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Unesco-Weltkulturerbe: Einblicke in mittelalterliche Heilkunst

MAGAZIN

 
Unesco-Weltkulturerbe

Einblicke in mittelalterliche Heilkunst

Von Axel Helmstädter, Baku

 

Die Kenntnisse über die medizinisch-pharmazeutische Praxis im Mittelalter sind gering. Es gibt wenige unverfälschte Quellen, die zudem der Forschung nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Eine weltweit einmalige Sammlung medizinischer Handschriften des 9. bis 13. Jahrhunderts aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku öffnet sich nun der Fachöffentlichkeit.

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Drei der in Baku bewahrten 363 Manuskripte wurden wegen ihrer überragenden Bedeutung kürzlich in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen, die nur knapp über 100 Kulturgüter umfasst.

 

Viele mittelalterliche Handschriften sind Bestandteil der islamischen Kultur und in altpersischer, altarabischer oder türkischer Sprache verfasst. Politische und ökonomische Umstände erschwerten jahrhundertelang die Erforschung in den Entstehungsländern ebenso wie die Zugänglichkeit der Originalquellen für westliche Mediävisten.

 

Die jetzt offizielle Würdigung der aserbaidschanischen Kulturgüter (1) war Anlass für einen Internationalen Kongress über mittelalterliche Medizin, der mit Unterstützung der Unesco, der Washington Academy of Sciences und der örtlichen Heydar Aliyev-Stiftung in Baku stattfand. Unter den Manuskripten befindet sich eine im Jahr 1143 in Bagdad erstellte Handschrift des ›Canon medicinae‹ des Ibn Sina (Avicenna, 980-1037), des bis in die Neuzeit wohl wirkmächtigsten medizinischen Werkes überhaupt. Weniger bekannt, aber umso wertvoller, ist das ebenfalls in Baku aufbewahrte Manuskript des zentralasiatischen Autors Rustam Jurjani aus dem 12. Jahrhundert: Es ist das einzige erhaltene Exemplar weltweit. Die Einmaligkeit der dritten, in den Unesco-Codex aufgenommenen Handschrift liegt in den darin enthaltenen 200 Abbildungen chirurgischer Instrumente, darunter Klistier- und Blasenspritzen. Es stammt von dem 1013 gestorbenen arabischen Autor Abulkasim Zahrawi (Albucasis). Es ist das erste umfassende arabische Werk zur Chirurgie, die meisten abgebildeten Instrumente soll Zahrawi selbst erfunden haben.

 

In pharmazeutischer Hinsicht bemerkenswert sind detaillierte Beschreibungen von Heilpflanzen, die teilweise noch heute verwendet, teilweise völlig in Vergessenheit geraten sind. Ihnen zur Seite steht eine große Anzahl tierischer Drogen aus Insekten, Spinnen, Fischen, Säugetieren, Vögeln und Reptilien, deren mittelalterliche Verwendung zurzeit intensiv untersucht wird. Das Spektrum reicht von Braunbärengalle gegen Karbunkel über vergorene Stutenmilch als Antidiarrhoikum bis hin zu Elefantenhoden gegen Darmkolik und Impotenz.

 

Die beschriebenen Arzneiformen enthalten, wie im Mittelalter üblich, meist mehr oder weniger zerkleinerte Drogen, die mit Honig oder Fruchtmusen als Hilfsstoffen verarbeitet wurden. Abbildungen zeigen Arbeitstechniken der Zubereitung solcher halbfesten Arzneiformen. Archäologische Funde beweisen, dass auch kompliziertere Techniken, etwa die Destillation unter Wasserkühlung, bereits im 8. Jahrhundert bekannt waren.

 

Kongressteilnehmer wiesen auf weitere, bislang unzureichend ausgewertete Quellen mittelalterlicher Heilkunst hin. So berichtete Professor Dr. Efraim Lev, Haifa, von seinen Studien zur so genannten Taylor-Schechter-Collection, einer an der Universität Cambridge aufbewahrten, fragmentarischen Sammlung von Originalverschreibungen, Briefen und ärztlichen Notizbüchern. Sie stammen teilweise aus dem 13. Jahrhundert und dokumentieren authentisch die medizinische Praxis im mittelalterlichen Kairo, die man bislang nur mittelbar aus Lehrbüchern erschließen konnte. Die Rezepte enthalten zu über 80 Prozent pflanzliche Bestandteile, die teilweise auch als Gewürze und Nahrungsmittel gehandelt wurden und eine hohe wirtschaftliche Bedeutung besaßen.

 

Alle Untersuchungen stehen indes vor der Schwierigkeit einer korrekten Interpretation der mittelalterlichen Fachterminologie. Professor Alain Touwaide, Washington, beleuchtete ein besonderes Problem, das zurzeit an der Washington Academy of Sciences bearbeitet wird: Bei der frühmittelalterlichen Übersetzung griechischer Texte ins Arabische wurden Pflanzennamen häufig nicht durch die äquivalente landessprachliche botanische Bezeichnung ersetzt, sondern aus Unkenntnis transliteriert. Die Lautwerte des griechischen Originals wurden zunächst in syrischer, dann in arabischer Sprache wiedergegeben, was zu Ungenauigkeiten und zur Weitergabe fehlerhafter Informationen führte.

 

Dokumente wie diejenigen der Manuskriptsammlung in Baku helfen, die jeweiligen Interpretationen der Übersetzer zurückzuverfolgen. Ein entsprechendes Lexikon wurde bereits publiziert (2).


Literatur

  1. Alakbarli, Farid: Medical Manuscripts of Azerbaiijan. Azerbijan National Academy of Sciences, Baku 2006.
  2. Alakbarov, F. U.: Glossary of Medieval Pharmaceutical Terms. Baku 2002.

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2006

 

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