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Europa: Kettenkonzerne drängen in den Apothekenmarkt

TITEL

 
Europa

Kettenkonzerne drängen in den Apothekenmarkt

von Patrick Hollstein, Berlin

 

Der europäische Arzneimittelvertrieb befindet sich im Umbruch. Noch vor zehn Jahren waren Apotheken inden meisten EU-Ländern meist inhabergeführt. Heute gehört bereits jede zehnte Apotheke einer Kette an: Ob vertikalisierende Pharmagroßhändler oder -hersteller, krankenkassen- oder universitätseigene Apothekenkette - vieles ist möglich, wenn alles erlaubt ist. Eine Bestandsaufnahme.

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Von europaweit etwa 150.000 Apotheken gehören derzeit rund 15.000 zu einer Apothekenkette mit mehr als zehn Filialen. Mit Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien halten die apothekenreichsten Nationen des Kontinents zurzeit zumindest am eingeschränkten Fremd- und/oder Mehrbesitzverbot fest. In Norwegen und den baltischen Ländern gehören bis zu 80 Prozent aller Apotheken einer Kette an; in Großbritannien, dem ältesten und größten Markt mit Apothekenketten in Europa, besitzen Branchenriesen wie Lloyds, Boots und Alliance Pharmacy mehr als die Hälfte aller Apotheken.

 

Angesichts steigender Arzneimittelausgaben hat so manche Regierung in den vergangenen zehn Jahren ihr Heil in einer weitgehenden Liberalisierung des Arzneimitteleinzelhandels gesucht. Obwohl bislang kein Nachweis erbracht wurde, dass eine Deregulierung des Apothekenmarktes Einsparungen für Gesundheitswesen und Verbraucher oder eine qualitativ bessere Versorgung nach sich zieht, hat die Gesundheitspolitik den Siegeszug der Handelskonzerne vorbereitet. Nachträgliche Notverordnungen, mit denen enttäuschte Politiker wettbewerbliche Verwerfungen korrigieren wollten, scheiterten. In Norwegen gibt es im fünften Jahr nach der Liberalisierung des Marktes noch 15 Apotheken, die nicht unter direktem Kettenkonzern- oder Großhandelseinfluss stehen.

 

Neue Strukturen

 

Vor allem auf kleineren Märkten haben sich rasch Kettenstrukturen herausgebildet. In den ehemaligen Ostblockstaaten gab es nach der politischen Wende Anfang der 90er-Jahre kein Halten mehr: Mit wenigen Ausnahmen sind in allen Ländern Fremd- und Mehrbesitzverbot gefallen. Auch im Westen stehen immer mehr selbstständige Apotheker vor der Entscheidung zwischen Unabhängigkeit und Angestelltenkarriere: Während in Finnland, Schweden, Dänemark, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland die inhabergeführte Apotheke Bestandsschutz genießt, sind in Norwegen, Island, Belgien und den Niederlanden Fremd- und Mehrbesitzverbot in den vergangenen zehn Jahren gefallen. In Großbritannien, Irland und in der Schweiz sind die Märkte seit jeher strukturell dereguliert.

 

In Italien gibt es spezielle Ausnahmeregelungen für ehemalige kommunale Apotheken, in Österreich halten die führenden Großhändler Minderheitsbeteiligungen an Apotheken. Darüber hinaus haben in allen Ländern unabhängige Apotheken Einkaufskooperationen gegründet oder sich Franchise-Konzepten angeschlossen, die häufig von Großhändlern geführt werden und zum Teil selbst kleinere Ketten betreiben.

 

Die einzelnen Märkte unterscheiden sich hinsichtlich Größe und Struktur zum Teil erheblich. Neben den politischen Rahmenbedingungen spielen auch die geografischen und demographischen Besonderheiten des jeweiligen Landes eine entscheidende Rolle. So ist der russische Markt trotz des rasanten Wachstums von Apothekenketten allein auf Grund seiner räumlichen Dimension noch immer weitgehend fragmentiert. Der Anteil der zehn größten Ketten beschränkt sich auf 13 Prozent.

 

Auch die geschichtliche Entwicklung prägt das heutige Marktgeschehen: Während sich kapitalkräftige Apothekenkonzerne bei ihrem Vormarsch im Westen Europas allmählich gewachsener Netzwerke bedienen und gewaltige Marktanteile aufbauen konnten, dominieren im Osten vielfach noch kleinere lokale Anbieter.

 

Geht man von den aktuellen Entwicklungen am deutschen Markt aus, kommt man zu dem Schluss, dass zumindest kleinste Ketten kein lohnenswertes Geschäft sind: Zwei Jahre nach Freigabe des beschränkten Mehrbesitzes existieren ABDA-Erhebungen zufolge 1425 Filialapotheken. Mehr als 80 Prozent der filialisierenden Pharmazeuten betreiben jedoch neben der Hauptapotheke nur eine einzige Außenstelle, und auch das vielfach nur aus Gründen des Bestandsschutzes. Gerade einmal 17 Apotheker haben bislang die gesetzliche Höchstgrenze ausgereizt und ein Netzwerk aus vier Apotheken aufgebaut.

 

Tatsächlich existiert für Apothekenketten eine kritische Betriebsgröße. Einkaufsvorteile lassen sich erst oberhalb bestimmter Absatzniveaus generieren; auch die Gehälter der pharmazeutischen Angestellten müssen bei der Filialkalkulation berücksichtigt werden. Dazu kommen die gewaltigen Investitionen für Neueröffnungen oder Übernahmen, die hohe Kapitalreserven erfordern. Apothekereigene Netzwerke stoßen daher, was die Anzahl an Filialen angeht, schnell an eine natürliche Grenze.

 

Große Pharmahandelskonzerne wie Celesio, Phoenix oder Alliance UniChem stellen sich dagegen so breit wie möglich auf: Durch die Integration der verschiedenen Handelsstufen - Großhandel, Einzelhandel, sonstige Dienstleistungen - innerhalb der Konzerngruppe soll das Geschäft möglichst rational gestaltet werden. Europaweit lässt sich diese so genannte Vertikalisierung des Marktes beobachten.

 

Wie andere Investitionen stellen auch Apothekennetzwerke eine finanzielle und logistische Herausforderung dar, die möglichst schnell refinanziert werden muss. Probates Mittel, um an Ort und Stelle rasch eine gewisse Mindestgröße zu erreichen, die sich, wie bei der britischen Lloydspharmacy, auf bis zu 1500 Filialen belaufen kann, ist die Übernahme etablierter Ketten, Apothekenkooperationen oder Einzelapotheken. Weil kleinere Gruppen kaum genügend Kapital organisieren können, um bei den Bietergefechten der Großen mitzumischen, ist der Kampf um die internationalen Spitzenpositionen längst entschieden.

 

Konzerne auf dem Vormarsch

 

Drei Privatiers - Familien und Einzelpersonen - sind die mächtigsten Apothekenbesitzer Europas: Die Nachfahren des Zechenbetreibers Franz Haniel, Ratiopharm-Milliardär Adolf Merckle sowie der italienische Nuklearingenieur Stefano Pessina halten durch ihre Beteiligungen an den Konzernen Celesio, Phoenix und Alliance UniChem weite Teile des europäischen Pharmagroß- und -einzelhandels fest in Händen. Nachdem sich Anfang der 90er-Jahre insbesondere der deutsche Markt konsolidiert hatte, konnten Gehe und Phoenix auf genügend Kapital zurückgreifen, um ihr internationales Geschäft aufzubauen. Parallel zur Schwindel erregenden Expansion ihrer Großhandelssparten brachen die beiden Konzerne ab Mitte der 90er-Jahre in den internationalen Pharmaeinzelhandel ein.

 

Alliance UniChem startete ebenfalls 1996 als Zusammenschluss des italienischen Grossisten Alliance Salute und des britischen Großhändlers UniChem durch; letzterer hatte die ersten Apotheken der Gruppe mit in die Allianz gebracht.

 

Neben optimierten Margen bot die Vertikalisierung des Geschäfts den Konzernen zunächst die Gelegenheit, durch gruppeneigene Apotheken Marktanteile im Großhandelsbereich zu sichern. Heute sind die Einzelhandelssparten zu festen Betriebsgrößen geworden, die bei deutlich geringerem Umsatzanteil mitunter mehr Profit abwerfen als das klassische Vertriebsgeschäft.

 

Durch ein schwer durchschaubares Geflecht von Tochterunternehmen und einer Strategie der Minimalinformation versuchen vor allem die am Markt tätigen Konzerne, ihre heimischen Großhandelskunden vom aggressiven Einzelhandelsgeschäft in den deregulierteren Märkten abzuschirmen. Phoenix bekennt sich selbst gerne zur inhabergeführten Apotheke, während Konzerntochter Tamro den norwegischen und die baltischen Märkte aufmischt.

 

Gehe firmierte 2003, rechtzeitig zur Diskussion um eine Liberalisierung des deutschen Marktes, seine internationalen Geschäfte um und ließ fortan den Mutterkonzern Celesio beziehungsweise dessen Einzelhandelstochter Lloyds in den internationalen Apothekenmärkten wildern. Die Ergebnisse der Expansion können sich sehen lassen: 2005 steigerte Celesio nicht nur den Konzernumsatz erstmals auf mehr als 20 Milliarden Euro, sondern nahm auch bei der Anzahl seiner Filialen die 2000er Marke. Knapp 20.000 Mitarbeiter sind mittlerweile in den 2045 Apotheken des Konzerns beschäftigt und erwirtschafteten zuletzt einen Umsatz von drei Milliarden Euro. Beim Rohertrag haben die Celesio-Apotheken mittlerweile mit einer Milliarde Euro fast zur Großhandelssparte aufgeschlossen. Die Umsatzrendite lag zuletzt bei 8 Prozent. 345 Millionen Euro flossen allein 2005 in den Ausbau der Einzelhandelssparte, das sind 60 Prozent des Gesamtetats. Seit dem Kauf seiner ersten 300 Filialen der Marke Hills Pharmacy, die die Stuttgarter zusammen mit dem marktführenden britischen Grossisten AAH 1995 übernahmen, hat Celesio mehr als 2,5 Milliarden Euro in seine Apotheken investiert.

 

Alliance UniChem betreibt derzeit 1288 Apotheken. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr mit 1,9 Milliarden Euro 10 Prozent über Vorjahresniveau; 1,3 Milliarden Euro flossen allein aus dem britischen Geschäft ein. Der Rohertrag stieg um 19 Prozent auf 160 Millionen Euro, das sind 43 Prozent des Gewinns. Die Umsatzrendite der Apotheken lag bei 8,5 Prozent.

 

Verschwiegenheit bei Phoenix

 

Weniger offen, aber mindestens genauso offensiv wie die beiden Konkurrenten treibt die deutsche Merckle-Tochter Phoenix ihr Einzelhandelsgeschäft voran. Besonders bei den deutschen und französischen Apothekern ist das Unternehmen auf Frieden bedacht, um die Marktführerschaft im Großhandel langfristig zu sichern. Nicht den Publizitätspflichten börsennotierter Unternehmen unterliegend, macht der Konzern nur wenig über seine Beteiligungen im internationalen Pharmaeinzelhandel bekannt. Nach Expertenmeinung betreibt das Merckle-Imperium jedoch jenseits des Geflechts der Phoenix-Tochtergesellschaften in einer Schattenwelt regelmäßig ausgewechselter Finanzdrehscheiben weitere Apotheken.

 

Wie seine Mitbewerber setzt Phoenix neben eigenem Besitz stark auf Kooperations- und Finanzierungsmodelle, um Großhandelskunden zu binden und den Markt nach lohnenden Übernahmekandidaten zu sondieren. So nutzte Tamro in Norwegen die Apothekereigenen Apokjeden, um sich mit Großhandel und Kette zu etablieren. Auch in Dänemark, wo Tamro-Tochter Nomeco 70 Prozent des Großhandelsmarktes dominiert, steht der Konzern in geschickter Umgehung des Fremdbesitzverbots schon mit einem Bein in der Apotheke. Nomeco erledigt mit seinem Programm Vendor Managed Inventory (VMI), das weit über ein reguläres Kooperationsangebot hinausreicht, selbstständig die Lagerhaltung der individuellen Einzelapotheken, von der Abverkaufsprognose bis zur automatischen Nachbestellung. Etwa ein Drittel der 460 dänischen Apotheken nimmt mittlerweile am VMI teil.

 

Neben den großen Konzernen sind auch andere Kettenbetreiber international aufgestellt. Der holländische Großhändler OPG besitzt in den Niederlanden und in Polen Apotheken; die litauische Apothekenkette Eurovaistine ist im gesamten Baltikum, in Polen, Tschechien und der Slowakei aktiv.

 

Selbst die deutsche Anzag, an der neben Alliance UniChem, Phoenix, Celesio und OPG die deutschen Apothekergenossenschaften Sanacorp und Noweda Anteile halten, ist bereits im Ausland vertreten: Der 2004 übernommene Großhändler Oktalpharma betreibt in Kroatien derzeit neun Apotheken.

 

Totale Vertikalisierung

 

Neben den Handelskonzernen haben auch Pharmahersteller bereits den Einstieg in den europäischen Arzneimitteleinzelhandel gesucht. Phoenix darf als Schwesterunternehmen des Generikakonzerns Ratiopharm als Paradebeispiel in Sachen Vertikalisierung angesehen werden. Auch andere Handelskonzerne produzieren, jenseits so genannter Eigenmarken, mittlerweile selbst Arzneimittel: Alliance UniChem führt in Großbritannien die Generikatochter Almus, die schweizerische Galenica ist mit Vifor international im Geschäft mit Eisen-Präparaten aktiv. Gehe hielt von 1990 bis 1996 Anteile an allphamed, Aliud und Azupharma.

 

Weil in vielen Ländern Pharmaunternehmen und Ärzte von Apothekenbeteiligungen ausgeschlossen sind, müssen interessierte Unternehmen regelmäßig mit Umgehungsmanövern aufwarten. Insbesondere in Osteuropa ist die Verflechtung von Herstellern und Apotheken häufig zu beobachten. Das mit mehr als 500 Filialen derzeit größte Apothekennetzwerk Russlands, die Moskauer Kette »36.6«, ging 1998 aus dem damals sieben Jahre alten Pharmahersteller und -großhändler Veropharm hervor. Mittlerweile haben die beiden Firmengründer sogar einen 20-prozentigen Anteil ihrer lukrativen Pharmasparte verkauft, um die Expansion von »36.6« vorantreiben zu können.

 

Das Management des St. Petersburger Pharmaunternehmens Natur Produkt, an dem bis vor kurzem die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung einen 40-prozentigen Anteil gehalten hatte, startete ebenfalls 1994 ein eigenes Apothekennetzwerk, um Absatz und Gewinn der Pharmasparte zu steigern.

 

Auch ausländische Pharmaunternehmen haben in russische Apotheken investiert. Der kalifornische Konzern Valeant Pharmaceuticals betrieb, damals unter dem Namen ICN, bis 2003 eine gleichnamige Apothekenkette, die heute unter der Marke »O3« firmiert und 150 Filialen umfasst. Der ungarische Vorzeigekonzern Gedeon Richter ist seit 2001 Anteilseigner des größten russischen Pharmagroßhändlers Protek, der seinerseits die Apothekenkette Rigla mit 250 Filialen betreibt.

 

Auch auf dem Balkan sichern Hersteller ihren Produkten Platz in den Regalen eigener Apotheken. Die bulgarische Nummer eins, Sopharma, erhielt vor wenigen Wochen grünes Licht für die Übernahme der Sanita Trading, einen Großhändler aus Sofia, dessen gleichnamige Schwesterunternehmen 50 eigene Apotheken sowie das größte Franchise-Konzept des Landes betreiben. GlaxoSmithKline (GSK) hatte mit der Übernahme des rumänischen Herstellers Europharm auch dessen Netzwerk aus 33 Apotheken übernommen. Ende 2005 verkaufte GSK seine Anteile an A&D Pharma, einen Handelskonzern, der unter der Marke Sensiblu die größte Apothekenkette des Landes betreibt.

 

Schwieriger Marktzutritt

 

Nicht immer hatten Investoren in der Vergangenheit leichtes Spiel bei der Eroberung der Apothekenmärkte. In einigen Ländern versuchten Politiker im Nachgang zur Deregulierung, den Vormarsch der Ketten zu stoppen ­ meist jedoch ohne Erfolg. In Rumänien hatte die Regierung Ende vergangenen Jahres erkannt, dass der Markt seiner eigenen Dynamik folgt und dass kurzfristige Einsparungen in keinem Verhältnis zu den Folgen einer anhaltenden Konsolidierung mit markt-beherrschenden Konzernstrukturen stehen. Ein Versuch, den Anteil der Ketten auf maximal fünf Filialen je 100.000 Einwohner zu beschränken, blieb jedoch erfolglos.

 

In der Slowakei durchlief der Apothekenmarkt eine regelrechte Konsolidierungsachterbahn: Nach dem Beginn der Privatisierung im Jahr 1992 hielt die Regierung unter Vladimír Meciar fünf Jahre lang am erlaubten Fremd- und Mehrbesitz fest. Der Machtwechsel 1998 führte auch dazu, dass nur noch Apotheker neue Apotheken eröffnen durften. Im Dezember 2004 gab die Regierung um Mikulás Dzurinda erneut den Markt frei; Versuche, die Liberalisierung abzuwenden, scheiterten.

 

In Polen beschränkte die Regierung nach der Marktfreigabe im Jahr 2002 die Größe der Apothekenketten auf einen maximalen Marktanteil von 1 Prozent je Verwaltungsbezirk (insgesamt 16 Woiwodschaften). Tatsächlich haben auch hier findige Anbieter kein Problem, über neu gegründete Apotheken-Holdings diese Sperre zu umgehen. Landesweit aktiven Großhändlern kommt die Einschränkung auf lokaler Ebene sogar einen Schritt entgegen.

 

Dagegen ist Lettland der einzige ernst zu nehmende »Geisterfahrer« auf der Einbahnstraße der Konsolidierung. Die Expansion der Ketten scheint vorerst gestoppt: Nur anderthalb Jahre nach der Deregulierung des Apothekenmarktes im Jahr 2000 beschloss die lettische Regierung, den Markt wieder zu reglementieren: Ab 2011 soll es keinen Fremd- und Mehrbesitz mehr geben; auch die Möglichkeit, Filialen zu betreiben, wird eingeschränkt.

 

Auch in Italien kämpfen Politiker derzeit gegen den Vormarsch der Apothekenkonzerne an. Nachdem 1999 mit der Privatisierung kommunaler Apotheken begonnen wurde, hat die Regierung die vertikale Integration im Arzneimittelgroß- und -einzelhandel im Jahr 2005 auf Grund schwerwiegender Interessenkonflikte untersagt. Der Widerstand könnte zum Präzedensfall werden. Derzeit beschäftigt sich die Europäische Kommission mit dem Vorstoß der italienischen Politiker.

 

Staat mit Apothekenmonopol

 

Bereits im vergangenen Jahr hatte der Europäische Gerichtshof sich mit der Rechtmäßigkeit staatlicher Apothekenketten beschäftigt. Das Gericht warf dem schwedischen Apothekenbetrieb Apoteket vor, ausländische Zulieferer zu diskriminieren. Eine generelle Unverträglichkeit mit dem EU-Recht sahen die Richter in der staatlichen Konstruktion jedoch nicht; der Gerichtshof wies ausdrücklich darauf hin, dass die Bildung staatlicher Handelsmonopole durchaus gerechtfertigt sein kann. Auch in den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken gibt es noch heute zahlreiche staatliche Apotheken; in Serbien haben kommunale Apotheken sogar ein Monopol auf die Abgabe von Arzneimitteln zu Lasten der staatlichen Krankenversicherung. Für dieses Jahr hat die Regierung aber eine umfassende Reform des Gesundheitswesens angekündigt.

 

Möglicherweise entstehen, sobald private Apotheken Rezepte nicht mehr nur gegen Barzahlung beliefern können, die ersten nichtstaatlichen Apothekenketten. Auch in den anderen ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens gibt es noch kommunale Apotheken. Celesio und Phoenix stehen für den Fall einer günstigen Marktentwicklung auf dem Balkan mit Beteiligungen in Slowenien beziehungsweise Kroatien bereit.

 

In Russland haben zahlreiche Kommunen bereits damit begonnen, ihre Apotheken in Ketten umzuwandeln. So hatte im März vergangenen Jahres die Stadt Moskau ihre 300 teils defizitären Apotheken unter der Marke Stolichnye apteki (»Hauptstadt-Apotheken«) zusammengeführt. Heute zählt Stolichnye apteki zu den größten Ketten des Landes; andere Gemeinden haben ihre Netzwerke bereits an Investoren verkauft.

 

Willkommene Einschränkungen

 

Eine komplette Freigabe des Apothekenmarktes streben auch die internationalen Pharmahandelskonzerne kaum an. Zwar müssen Kettenbetreiber beispielsweise in Großbritannien angesichts existierender Niederlassungsbeschränkungen für neue Apotheken hohe Budgets für ihre Zukäufe bereithalten. Andererseits stellen hohe Zugangsbarrieren für die Branchenriesen einen willkommenen Wettbewerbsvorteil dar. So haben fast ausschließlich die multinationalen Konzerne genug Geld, um sich flächendeckend an lukrativen Standorten einzukaufen. Einmal im Groß- und Einzelhandel etabliert, können innerhalb der vertikalisierten Strukturen neue Mitbewerber ausgebremst werden. Unabhängige Apotheken dürften sich schwer tun, ähnliche Rabatte auszuhandeln wie gruppeneigene Filialen; kleinere Großhändler werden bei den Tochter- oder Partnerapotheken ihres Konkurrenten kaum Abnehmer finden.

 

Andererseits ruft eine komplette Marktfreigabe neue und gefährliche branchenfremde Mitbewerber auf den Plan. Die britische Wettbewerbsbehörde OFT wollte zuletzt Anfang 2003 sämtliche Zulassungsbeschränkungen aufheben, um das Geschäft mit Apothekenlizenzen zu unterbinden. Gesundheits- und Wirtschaftsministerium blockierten und genehmigten, unter dem Einfluss der großen Lebensmittelkonzerne, nur eine abgespeckte Variante der OFT-Vorschläge: Nur wer Öffnungszeiten von mehr als 100 Wochenstunden und eine gewisse Mindestgröße nachweisen kann und dazu in einem Gewerbepark außerhalb des Stadtzentrums angesiedelt ist (kurzum: wer einen Supermarkt betreibt), darf seit Sommer 2003 jederzeit einen neuen Apothekenbetrieb eröffnen.

 

Nutznießer dieser einseitigen Marktöffnung sind Supermarktketten wie Tesco, J Sainsbury und Asda, die zur Eröffnung einer Instore-Apotheke eigentlich nur Verkaufsraum zur Verfügung stellen müssen. Die Discounter mit einer eingebundenen Apotheke haben ihren Marktanteil seitdem kontinuierlich ausbauen können, nicht zuletzt auf Grund deutlich niedriger Preise im OTC-Bereich. Erst vor vier Jahren hatten die Lebensmittelmultis um den ehemaligen Walmart-Ableger Asda, der in diesem Jahr von Konkurrent J Sainsbury übernommen wurde, die Freigabe der OTC-Preise erwirkt. In Branchenkreisen munkelt man, dass es die Apotheken selbst waren, die den Einstieg der Discounter ins Arzneimittelgeschäft provoziert haben: Als in den ersten Offizinen Lebensmittel angeboten wurden, sollen die Konzerne im Umkehrschluss ihre komplette Lobby-Artillerie aufgefahren haben.

 

Auch in der Schweiz drängt mit Migros der erste Lebensmitteldiscounter ins Geschäft. Anders als auf der Insel werden in den am Modellversuch teilnehmenden Filialen bislang nur Rezepte eingesammelt; die Belieferung erfolgt durch die Versandapotheke »Zur Rose«.

 

In anderen Ländern zeichnet sich der Einstieg weiterer einflussreicher Player ab. In den Niederlanden betreiben verschiedene Krankenversicherungen wie Azivo, Menzis oder DSW bereits erste eigene Apotheken; in Island wurde die größte Apothekenkette von einer Versicherungsgesellschaft aufgekauft. In Israel gehört die Hälfte der öffentlichen Apotheken zum Versorgungsangebot der Krankenkassen. Nur Mitglieder können in den unternehmenseigenen Filialen Rezepte einlösen.

 

Kettenbildung beschleunigt

 

Amerikanische Ökonomen gehen davon aus, dass, neben den Gesetzen des freien Marktes, auch die demographische Entwicklung den Vormarsch der Konzerne weiter beschleunigen wird. Wo immer sich selbstständige Apotheker zur Ruhe setzen, drängen die Akquisiteure der Großwirtschaft mit Ablöseschecks bereits in die Tür. Die Anleger drücken angesichts günstiger Absatzprognosen für die nächsten Jahrzehnte auch bei überzogenen Kaufpreisen ein Auge zu. Hauptsache, es steigt kein anderer ein.

 

Während demnach junge Apotheker Angestelltenkarrieren in den Netzwerken erwarten, werden in finanzielle Schieflagen geratene Apotheken schlichtweg von ihren vertikalisierenden Zulieferern absorbiert.

 

Dass die Apotheker jedoch manche Träume der Konzerne wie Seifenblasen zerplatzen lassen können, zeigen die Entwicklungen in den Niederlanden. Nachdem OPG den Marktumbruch eingeleitet hatte, hatte auch die britische Drogeriekette Boots 1999 die holländischen Verbraucher für ihr Mischkonzept aus Drogerie und Apotheke zu gewinnen versucht. Während der den OTC-Bereich dominierende Drogeriemarkt bereits gesättigt war, verweigerten Pharmagroßhändler unter dem Druck der alteingesessenen Apotheker dem britischen Eindringling die Belieferung mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Auch beim Personal gerieten die Briten unter Druck: Während ältere Apotheker kein Interesse an dem für sie traditionell ungewohnten Geschäft mit OTC-Produkten hatten und entsprechend eine Anstellung in einer der etablierten Apotheken vorzogen, strebten die jungen Pharmazeuten nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Als es Boots dann per Gerichtsbeschluss zumindest gelang, in die überlebenswichtigen Versorgungsverträge mit den Krankenkassen einzusteigen, erteilten schließlich die Patienten der Kette die endgültige Absage. Im August 2000 gab Boots auf und übertrug seine 17 Filialen an die Drogeriekette Etos. 14 Millionen Pfund kostete die britische Drogeriemarktkette der erfolglose Ausflug an die andere Kanalküste.

 

Überlegenheit nicht nachgewiesen

 

Obwohl auch in Deutschland politisch immer wieder der Ruf nach einer Deregulierung des Apothekenmarktes laut wird (zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe des Magazins »Spiegel«), gibt es bislang keinen stichhaltigen Beweis für eine volkswirtschaftliche oder qualitative Überlegenheit von Ketten- gegenüber Einzelapotheken. Der europäische Apothekendachverband ZAEU publizierte Anfang des Jahres eine Studie, in der österreichische Wissenschaftler die Auswirkung der Marktliberalisierung in verschiedenen europäischen Ländern untersuchten.

 

Den Autoren zufolge führt die Freigabe des Marktes zwar zu einer Erhöhung der Apothekenzahl; in Norwegen siedeln die Konzerne ihre neu eröffneten Apotheken jedoch überwiegend an lukrativen Standorten, etwa in Großstädten oder Einkaufszentren, an. Die norwegische Regierung sah sich angesichts des Apotheken-Clusterings bereits veranlasst, mit den drei marktbeherrschenden Unternehmen Übernahmegarantien für aufgegebene Landapotheken zu schließen.

 

Auch die Verbindung der Kette zu einem einzigen Großhändler bringt der Studie zufolge kaum Vorteile für die gesetzlich vorgeschriebene zeitnahe Belieferung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Ausgerechnet in drei Ländern ohne Fremd- und Mehrbesitz, also ohne die Vernetzung von Groß- und Einzelhandel, waren die Lieferzeiten im internationalen Vergleich am kürzesten.

 

Auf die Preise hat die Marktfreigabe ebenfalls keineswegs den erhofften Effekt. Zwar fluktuieren in Ländern wie Irland und Norwegen die Preise für OTC-Produkte stärker als in Ländern ohne Fremd- und Mehrbesitz. Dauerhaft billiger geworden sind Medikamente jedoch nicht. Stattdessen musste das norwegische Gesundheitsministerium 2004 feststellen, dass die Handelskonzerne zwar durchaus Rabatte bei ihren Zulieferern, vor allem Generikaherstellern, einfordern, diese jedoch nicht an Verbraucher oder Kassen weitergeben. Lediglich in Island waren die beiden Marktführer an umkämpften Standorten in einen Preiswettbewerb getreten. Dieser beschränkte sich jedoch auf die Patientenzuzahlungen; auch hier wuchs das Arzneimittelbudget entgegen den Hoffnungen der Regierung ungebremst weiter an. Eine Untersuchung der britischen Wettbewerbsbehörde OFT, auf deren Grundlage vor drei Jahren die Niederlassungsbeschränkungen zu Fall gebracht werden sollten, konnte ebenfalls keinen Preisvorteil von Kettenapotheken gegenüber unabhängigen Apotheken nachweisen. Weder Fremdbesitz noch eine hohe lokale Anbieterkonzentration führten zu statistisch signifikanten Nachlässen. Lediglich Supermarktapotheken hätten nach der Preisfreigabe 2001 ihre Preise um bis zu 30 Prozent gesenkt.

 

Nur bei den Öffnungszeiten konnten die großen Einheiten, Supermarkt-, aber auch Kettenapotheken, punkten. Dagegen lagen die unabhängigen Apotheken bei Lieferservice und der Anzahl eingerichteter Beratungsräume vorn.

 

Wirklich greifbare Qualitätsindikatoren wurden in den internationalen Untersuchungen mangels eines geeigneten Instrumentariums bisher nicht verglichen. Schwedische Wissenschaftler haben beobachtet, dass die Zunahme der Apothekenzahl zu einem Mangel an Personal und damit zu einer Unterbesetzung in den Apotheken führt. Wie riskant dies für die Versorgung der Bevölkerung sein kann, belegt eine Umfrage bei norwegischen Apothekern aus dem Jahr 2003: Drei Viertel der Pharmazeuten klagten über einen signifikanten Anstieg der Arbeitsbelastung und eine zunehmende Kollision beruflicher und wirtschaftlicher Interessen in der Apotheke.

 

Einbahnstraße

 

Angesichts der internationalen Erfahrungen wird klar, dass der einmal eingeschlagene Weg der als Konsolidierung missverstandenen Marktliberalisierung einer Einbahnstraße gleicht, deren kurvenreicher Parcours nur schwer einzusehen ist.

 

Obwohl europäische Gesundheitspolitiker bewiesen haben, dass die Auswirkungen einer Deregulierung des Apothekenmarktes nur schwer zu kontrollieren sind, lassen sich bestimmte Tendenzen durchaus ablesen: So konstatiert der schwedische Gesundheitsökonom Anders Anell in einer Untersuchung, dass eine Marktfreigabe im Apothekenbereich stets nur zu einem verstärkten Wettbewerb um Standort und Erreichbarkeit statt, wie erhofft, zu einem Wettbewerb um Qualität und Preis führt. Qualitative Aspekte der pharmazeutischen Arbeit und Betreuung seien zum größten Teil in Berufsordnung und Gesetzeswerken vorgegeben und standardisiert. Was die Preisentwicklung angeht, seien die Erfahrungen eindeutig. Angesichts des geringen Zuzahlungsanteils ließen die Verbraucher ohnehin eine gewisse Preissensibilität vermissen.

 

Dass der Apothekenmarkt kein gewöhnlicher Markt ist, haben auch die Gesundheitspolitiker anerkannt. In keinem Land in Europa warfen sie sämtliche Regularien zum Besitz oder Betrieb von Apotheken über Bord.

 

Tatsächlich führt laut Anell jedoch gerade dieses Festhalten an bestimmten regulatorischen Beschränkungen zu erheblichen Verwerfungen am Markt. Denn insbesondere bei Zugangsbarrieren wie Niederlassungsbeschränkungen, Mindestöffnungszeiten oder Personalvorgaben kommen die großen Einheiten in den Genuss spezieller Wettbewerbsvorteile. Eingeschränkte Marktfreigaben funktionierten nicht, erklärt der schwedische Wissenschaftler das Dilemma liberalisierungswilliger Gesundheitspolitiker. Sollte sich eine Regierung jedoch zur Marktfreigabe entschließen, muss sie laut Anell niedrige Zugangsbarrieren für Drittanbieter gewährleisten. Nur so könne, wenn überhaupt, echter Wettbewerb gewährleistet und eine Oligopolbildung verhindert werden. Eine totale Marktfreiheit, zumindest darin sind sich die meisten Beteiligten einig, verbietet sich jedoch im Gesundheitswesen.


Kette für den Nachwuchs

Die älteste europäische Apothekenkette ist in einem Land zu Hause, in dem Fremd- und Mehrbesitz eigentlich verboten sind: Die finnische Universitätsapotheke Yliopiston Apteekki feierte im vergangenen Jahr ihren 250. Geburtstag. 1953 um eine erste Filiale erweitert, betreibt Yliopiston Apteekki heute 17 Apotheken und beliefert 10 Prozent aller Verordnungen in Finnland.

 

Die knapp 1000 Angestellten bilden pro Jahr 100 Pharmaziepraktikanten aus und erwirtschafteten 2005 einen Umsatz von 250 Millionen Euro. Das Geschäft der Universitätsapotheker boomt: 43 Millionen Euro flossen im vergangenen Jahr aus Zuzahlungen an die Universität Helsinki zurück. Außerdem ist die Universitätsapotheke seit 2004 mit acht Filialen in Estland sowie seit Ende 2005 mit einer Apotheke im russischen St. Petersburg vertreten.


Der Autor

Patrick Hollstein studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle sowie Politik- und Literaturwissenschaften an der Freien Universität sowie der Humboldt-Universität in Berlin. Der Autor ist unter anderem für die Magazine "GEO" und "Spektrum der Wissenschaft" sowie für die "Neue Apotheken Illustrierte (NAI)" tätig. Seit 2005 ist Hollstein Geschäftsführer der Berliner Kommunikationsagentur El Pato. Als freier Autor ist der Apotheker bereits seit 2003 für die PZ tätig und konzentriert sich dabei insbesondere auf die internationalen Pharma- und Gesundheitsmärkte.

 

 

Anschrift des Verfassers:

Patrick Hollstein

El Pato - Agentur für Kommunikation

Kollwitzstraße 44

10405 Berlin

www.el-pato.de

patrick.hollstein(at)el-pato.de


Links zum Titelbeitrag

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 26/2006

 

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