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Der Apotheker spukt in seinen Stücken

MAGAZIN

 
Henrik Ibsen

Der Apotheker spukt in seinen Stücken

von Christoph Friedrich, Marburg

 

Vor 100 Jahren starb der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828-1906). Ibsen bereitete nicht nur dem Naturalismus in Skandinavien und Deutschland den Weg, sondern begründete mit seinem Spätwerk auch das Drama des Symbolismus. Wenig bekannt ist, dass er sechs Jahre als Lehrling und Gehilfe in einer Apotheke tätig war (1).

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Ibsen besuchte zunächst die Volksschule seines Geburtsortes Skien an der Südostküste Norwegens und anschließend die Mittelschule. Obwohl er ausgeprägte künstlerische Interessen besaß, ließ ihn sein Vater einen »Brotberuf« erlernen. In einem Brief vom 10. März 1863 an den norwegischen König bemerkte Ibsen: »Da meine Eltern unvermögend waren, war ich genötigt, schon von meinem 15. Jahr an für mich selbst zu sorgen. Ich erhielt eine Anstellung erst als Lehrling, dann als Gehilfe in der Apotheke zu Grimstad: ein Beruf, in dem ich bis Ende 1849 verblieb« (4).

 

Ibsen begann 1843 seine Lehrzeit bei Apotheker Jens Arup Reimann (gest. 1873) in Grimstad. Damals gab es in ganz Norwegen nur etwa 30 Apotheken. Grimstad war ein Landstädtchen mit etwa 800 Einwohnern, mehr Dorf als Stadt, das gesellschaftlich von einigen Reeder-, Kaufmanns- und Schifferfamilien geprägt wurde. Reimann eröffnete die Offizin in einer ärmlichen Gegend, Storgaten 75 (5).

 

Die Apotheke, die zugleich als Postamt fungierte, befand sich in einem Zimmer, der zweite Raum des Erdgeschosses diente der Apothekerfamilie als Wohnzimmer. Ibsen musste gemeinsam mit den drei älteren Apothekersöhnen in einer Kammer in der oberen Etage schlafen. Wenn die Nachtglocke läutete, schlüpfte er in einen Morgenrock, schlich sich durch das Zimmer des Dienstmädchens und die steile Treppe zur Apotheke hinunter.

 

Die nächsten sechs Jahre besaß Ibsen somit keinerlei Rückzugsmöglichkeit, dennoch schrieb er am 20. Mai 1844 an einen Freund, wie zufrieden er sei und wie gut ihn Reimann behandele und alles Mögliche täte, »um sein Interesse für die Apotheke zu wecken, das anfangs nicht besonders groß war« (2). Ibsen hatte schon als Lehrling oft allein die Apotheke zu versorgen. Die Arzneimittelherstellung erfolgte in der Küche, am offenen Schornstein ohne Herd, zum Teil neben den Esstöpfen. Der Apothekerlehrling wurde in Grimstad als Zugezogener indessen misstrauisch betrachtet (5), nicht zuletzt auch wegen seines stillen Wesens und weil er, wie er in der Vorrede zu »Catilina« berichtet, über die Bürger des Ortes allerlei »Schimpfreimlein« schmiedete (6).

 

Die erzwungene Intimität zu dem Dienstmädchen im Apothekerhaus blieb nicht ohne Folgen. Im Oktober 1846 gebar Else Sophie Birkedalen, die zehn Jahre älter war als er, einen Sohn, der den Namen Hans Jakob Henriksen erhielt. Ibsen gab in seinem Schreiben vom 7. Dezember 1846 zu, dass er sich »ungeachtet des Umgangs des Dienstmädchens mit andern Mannspersonen in der fraglichen Zeit, nicht mit Bestimmtheit von der gemeldeten Vaterschaft lossprechen« könne und dass er »körperlichen Umgang mit ihr pflegte, wozu ihr lockendes Betragen und unser gleichzeitiger Dienst beim Apotheker Reimann in demselben Maße Anlaß bot« (2). Gemäß Ratsbeschluss vom 18. Dezember musste er Unterhalt zahlen, erwähnte jedoch die Existenz des Kindes und der Mutter später nie.

 

Apotheker Reimann, der schwer verschuldet war und seine Probleme im Alkohol zu ertränken suchte, dürfte Ibsens Ansichten über Männer mit geprägt haben: In seinen Werken begegnet man häufig männlichen Personen, die sich im Vergleich zu ihren Frauen als schwächer erweisen.

 

1846 gab Reimann sein Geschäft schließlich auf, und im März des folgenden Jahres wurde die Apotheke an Lars Nielsen (1825-1865) verkauft, der sie in einen zentralen Teil der Stadt, Østregate verlegte . Seit 1915 befindet sich in diesem Gebäude ein Ibsen-Museum (5).

 

Der Gehilfe als Dichter

 

Da Ibsen zu dieser Zeit bereits die erste Hälfte der Lehre absolviert hatte, durfte er nun den Titel »Gehilfe« führen und erhielt einen höheren Lohn. In den Revisionsprotokollen der Apotheke für die Jahre 1847 bis 1849 wird Ibsen als »examinierter Assistent« des Apothekers Nielsen genannt (5).

 

Im neuen Apothekenhaus teilte er sich mit Nielsen ein Zimmer im hinteren Teil der Apotheke, das zugleich als Labor, Ess- und Schlafzimmer diente (2). Ibsen gelang es, sich einen Freundeskreis aufzubauen, und das Nachtdienstzimmer der Apotheke wurde schnell zum Treffpunkt der intellektuellen Jugend des Städtchens. Gleichwohl hielt er die Tatsache, dass er »ernsthafte« Verse schrieb, selbst vor seinen Freunden geheim. 30 Gedichte sind aus der Zeit in Grimstad erhalten, 26 von ihnen stellte er in einem Band zusammen, dem er den Titel »Vermischte Gedichte aus den Jahren 1848, 1849 und 1850« gab (2). Gelegentlich malte Ibsen auch und schulte so seine Beobachtungsgabe (7).

 

Die verbesserten materiellen Bedingungen ermutigten ihn, den Plan, Medizin zu studieren, weiter zu verfolgen, weshalb er in seiner Freizeit Latein zu lernen begann. Die Beschäftigung mit lateinischen Texten veranlasste ihn 1849 zur Abfassung des Versdramas »Catilina«, das allerdings vom Theater in Christiania abgelehnt, jedoch 1850 gedruckt wurde. Ibsen berichtet im Vorwort zur zweiten Ausgabe über den Entstehungsprozess: »Ich weilte damals in Grimstad und war drauf angewiesen, mir das, was ich zum Lebensunterhalt wie zur Vorbereitung für das akademische Examen nötig hatte, selbständig zu erwerben. [...] Mein Drama wurde nächtlicherweile niedergeschrieben. Meinem guten und ehrenwerten, aber von seinem Geschäft ganz und gar in Anspruch genommenen Prinzipal mußte ich Freistunden zum Studium geradezu abstehlen, und von diesen gestohlenen Stunden des Studiums stahl ich wiederum Augenblicke für das Dichten. So blieb mir im wesentlichen keine andere Zuflucht als die Nacht. Ich glaube, dies ist unbewußt die Ursache davon geworden, daß die Handlung beinah des ganzen Stückes sich zur Nachtzeit abspielt. Eine für meine Umgebung so wenig verständliche Thatsache wie das Geschäft, ein Schauspiel zu schreiben, mußte natürlicherweise geheim gehalten werden; aber da ein zwanzigjähriger Dichter es doch nicht gut ganz ohne Mitwisser aushält, so vertraute ich zwei gleichaltrigen Freunden an, mit was ich mich im Stillen befaßte« (8).

 

Von der Apotheke zur Bühne

 

Noch 1849 verließ Ibsen die Apotheke und ging zum Medizinstudium in die Hauptstadt Christiania, wo er bald mit P. Botten-Hansen und A. O. Vinje das Wochenblatt »Andhrimner« herausgab.

 

1851 erhielt er eine Stelle als Bühnenleiter und Theaterdichter in Bergen, unternahm ein Jahr später eine Studienreise nach Kopenhagen und Dresden, wo er sich mit Bühnentechnik und Dramaturgie befasste. In Bergen war er bis 1857 tätig. Von dort wurde er nach Christiania berufen und leitete hier das Norske Teatret (Nationaltheater). 1864 verließ er Norwegen und lebte anschließend in Dresden, München und Italien. 1891 kehrte er nach Norwegen zurück. 1900 erlitt er einen ersten, ein Jahr später einen zweiten Schlaganfall, 1903 folgte ein dritter, der ihn an das Bett fesselte. Ibsen starb schließlich am 23. Mai 1906 im Alter von 78 Jahrenin Christiania (2,3).

 

Ibsen griff in seinen erfolgreichen Dramen die Lebenslüge in allen Formen auf, besonders das zerrüttete Verhältnis von Liebe und Ehe. Die Zeit in der Apotheke dürfte für seine spätere dichterische Arbeit eine wichtige Vorbereitung gewesen sein, ermöglichte sie ihm doch, seine Mitmenschen zu beobachten und die Verhältnisse in einer Kleinstadt genauer zu studieren.

 

Dass die Ausbildung zum Apotheker Henrik Ibsen nachdrücklich geprägt habe, erwähnt auch Theodor Fontane (1819-1898), der sich selbst stets dagegen wehrte, als »Apothekerschriftsteller« angesehen zu werden. In einem Brief an seine Tochter Martha vom 14. März 1889 bemerkte er: »Betreffs Ibsen muß ich doch noch eine gute Bemerkung anfügen, die Emil Ritterhaus über Ibsen machte. ›Haben Sie nicht bemerkt‹, sagt er, ›daß Ibsen ganz wie ein Apotheker wirkt? Er ist den Apotheker nicht losgeworden und der spukt nun in seinen Stücken, seinen Problemen und Tendenzen und auch in seiner Konversation. Er ist immer ein kleiner Apotheker, der abwartet und dribbelt und auf der Lauer liegt.‹ Es ist vollkommen richtig, und ich mußte laut lachen, schon um hinter dem großen Lachen meine eigene Angst zu verstecken« (9). Manche kleine Altersneurosen, wie sein Pünktlichkeitswahn (2) - insbesondere bei der Einnahme von Arzneimitteln - erinnern noch an die pharmazeutische Erziehung.

 

Die Rollen der Ärzte

 

Während Apothekergestalten, wie man sie bei Fontane (man denke an »Effi Briest«) antrifft, bei Ibsen fehlen, finden sich in einigen seiner Theaterstücke jedoch verschiedene Arztfiguren. In »Die Kronprätendenten« von 1863, einem historischen Schauspiel aus dem 13. Jahrhundert, bereitet Meister Sigard, ein Arzt aus Brabant, für den sterbenskranken Bischof Nikolas Arnessohn von Oslo einen Trank, der »die schwersten Augenblicke etwas erleichtern soll« (10), über dessen Zusammensetzung man indessen nichts erfährt.

 

In dem 1866 gedruckten Schauspiel »Brand«, das erste Werk Ibsens von »einschneidender Bedeutung«, begegnet man einem Doktor, dem Ibsen Apothekerlatein in den Mund legt: »Ja, Deines Willens quantum satis steht, reich gebucht, an seiner Statt; doch Pfarr, Dein conto caritatis, das ist ein weiß, jungfräulich Blatt.« Die Schlussverse des Schauspiels lauten schließlich: »Sag mir Gott, im Todesgraus: Reicht nicht zur Errettung aus, Manneswillens quantum satis -?« (4).

 

Auch in Ibsens Lustspiel »Der Bund der Jugend« gibt es eine Arztfigur, den Hüttenarzt Dr. Fjeldbo, dessen Texte aber kaum medizinische Bezüge erkennen lassen. In dem 1888 in München entstandenen Schauspiel »Die Frau am Meer« steht der in einer Kleinstadt an der Westküste Norwegens tätige Bezirksarzt Dr. Wangel im Mittelpunkt. Als ungewöhnlich toleranter Ehemann gewährt er seiner Frau, die als Tochter eines Leuchtturmwächters am Meer aufgewachsen ist, viel Freiheit und gestattet ihr die freie Wahl zwischen ihm und ihrem ehemaligen Verlobten.

 

Der Arzt Dr. Rank in Ibsens 1879 uraufgeführten Schauspiel »Nora oder Ein Puppenheim«, der in Nora, die Frau seines Freundes, verliebt ist, leidet an einer unheilbaren Rückenmarkserkrankung, die er dem lustigen Leutnantsleben seines Vaters verdankt, und flüchtet sich in Zynismus. So wendet er sich gegen die Forderung, dass Kranke das größte Anrecht darauf haben, sichergestellt zu werden, da dies »die menschliche Gesellschaft zu einem Krankenhause« machen würde (12).

 

Schließlich handelt es sich auch bei der Hauptfigur in Ibsens 1883 in Oslo uraufgeführten Schauspiel »Ein Volksfeind« um einen Arzt. Der Badearzt Dr. Tomas Stockmann, der zum Aufstieg seiner Heimatstadt zu einem angesehenen Badeort beigetragen hatte, lässt das Heilwasser von einem Chemiker analysieren. Dieser stellt fest, dass die im Badeort aufgetretenen Krankheiten wie Typhus und gastrisches Fieber von dem mit »Milliarden von Bakterien« verseuchten Badewasser herrühren. Stockmann, der unbeugsam für die Wahrheit kämpft, wird schließlich zum Volksfeind erklärt. Das von Bakterien verpestete Wasser dient Ibsen als Metapher für die Vergiftung des gesamten geistigen Lebens und der bürgerlichen Gesellschaft. Er zeigt in diesem Drama einen Arzt, der sich ganz dem Gemeinwohl und der medizinischen Ethik verpflichtet fühlt, der aber auch kleine Schwächen hat: Er raucht Pfeife und bietet seinen Gästen schon morgens Sherry oder Bier an. Bemerkenswert ist, dass die erst in den 1880er Jahren erzielte Entdeckung der Bakterien in diesem Theaterstück thematisiert wird.

 

Lügen fast chemisch analysiert

 

Der Apotheker und Schriftsteller Kopernikulus, der mit richtigem Namen Georg Loerke (1888-1951) hieß, bemerkte über Ibsens Theaterstücke: »Was an Ibsens Drama so ungemein spannend wirkt, ohne daß sich vor unseren Augen eine dramatische Handlung ›aufbaut‹, ist eben gerade das Gegenteil von Aufbau, ist Abbruch, Analyse, und die fast unheimliche Wirkung kann von Grund aus am besten ein Chemiker verstehen. Man überlege doch einmal: die meistens ziemlich langen fünf Akte der gesellschaftskritischen Meisterdramen Ibsens bilden doch jeweils nur das - Schlußkapitel oder - Stein für Stein - den Abbruch eines Zustandes, dessen Werden weit, oft lange Jahre weit vorausliegt und der nun - hinterher - vor unseren Augen ›enthüllt‹ wird, in seine Ursachen aufgelöst - chemisch analysiert. Schon nach den ersten Worten ahnt der Hörer, daß hier nichts ›wird‹, sondern daß etwas Unaufhaltsames vorausgegangen ist, sich zu einem explosionsträchtigen Zustand entwickelt hat, dessen poetische Auflösung wir mit der Spannung des analytischen Chemikers Schritt für Schritt verfolgen, bis das falschgemischte Ganze, dessen Kern Lüge war, unrettbar und krachend zerfällt. Worte und äußere Zufälle sind da nicht dramatisch aufbauende, türmende Momente, sondern Tropfen verschiedener Reagenzflüssigkeiten, die uns das ›Geheimnis der Zusammensetzung‹ enthüllen. So ist der Apotheker im Dichter mehr am Werke als der Träumer oder Erfinder menschlicher Schicksale, die Ibsen vielmehr dem Leben, ja selbst aus Zeitungsberichten entnahm« (13).


Literatur

  1. Urdang, G., Der Apotheker als Subjekt und Objekt der Literatur. Julius Springer Berlin 1926, S. 48-55.
  2. Ferguson, R., Henrik Ibsen. Eine Biographie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, München 1998.
  3. Wetzel, H., Wetzel, Ch., Henrik Ibsen. Die großen Klassiker. Literatur der Welt in Bildern, Texten, Daten. Andreas & Andreas Salzburg 1984.
  4. Ibsen, H., Sämtliche Werke in deutscher Sprache in 10 Bänden. S. Fischer Verlag Berlin 1903-1904, hier Bd. 10, S. 24.
  5. Me., Eine norwegische Kleinstadtapotheke von Weltruf. 100 Jahre Apotheke in Grimstad, Pham. Ztg. 81 Nr. 66 (1936) 841 u. 842
  6. Ibsen, wie Anm. 4, Einleitung zu Bd. 10, S. IXXf.
  7. O. A.: Apothekerdichter Ibsen als Maler. Pham. Ztg. 78 Nr.103 (1933) 1335.
  8. Ibsen, wie Anm. 4, Bd. 1, S. 539-541.
  9. Friedrich, Ch., Apothekerliches in Fontanes Romanfragment „Allerlei Glück”. Geschichte der Pharmazie 44 Nr. 4 (1992) 49.
  10. Ibsen, wie Anm. 4, Bd. 3, S. 261.
  11. Brief H. Ibsens an Michael Birkeland vom 4. Mai 1866. In: Ibsen, wie Anm. 4, Bd. 10., S. 65.
  12. Ibsen, wie Anm. 4, Bd. 6, S. 298.
  13. Kopernikulus [Georg Loerke], Apotheker Ibsen, Pham. Ztg. 41 Nr. 41 (1926) 633.

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2006

 

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