 

Blockbuster Benzodiazepine

 

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde nach sedierenden Substanzen mit spezifischen Wirkungen gesucht. Eines dieser spezifischeren Sedativa war Meprobamat, das sich aus einer Entwicklungslinie von Muskelrelaxanzien ableitete. Charakteristisch waren die beruhigende, schlaffördernde und anxiolytische Wirkung, die prinzipiell auch für moderne Tranquilizer gilt. Mitte der 1950er-Jahre untersuchte man in Laboratorien von Hoffmann-La Roche Benzodiazepinderivate, ohne dass deren sedierende Wirkung ins Blickfeld geriet. Erst als das Projekt 1957 eingestellt werden sollte, wurde man quasi bei Aufräumarbeiten auf Chlordiazepoxid aufmerksam und befasste sich eingehender mit dessen beruhigenden Eigenschaften. Schon 1960 kam es als erstes Benzodiazepin auf den Markt (Librium®).

 

Ein Jahr später entdeckte Leo Sternbach (1908 bis 2005) in den Laboratorien von Hoffmann-La Roche mit Diazepam den Pharma-Blockbuster schlechthin. Sternbach wurde in Opatjja (Kroatien) geboren und erhielt seine akademische Ausbildung in Krakau. Benzodiazepine haben nicht nur die Psychopharmakologie, sondern auch die moderne Anästhesie und die Intensivmedizin revolutioniert. Die Beliebtheit der Medikamentengruppe zeigte sich darin, dass Diazepam in den 70er-Jahren das weltweit meistverkaufte Präparat war. Damit trat auch seine Hauptnebenwirkung, die Abhängigkeit, massiv zutage. Die zum Teil viel zu lockere Verschreibungspraxis der Benzodiazepine, die die Abhängigkeit fördert, wird heute vielfach kritisiert.

 

Als weitere Substanzen, die über den GABA-Rezeptor-Chloridkanalkomplex wirken, haben sich seit den 1990er-Jahren die »Z-Substanzen« Zopiclon, Zolpidem und Zaleplon als Schlafmittel am Markt etabliert. Zopiclon, der erste Repräsentant dieser Gruppe, wurde Beginn der 80er-Jahre von Sepracor entwickelt und 1986 von Rhone-Poulenc eingeführt. Leider hat sich die anfangs gehegte Vermutung eines vernachlässigbaren Abhängigkeitspotenzials nicht bestätigt.

 

Neuroleptika im Spannungsfeld

 

Die Psychopharmakologie sieht sich seit ihrer Einführung Ende der 1950er-Jahre kontinuierlich gesellschaftlicher Kritik ausgesetzt. Keine andere Arzneimittelgruppe ist davon so sehr betroffen wie die Neuroleptika. Dies beruht zum einen auf einer archaischen (archetypischen) allgemeinen Angst vor an Psychosen erkrankten Patienten und einer großen Unsicherheit im Umgang mit ihnen. Zudem wird das Nutzen-Risiko-Verhältnis durch gravierende und offensichtliche Nebenwirkungen wie Spätdyskinesien belastet. Oft wird in dieser Diskussion allerdings vergessen, wie gering die Chancen für die Patienten bis dahin waren, ein selbstständiges Leben außerhalb einer Einrichtung zu führen. Bis zur Einführung der Psychopharmaka waren die Liegezeiten in Nervenkrankenhäusern derart lang, dass 30 Prozent der Betreuten bis zu zehn Jahre dort verblieben. Nervenkrankenhäuser mit 1000 bis 1500 Betten waren keine Seltenheit.

 

Nicht zuletzt deshalb ist die Entwicklung des ersten Antipsychotikums durch Henri Laborit (1914 bis 1995) und Paul Charpentier als Meilenstein moderner Psychopharmakaforschung anzusehen. Ersterer, Neurochirurg in Paris, suchte ein präoperatives Sedativum, um den Patienten die Angst vor der Operation zu nehmen. In der Folge gelang es Charpentier, pharmazeutischer Chemiker bei Rhone-Poulenc, 1950 das Chlorpromazin zu synthetisieren. Bereits 1952 beobachteten ihre Landsleute Jean Delay (1907 bis 1987) und Pierre Deniker (Jahrgang 1917) die neuroleptische Wirkung des Wirkstoffs, der ein Jahr später von Rhone-Poulenc in die psychiatrische Praxis eingeführt wurde (Largactil® und Megaphen®). Bis heute ist es die Referenzsubstanz für Neuroleptika; man spricht von Chlorpromazin-Äquivalenten.

 

Ein weiteres Neuroleptikum der ersten Stunde, Haloperidol, ist bis heute nicht aus der Akutpsychiatrie wegzudenken. Paul Janssen (1926 bis 2003) synthetisierte es 1957 unweit von Antwerpen. Das Spannungsfeld, in dem sich die Neuroleptika von Anfang an befanden, wird dadurch deutlich, dass die Vermarktung von Haloperidol in den USA (Firma Searle) zunächst wegen der Nebenwirkungen zurückgestellt wurde. Ein weiterer Meilenstein, der Paul Janssens Ruhm als pharmazeutischer Chemiker und Unternehmensgründer begründete, ist die Entdeckung von Fentanyl Ende der 1950er-Jahre. Insgesamt synthetisierte dieser brillante Wissenschaftler 80 Wirkstoffe, von denen die WHO fünf auf die Liste der essenziellen Medikamente gesetzt hat.

 

Mit der Synthese und Einführung von Clozapin (1974) wurde gezeigt, dass die extrapyramidalen Nebenwirkungen und die neuroleptische Wirkung nicht wie ein Junktim miteinander verbunden sein müssen, wie es der Psychiater Hans-Joachim Haase Mitte der 1960er-Jahre postuliert hatte. Inwieweit die Anekdote stimmt, der Handelsname Leponex leite sich vom Lateinischen (Lepus und exitus: »Ha(a)se ist tot«) ab, muss offenbleiben, mag aber als Beleg für eine gesunde Portion Humor der Psychopharmakologen dienen.

 

Clozapin resultierte 1960 aus einer Entwicklungslinie von Dibenzodiazepinen der Firma Wander mit struktureller Nähe zum Imipramin. 1975 wurde die Clozapin-induzierte Agranulozytose offensichtlich, sodass in der Folge die Anwendung nur unter Auflagen zugelassen wurde. Weltweit wird die Suche nach ähnlich wirksamen, aber nebenwirkungsarmen neuroleptischen Substanzen fortgesetzt. Die Verträglichkeit der Stoffgruppe wurde durch moderne Neuroleptika (»Atypika«) zwar verbessert, jedoch hat bis heute keine Substanz die für Clozapin postulierte pharmakologische Trennung von Wirkung und Nebenwirkung, insbesondere die Vermeidung tardiver Dyskinesien, komplett realisiert.

 

Herausforderung Antidementiva

 

Demenzerkrankungen sind vermutlich eine nicht heilbare Geißel der Menschheit. Schon heute ist absehbar, dass sie in den Industrienationen zu demografischen Verwerfungen führen werden. Trotz aller Forschungsanstrengungen besteht aktuell nur die Option, den Verlauf um einige Monate, allenfalls wenige Jahre zu verzögern. Dennoch haben die zur Verfügung stehenden wirksamen Antidementiva viel zum Verständnis der Pathophysiologie beigetragen. Der NMDA-Antagonist Memantine befand sich seit 1963 als Antidiabetikum (Firma Lilly) in Entwicklung, bevor er 1973 von Merck für »zerebrale Störungen« vermarktet wurde (Akantinol®). Der antidementive Effekt wurde erstmals 1986 von Fleischacker klinisch belegt. Jedoch dauerte es bis 2005, bis Memantine das Plazet der europäischen Arzneimittelbehörde zur Behandlung kortikaler Demenzen erhielt.

 

Die erste Anticraving-Substanz Acamprosat wurde 1984 von einem kleinen französischen Unternehmen (Meram) lanciert und hemmt wie Memantine offensichtlich die exzitatorische Wirkung von Aminosäuren wie Glutamat. Sie wird aber nicht bei Demenz eingesetzt, sondern hat sich in der praktischen Suchttherapie sehr bewährt, da sie nachweislich die Abstinenzquote bei Alkoholpatienten verbessert.

 

Tacrin wurde 1940 von dem Australier Adrien Albert (1907 bis 1989), zuletzt Professor für Medizinische Chemie in Canberra, als erster Cholinesterasehemmer, damals jedoch als Antiseptikum (Gruppe der Aminoacridine) synthetisiert. William Summer nutzte Tacrin ab 1975 für die Behandlung von Delirien und Komata. 1981 beobachtete er positive Effekte nach Gabe von Tacrin bei Demenzpatienten, was schließlich 1993 in die Zulassung als Antidementivum durch die FDA mündete (Cognex®). Wegen hepatischer Nebenwirkungen musste es wenige Jahre später wieder vom Markt genommen werden.

 

Die in der Folgezeit entwickelten Cholinesterasehemmer Donepezil, Rivastigmin und Galantamin haben die Therapiepalette in den letzten Jahren bereichert. Dennoch bleibt, gerade aus der Sicht des klinischen Psychiaters, die Entwicklung wirksamer Antidementiva die wichtigste Herausforderung für moderne Pharmaforschung.

 

Ausblick

 

Die 60-jährige pharmazeutisch-medizinische Erfolgsgeschichte der Psychopharmaka hat sich für viele Patienten als Segen erwiesen. Die Euphorie der »biologischen Psychiatrie« der 70er- und 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts hat sich jedoch gelegt und ist einem pragmatischen Realismus gewichen. Nicht eine alleinige Biologisierung der Psychiatrie ist angesagt, sondern vielmehr die fruchtbare Verzahnung psychologischer, soziotherapeutischer, physiotherapeutischer und psychopharmakologischer Verfahren. Dies entspricht nicht zuletzt dem Wunsch der Patienten. Dieser Realismus ist gutes Fundament, die psychopharmakologische Forschung auch in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich voranzutreiben.


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Der Autor

Horst J. Koch studierte Medizin und Zoologie in Mainz sowie Chronobiologie an der Universität Paris. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Zoologie III (Biophysik) der Universität Mainz und anschließend bis 1996 in der Pharmaindustrie tätig. Horst Koch wurde auf dem Gebiet der Hirnwissenschaften promoviert, bevor er in den Krankenhausdienst zurückkehrte. 1997 ging er als Arzt an die Psychiatrische und Neurologische Universitätsklinik Regensburg. Seit Mai 2007 ist Dr. med. Dr. rer. nat. Koch Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Helios-Klinikums in Aue. Er ist Facharzt für Klinische Pharmakologie, Psychiatrie/Psychotherapie und Neurologie sowie Fachbiologe für Toxikologie.

 

 

Dr. med. Dr. rer. nat. Horst J. Koch

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Helios-Klinikum

Gartenstraße 6

08280 Aue

horst.koch(at)helios-kliniken.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 01/02/2009

 

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