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Lungenkrebs: Oft spät erkannt und kaum behandelbar

TITEL

 
Lungenkrebs

Oft spät erkannt und kaum behandelbar

von Carola Seifart, Marburg

 

Lungenkrebs ist der zweithäufigste Tumor bei Frauen und Männern. Erschreckend ist die hohe Letalität. Zwar ist der Krebs im sehr frühen Stadium noch heilbar, doch so zeitig wird er nur selten entdeckt. Viel häufiger sind fortgeschrittene Stadien, die sich nur noch eingeschränkt therapieren lassen. Neue Therapiestrategien wecken Hoffnung.

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Das Bronchialkarzinom ist eine bösartige Entartung der Lunge. Es handelt sich um die Krebsform mit der höchsten Sterblichkeit überhaupt. Zählt man weltweit alle Krebstoten zusammen, nimmt das Bronchialkarzinom den ersten Platz auf dieser Liste ein (1, 2). In Europa wurde 2004 bei 2.887.000 Patienten eine Krebserkrankung diagnostiziert; 1.711.000 Menschen sind an ihrem Tumorleiden gestorben. Bei den Neuerkrankungen war das Bronchialkarzinom mit 13,3 Prozent am häufigsten, gefolgt von Dickdarm- und Brustkrebs (13,2 sowie 13 Prozent). Unter den Todesfällen rangierte der Lungenkrebs mit weitem Abstand auf Platz 1: Er war für 342.000 Todesfälle verantwortlich.

 

Viele Krebsarten befinden sich auf dem Rückzug - nicht so der Lungenkrebs. In den letzten 50 Jahren haben sich seine Inzidenz um 249 Prozent und seine Mortalität um 259 Prozent erhöht. Zwar steigen die Zahlen bei Männern in Deutschland nicht mehr an, jedoch erkranken zunehmend Frauen (3). So hat sich die Zahl der erkrankten Frauen in den letzten 20 Jahren verdoppelt, was dazu führt, dass das Bronchialkarzinom aktuell der zweithäufigste Tumor beider Geschlechter ist (1, 2). Bis zum Jahre 2030 ist bedauerlicherweise kein relevanter Abfall der Erkrankungszahlen zu erwarten.

 

Klassifikation nach Gewebetyp

 

Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs. Es gibt viele Unterformen, die generell zwei großen Gruppen zugeordnet werden. Diese Zuordnung erfolgt nach dem Gewebe, aus dem der Tumor ursprünglich entstanden ist. Herrschen im Tumorgewebe kleine Zellen vor, handelt es sich um die so genannten kleinzelligen Bronchialkarzinome (SCLC: small cell lung carcinoma). Überwiegt ein anderer Zelltyp, werden sie als nicht-kleinzellige Bronchialkarzinome bezeichnet (NSCLC: non small cell lung carcinoma). Letztere werden weiter in Geschwülste unterschiedlicher Gewebeherkunft unterteilt, wobei das Plattenepithelkarzinom, das den Plattenepithelien der Bronchien entstammt, und das Adenokarzinom, das aus Drüsenzellen entsteht, die weitaus wichtigsten und häufigsten Unterformen sind.

 

Diese Einteilung entspringt nicht akademischen Taxonomiewünschen, sondern hat eine weit darüber hinausgehende Bedeutung. Geschwülste der beiden Klassen unterscheiden sich ganz außerordentlich bezüglich Prognose und Therapiemöglichkeiten. Das kleinzellige Karzinom weist eine hohe Wachstumsrate auf und wird in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (über 90 Prozent) erst sehr spät entdeckt; es spricht zwar gut auf eine Chemotherapie an, rezidiviert aber häufig schon nach kurzer Zeit und hat daher eine sehr ungünstige Prognose. In der Gruppe der NSCLC wiederum gibt es Tumore, die relativ gut zu behandeln sind. 

 

Wie entsteht Lungenkrebs? Hinreichend bekannt ist, dass Zigarettenrauchen der wesentlichste Risikofaktor für alle histologischen Typen ist. Allerdings gibt es kleine Unterschiede. Der Einfluss des Zigarettenrauchens wirkt sich am stärksten auf die Entwicklung der kleinzelligen Karzinome aus. Adenokarzinome (NSCLC) können sich auch ohne den Einfluss von Zigarettenrauch bilden. Ein Risiko entsteht ebenfalls durch Passivrauchen: So erhöht sich das Lungenkrebsrisiko durch reines Passivrauchen um mindestens 26 Prozent. Andere, vom Zigarettenrauchen unabhängige Risikofaktoren für die Entstehung eines Bronchialkarzinoms, sind, neben seltenen, berufsbedingten exogenen Noxen (beim Schiffsbau, im Tagebau und in Raffinerien), eine permanente Einengung und Entzündung der Atemwege, wie sie bei chronischer Bronchitis vorliegen (4-10). Daher sollten Patienten mit chronischem Raucherhusten oder chronisch-obstruktiver Bronchitis in regelmäßigen Abständen zur Vorsorgeuntersuchung gehen.

 

Leider gibt es, anders als beim Gebärmutter- oder Prostatakrebs, keine wirklich zuverlässigen Methoden zur Früherkennung. Um auf einem normalen Röntgenbild aufzufallen, muss eine Geschwulst eine erhebliche Größe erreichen (1 bis 2 cm). Der Nachweis kleiner Geschwülste gelingt besser in der Computertomographie (CT), auch wenn diese keine absolute Sicherheit gewähren kann. Untersucht man mittels CT langjährige Raucher, die ein hohes Risiko für Lungenkrebs haben, findet man bei etwa 20 bis 30 Prozent kleine runde Geschwülste. Der größte Teil davon ist gutartig, die Rate der tatsächlichen Karzinome liegt bei etwa 1 bis 2 Prozent.

 

Aktuell läuft in den USA eine groß angelegte Studie, die konventionelle Röntgenaufnahmen mit einem CT-Screening in Risikokollektiven vergleicht. Eingeschlossen wurden 50.000 Raucher, die acht Jahre nachbeobachtet werden sollen. Davon erhofft man sich zuverlässigere Informationen über die Frage, ob Screening-Untersuchungen überhaupt und wenn ja, in welchem Ausmaß sinnvoll sind.

 

Prävention nur bedingt möglich

 

Der beste Schutz vor Lungenkrebs ist natürlich der Verzicht auf das Zigarettenrauchen. Aber nicht jedem gelingt es, das Rauchen aufzugeben, oder der Nikotinkonsum ist schon so lange Zeit erfolgt, dass ein hohes Risiko anzunehmen ist. Gut zu wissen ist, dass das Lungenkrebsrisiko in jedem Fall sinkt, wenn ein Raucher auf weiteren Nikotinkonsum verzichtet, egal, wie lange er vorher geraucht hat.

 

Neben dem Nikotinverzicht wurden weitere Möglichkeiten der Prävention untersucht. So startete vor einigen Jahren eine Studie mit Vitamin A und b-Carotin zur Prävention des Lungenkarzinoms. Insgesamt wurden 18.314 Teilnehmer jeweils einer Gruppe zugeordnet und nahmen prophylaktisch eine der beiden Substanzen regelmäßig ein. Die Studie musste 1996 vorzeitig gestoppt werden, weil die Zwischenauswertung erstaunliche Ergebnisse brachte: Das Auftreten von Lungenkrebs war nicht etwa reduziert worden, sondern um 28 Prozent angestiegen. Danach wurden alle Teilnehmer aufgefordert, die Substanzen nicht mehr einzunehmen, und in den nächsten fünf Jahren weiter kontrolliert. Obwohl sich nach diesen fünf Jahren eine Reduktion des Gesamtrisikos unter Retinolsäure und β-Carotin zeigte, wird eher davon ausgegangen, dass die Präparate das Risiko für Lungenkrebs erhöhen.

 

Aktuell werden weitere Substanzen zur Chemoprävention getestet. Beispielsweise solche, die den Fettstoffwechsel beeinflussen, wie 15-Hydroxyprostaglandin-Dehydrogenase, oder Wachstumsfaktoren wie die Insulin-like-Wachstumsfaktoren. Der Stoffwechsel der mehrfach ungesättigten Fettsäuren und die Enzyme des Arachidonsäure-Metabolismus können pro- und antitumorgenetische Effekte aufweisen, beispielsweise in der Angiogenese, der Immunsuppression und der Resistenz gegen Apoptose. So weist 15-Hydroxyprostaglandin-Dehydrogenase eine »Tumorsuppressor«-Aktivität auf. Die bisherigen Ergebnisse dieser Studien zur Chemoprävention lassen auf Erfolg hoffen.

 

Die Chancen, die Diagnose Krebs, welcher Art auch immer, zu überleben, wird einheitlich mit der so genannten Fünf-Jahres-Überlebensrate beziffert. Diese gibt an, wie viel Prozent der erkrankten Krebspatienten nach fünf Jahren noch leben. Die Fünf-Jahres-Überlebensraten sind für Bronchialkarzinome erschreckend niedrig (11): Sie liegen zwischen 13 und 15 Prozent. Anders als bei anderen Krebsarten haben sie sich bei fortgeschrittenen Stadien in den letzten Jahren kaum verändert. Einerseits liegt das daran, dass Bronchialkarzinome immer noch sehr spät entdeckt werden. Andererseits sind die Therapiemöglichkeiten bedauerlicherweise sehr beschränkt.

 

Seit weit über 20 Jahren werden energisch neue Therapiemöglichkeiten erforscht und entwickelt. Eine einschneidende Verbesserung des Überlebens bei den fortgeschrittenen Stadien wurde allerdings bislang nicht erreicht. Jetzt gibt es neue Arzneistoffe, die zumindest eine teilweise Besserung erhoffen lassen. 

 

Vom Verdacht zur Diagnose

 

Die Verdachtsdiagnose auf ein Bronchialkarzinom stellt sich dem Arzt besonders dann, wenn Patienten über Bluthusten berichten oder eine länger bestehende Kombination aus Husten und Luftnot beklagen, die nicht auf eine andere Lungenerkrankung zurückzuführen ist. Eine Röntgenuntersuchung ist die erste Maßnahme, die weiteren Aufschluss über die Verdachtsdiagnose geben kann. Sehr häufig ist es auch eine auffällige Röntgenaufnahme, die aus völlig anderen Gründen, beispielsweise vor einer Operation oder als Routinecheck, vorgenommen wurde und an ein bisher unentdecktes Bronchialkarzinom denken lässt.

 

Bevor weitere Untersuchungen oder gar Therapien eingeleitet werden, wird der Arzt zwingend die Diagnose mittels einer Gewebeuntersuchung sichern, denn nicht alle Tumoren der Lunge sind bösartig. Manchmal verstecken sich auch eine alte Tuberkulose oder andere gutartige Tumore hinter einer im Röntgenbild sichtbaren Geschwulst. Gewebe kann in vielen Fällen bei einer Lungenspiegelung (Bronchoskopie) gewonnen werden. Steht fest, dass ein bösartiger Tumor vorliegt, wird der restliche Körper mittels Ultraschall, CT oder Szintigraphie untersucht, um herauszufinden, ob es Tochterabsiedelungen gibt und so das Tumorstadium festzulegen.

 

Auswahl der Therapiestrategie

 

Die Therapie des Lungenkrebses richtet sich nach seiner gewebetypischen Klassifikation (kleinzellige oder nicht-kleinzellige Karzinome) und seiner Ausbreitung, die durch das Tumorstadium angegeben wird. Besonders wichtig zur Bestimmung des Tumorstadiums sind die Größe des Tumors, seine Lage, der Befall von benachbarten oder weiter entfernten Lymphknoten und das Vorhandensein von Absiedelungen in anderen Organen (Fernmetastasen).

 

Besonderes Interesse haben die Ärzte an den Lymphknoten, die in der Umgebung des Tumors liegen. Die Feststellung, ob sie befallen sind oder nicht, kann sehr schnell klären, welchem Stadium der Tumor zuzuordnen ist. Je weiter entfernte Lymphknoten infiltriert sind, umso schlechter das Stadium. Leider findet man bei der Erstdiagnose häufig nicht nur Absiedelungen in den Lymphknoten, sondern auch schon Fernmetastasen. Bevorzugt werden Gehirn, Knochen, Leber und der andere Lungenflügel befallen. Ist eine solche Absiedelung erfolgt, ist der Tumor weit fortgeschritten und gehört automatisch dem spätesten Stadium an.

 

Prinzipiell gibt es auch beim Lungenkrebs die drei klassischen Tumortherapien: Strahlen- und Chemotherapie sowie Operation. Häufig werden zwei oder sogar alle drei Verfahren kombiniert. So wird eine Chemotherapie (mit oder ohne Strahlentherapie) vor der Operation eines Karzinoms eingesetzt, um dieses zu verkleinern und so dem Operateur eine bessere Ausgangslage zu bieten. Hat der Patient sich von der letzten Chemotherapie erholt, kann er bei diesem Vorgehen häufig recht erfolgreich operiert werden. Das Verfahren wird in der Fachsprache als neoadjuvante Chemotherapie bezeichnet. Von einer adjuvanten Chemotherapie spricht man, wenn die Chemotherapie nach einer Operation erfolgt, um das Risiko eines Rückfalls zu reduzieren.

 

Wenig Therapieerfolg bei SCLC

 

Standardtherapie der frühen Stadien des kleinzelligen Bronchialkarzinoms (etwa 10 Prozent) ist eine kombinierte Chemo-Strahlentherapie. In der Regel erhält der Patient eine Kombination aus Cisplatin und Etoposid; diese hat sich bisher als am besten wirksam erwiesen. Die Überlebenschancen der Patienten werden durch eine zusätzliche Bestrahlung verbessert.

 

Eine chirurgische Entfernung des Tumorherds als Therapieoption wird aktuell stark diskutiert und erfolgt immer häufiger. Sie ist nur in den sehr seltenen frühen Stadien möglich, in denen der Tumor von seiner Lage und Ausdehnung her noch operiert werden kann. Ziel des Eingriffs ist dann tatsächlich die Heilung (kurative Absicht). Ist vor der Operation bekannt, dass es sich um ein kleinzelliges Karzinom handelt, kann der Patient zusätzlich vorher chemotherapeutisch behandelt werden (neoadjuvante Therapie). Klärt sich die Gewebezugehörigkeit erst nach der Operation, beispielsweise weil zuvor auf Grund der Lokalisation des Tumors kein Gewebe gewonnen werden konnte, beginnt man nach der Operation mit einer Chemotherapie (adjuvante Therapie). Ob eine zusätzliche Bestrahlung für die Patienten vorteilhaft ist, wird aktuell untersucht.

 

Durch die genannten Kombinationen von Chemo- und Strahlentherapie sowie Operation lassen sich Fünf-Jahres-Überlebensraten in den frühen Stadien bis maximal 50 Prozent erzielen. In den fortgeschrittenen Stadien (etwa 90 Prozent der Diagnosen) des kleinzelligen Bronchialkarzinoms kommt eine Operation nicht mehr infrage. Der Tumor an sich ist in diesen Stadien nicht mehr heilbar. Eine Chemotherapie zielt ab auf Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität, einschließlich Reduktion möglicher Schmerzen. Der Patient erhält eine kombinierte Chemotherapie aus mindestens zwei Substanzen. Je nach Vorerkrankung und Alter stehen dafür mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die in etwa zu äquivalenten Ansprechraten und medianem Überleben führen: Cisplatin/Etoposid (PE) (Standardtherapie), Carboplatin/Etoposid (CE), Adriamycin/Cyclophosphamid/Vincristin (ACO) oder Carboplatin/Etoposid/Vincristin (CEV). Mit einer solchen Therapie kann der Tumor bei etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten verkleinert oder zum Verschwinden gebracht werden, wobei er in den allermeisten Fällen nach anfänglich gutem Ansprechen nach etwa vier Monaten rezidiviert. Die mediane Überlebenszeit beträgt durchschnittlich 40 Wochen, was einer Ein-Jahres-Überlebensrate von etwa 30 bis 37 Prozent entspricht.

 

In den letzten Jahren hat man verstärkt versucht, Ansprechrate und Überleben durch den Einsatz neuer Zytostatika wie Irinotecan oder Topotecan zu verbessern. Die überprüften Substanzen sind zwar alle wirksam, aber für keine Kombination mit neuen Substanzen konnte eine relevante Verbesserung des Überlebens gegenüber einer Platin-basierten Zweifachtherapie mit Etoposid nachgewiesen werden (für Irinotecan liegt eine positive Studie vor, deren Vorteil in einer anderen Studie nicht so reproduziert werden konnte). Experimentelle Therapiestudien mit Imatinib (Tyrosinkinase-Inhibitor) oder Bortezomib (Proteosomen-Inhibitor) verliefen ebenfalls ohne überzeugenden Erfolg.

 

Das kleinzellige Bronchialkarzinom bleibt damit eine der am spätesten diagnostizierten Krebsformen mit eingeschränkten Therapieoptionen und niedrigen Überlebensraten.

 

Bessere Chancen bei NSCLC

 

Auch die frühen Stadien der nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinome werden, wenn möglich, operiert. Allerdings finden sich auch bei den NSCLC bei Diagnosestellung schon in über 40 Prozent Fernmetastasen. Liegt jedoch ein frühes Stadium vor, sind mittels operativer Intervention Fünf-Jahres-Überlebensraten zwischen 40 und 75 Prozent zu erreichen. Eine adjuvante Chemotherapie, das heißt Chemotherapie nach erfolgreicher Operation, scheint eine weitere Verbesserung des Überlebens um etwa 5 bis 12 Prozent zu bringen, ist aber noch nicht als Standardverfahren etabliert.

 

In den Stadien mit größerer Tumorausdehnung, aber noch ohne Organ-Fernmetastasen erfolgt eine so genannte multimodale Therapie. Sie besteht aus Chemo- und Strahlentherapie sowie (wenn möglich) Operation. Auch hier richtet sich die Therapie nach dem Stadium: Der behandelnde Arzt wird, wenn möglich, immer erst versuchen, den Tumor durch eine neoadjuvante Chemo- oder Chemoradiotherapie so weit zurückzudrängen, dass eine Operation noch möglich ist. Diese zielt dann im Grunde auch auf Heilung ab, jedoch sind die Chancen dafür gering. Die aktuellen Chemotherapie-Protokolle kombinieren mindestens zwei Substanzen und schließen insbesondere die neuen Zytostatika der »dritten Generation« ein. Dazu gehören beispielsweise Docetaxel, Gemcitabin, Paclitaxel und Vinorelbin. Sie werden meist mit einem Platin-haltigen Zytostatikum wie Carboplatin oder Cisplatin kombiniert. Die Wahl der Medikamente richtet sich nach dem Alter des Patienten, seinen Vorerkrankungen und dem Allgemeinzustand, der mit verschiedenen Score-Systemen beschrieben wird. Ein Beispiel zeigt die Tabelle 1.


Tabelle 1: „Performance”-Status; Allgemeinzustand nach der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG)

Status Beschreibung 
normale, uneingeschränkte Aktivität, wie vor der Erkrankung 
Einschränkung bei körperlicher Anstrengung, gehfähig, leichte körperliche Arbeit 
gehfähig, Selbstversorgung möglich, nicht arbeitsfähig, kann 50 Prozent der Wachzeit aufstehen 
nur begrenzte Selbstversorgung möglich, 50 Prozent der Wachzeit an Bett oder Stuhl gebunden 
völlig pflegebedürftig, keinerlei Selbstversorgung möglich, völlig an Stuhl oder Bett gebunden 

Werden Fernmetastasen gefunden oder ist durch den Tumor selbst ein anderes Organ, beispielsweise das Lungenfell oder die andere Lungenhälfte, angegriffen, kann in keinem Fall mehr eine Operation erfolgen. Der Krebs wird dann mit einer Chemotherapie unter Kontrolle gehalten. Ein Heilversuch ist nicht mehr möglich. In diesem Stadium beträgt das mediane Überleben nur sieben bis zehn Monate, was einem Ein-Jahres-Überleben von etwa 40 Prozent entspricht. Typische Chemotherapieprotokolle zeigt die Tabelle 2.


Tabelle 2: Beispiele typischer Chemotherapieprotokolle für nicht-kleinzellige Bronchialkarzinome

Wirkstoffkombination Dosierung (mg/m2) Gabe am Tag Wiederholung (nach Wochen) 
Cisplatin/Gemcitabin 100/1000 1/1, 8, 15 
Cisplatin/Docetaxel 75/75 1/1 
Carboplatin/Paclitaxel AUC 6*/225  1/1 
Cisplatin/Vinorelbin 100/25 1/wöchentlich 
Cisplatin/Paclitaxel 80/200  1/1 

*Area under the curve: Fläche unter der Blutspiegel-Zeit-Kurve


In der Palliativmedizin werden Chemo- oder Strahlentherapie eingesetzt, um tumorbedingte Beschwerden oder Schmerzen zu lindern. Wie bei allen bösartigen Tumoren muss besonderes Augenmerk auf die Schmerz- und Ernährungstherapie gelegt werden. Besonderheiten der Palliation ergeben sich beim Bronchialkarzinom durch seine anatomische Lage: es erschwert oder behindert die Atmung. Verschließt der Tumor einen Bronchus oder gar einen Hauptbronchus und damit einen ganzen Lungenflügel, versucht man zunächst, durch eine Chemo- und/oder Strahlentherapie eine Besserung zu erreichen. Gelingt dies nicht, kann Tumorgewebe im Rahmen einer Lungenspiegelung durch Laser entfernt oder ein resistentes Röhrchen (Stent) innerhalb des Bronchus platziert werden, um diesen offen zu halten. Das After-Loading-Verfahren macht eine Platzierung von strahlenaktivem Material direkt im Atemweg möglich, das dann das Tumorgewebe gezielt zurückdrängt. 

 

Neue Wirkstoffe geben Hoffnung

 

Neue Arzneistoffe sind überwiegend erfolgreich für das nicht-kleinzellige Karzinom entwickelt worden. Es handelt sich dabei um molekular zielgerichtete Therapien (»targeted therapy«). Sie erhalten ihren Namen, weil sie konkret bestimmte molekularbiologische Zellbestandteile angreifen und somit Zellen oder Zellverbände selektiv schädigen können. Die üblichen Chemotherapien richten sich überwiegend gegen alle schnell wachsenden Zellen und treffen so überzufällig häufig Tumorzellen, aber die Nebenwirkungen erklären sich eben dadurch, dass sie nicht gezielt Tumorzellen angreifen.

 

Beispielsweise inhibiert Erlotinib als neue Substanz die Tyrosinkinase des epidermalen Wachstumsfaktors (EGFR: epidermal growth factor receptor). Der EGFR findet sich unter anderem in sehr großer Ausbreitung und Anzahl auf Zellen des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms. Wird er aktiviert, erhält er die Zellen am Leben, fördert Zellteilung und -vermehrung und sorgt zudem dafür, dass Gefäße in den Tumor einsprossen, was dieser dringend zum Überleben benötigt. Erlotinib besetzt hoch selektiv und reversibel die ATP-Bindungsstelle der intrazellulären Tyrosinkinase-Domäne des EGF-Rezeptors, hemmt dadurch die Phosphorylierung und antagonisiert so die Signaltransduktion. Die Blockade des Rezeptors trifft den Tumor folglich gleich auf mehreren Ebenen: Proliferation und Angiogenese werden gehemmt, die Apoptose gefördert und die Empfindlichkeit der Tumorzellen gegenüber Radio- und Chemotherapie erhöht.

 

In einer Studie erhielten Lungenkrebs-Patienten nach einer erfolglosen Erst- oder Zweittherapie täglich 150 mg Erlotinib peroral (12). Die mediane Überlebenszeit konnte um zwei Monate gesteigert werden, was umgerechnet bedeutet, dass nach einem Jahr 10 Prozent mehr Patienten aus der Erlotinib-Gruppe lebten als Patienten unter Placebo. Besonders profitierten Nichtraucher, Frauen, Patienten mit Adenokarzinomen, japanische Patienten (genetisch vermittelt?) und Patienten, die Mutationen im EGFR-Gen aufwiesen. Mittlerweile ist bekannt, dass diese Mutationen im EGFR-Gen ein Ansprechen auf die Therapie voraussagen können, wobei zurzeit eine routinemäßige Untersuchung dieser Mutationen noch nicht möglich ist. Erlotinib ist seit September 2005 in Deutschland zugelassen zur Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem NSCLC (Beispiel: Tarceva®). 

 

Eine weitere neue Substanz ist Bevacizumab, ein monoklonaler Antikörper gegen einen Gefäßwachstumsfaktor (VEGF: vascular endothelial growth factor). Damit gehört Bevacizumab zu einer Gruppe neuer Medikamente, die als Angiogenese-Inhibitoren zusammengefasst werden. Der Arzneistoff bindet an den Wachstumsfaktor und verhindert dessen Andocken an VEGF-Rezeptoren auf der Oberfläche von Endothelzellen benachbarter Blutgefäße. Dadurch wird die Gefäßneubildung blockiert und bereits entwickelte Gefäße bilden sich zurück. In der Folge stoppt das Tumorwachstum.

 

Bevacizumab ist seit Januar 2005 in Deutschland für Patienten mit fortgeschrittenem Dickdarm- oder Enddarmkrebs zugelassen (Beispiel: Avastin®). Dabei wird es kombiniert mit 5-Fluorouracil/Folinsäure mit oder ohne Irinotecan. Auf Grund der guten Therapieerfolge wird der Antikörper bei vielen anderen Indikationen getestet, unter anderem bei NSCLC.

 

Als Zusatz zu einer Platin-basierten Chemotherapie konnte Bevacizumab in einer amerikanischen Studie beim fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom das Ein-Jahres-Überleben von 44 auf 52 Prozent steigern (13). Ungeklärt ist noch, warum dieser Überlebensvorteil nur bei Männern beobachtet wurde. Zurzeit läuft in Europa eine entsprechende Untersuchung, die die amerikanischen Ergebnisse bestätigen soll. Noch sind solche neuen Studienergebnisse abzuwarten, bevor die innovativen Substanzen als Zusatz in die Standardtherapien aufgenommen werden können.


Literatur

  1. Jemal, A., et al., Cancer statistics 2004. CA Cancer J. Clin. 54 (2004) 8-29.
  2. Jemal, A., et al., Cancer statistics 2005. CA Cancer J. Clin. 55 (2005) 10-30.
  3. Alberg, A. J., Brock, M. V., Samet, J. M., Epidemiology of lung cancer: looking to the future. J. Clin. Oncol. 23 (14) (2005) 3175-3185.
  4. Samet, J. M., Humble, C. G., Pathak, D. R., Personal and family history of respiratory disease and lung cancer risk. Am. Rev. Respir. Dis. 134 (1986) 466-470.
  5. Skillrud, D. M., Offord, K. P., Miller, R. D., Higher risk of lung cancer in chronic obstructive pulmonary disease. A prospective, matched, controlled study. Ann. Intern Med. 105 (1986) 503-507.
  6. Mayne, S. T., Buenconsejo, J., Janerich, D. T., Familial cancer history and lung cancer risk in United States nonsmoking men and women. Cancer Epidemiol. Biomarkers Prev. 8 (12) (1999) 1065-1059.
  7. Papi, A., et al., COPD increases the risk of squamous histological subtype in smokers who develop non-small cell lung carcinoma. Thorax 59 (8) (2004) 679-681.
  8. Cohen, B. H., et al., Risk factors in chronic obstructive pulmonary disease (COPD). Am. J. Epidemiol. 105 (3) (1977) 223-232.
  9. Tockman, M. S., et al., Airways obstruction and the risk for lung cancer. Ann. Intern Med. 106 (1987) 512-518.
  10. Islam, S. S., Schottenfeld, D., Declining FEV1 and chronic productive cough in cigarette smokers: a 25-year prospective study of lung cancer incidence in Tecumseh, Michigan. Cancer Epidemiol. Biomarkers Prev. 3 (4) (1994) 289-298.
  11. Fry, W. A., Phillips, J. L., Menck, H. R., Ten-year survey of lung cancer treatment and survival in hospitals in the United States: a national cancer data base report. Cancer 86 (9) (1999) 1867-1876.
  12. Sheperd, F. A., et al., Erlotinib in previously treated non-small-cell lung cancer. N. Engl. J. Med. 353 (2005) 123-132.
  13. Sandler, A. B., et al., Randomized phase II/III trial of Paclitaxel plus Carboplatin with or without bevacizumab in patients with advanced non-squamous non-small cell lung cancer: an eastern cooperative oncology group (ECOG) trail ­ E4599. Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 2005; Abstract LBA4.

 

Vertiefende Literatur

 

Fischer, B., Buhl, R., Therapie des Lungenkarzinoms. Pneumologie 59 (2005) 783-803.
Wolf, M., Bronchialkarzinom. In: Petrasch, S., Ehninger, G. (Hrsg.), Update Hämatologie/Onkologie 2005. DGHO 2005.
Fauci, A. S., et al. (Hrsg.), Harrisons Innere Medizin. 14 Aufl., McGraw-Hill Frankfurt/Main 1999.

Die Autorin

Carola Seifart studierte Medizin und fertigte ihre Dissertation am Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums der Philipps-Universität Marburg an. Nach der Promotion 1997 arbeitete sie in Marburg als Teilprojektleiterin der klinischen Forschergruppe zur Erforschung zellulärer Reaktionsmechanismen chronischer Atemwegserkrankungen, absolvierte Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University, USA, und am Netherlands Cancer Institut, Amsterdam. Dr. Seifart ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Lungen- und Bronchialheilkunde. Seit 2001 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Innere Medizin, Schwerpunkt Pneumologie, des Universitätsklinikums Marburg und absolvierte zudem ein Aufbaustudium Health-Care-Management. Dr. Seifart erhielt mehrfach Stipendien und Preise für ihre Arbeiten.

 

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:

zwiebel(at)mailer.uni-marburg.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 30/2006

 

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