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Duloxetin|Yentreve®|81|2004

NEUE ARZNEISTOFFE

 
81 Urologika und Mittel zur Behandlung der Hyperkaliämie und Hyperphosphatämie


Duloxetin, Yentreve®, Hartkapseln (Boehringer Ingelheim; Lilly)

 

 

Die Belastungsinkontinenz (stress urinary incontinence; SUI) ist die häufigste Form der Harninkontinenz bei Frauen. Für Frauen mit mittelschwerer bis schwerer SUI ist Duloxetin zugelassen. Standarddosierung sind zweimal täglich 40 mg.

 

Duloxetin ist ein zentral wirksamer, kombinierter Serotonin (5-HT)- und Noradrenalin (NA)-Wiederaufnahmehemmer. Er soll die Wiederaufnahme der beiden Neurotransmitter im sakralen Rü-ckenmark (am präsynaptischen Neuron im so genannten Onuf-Nukleus) hemmen und somit deren Konzentration im synaptischen Spalt erhöhen. Dies steigerte im Tierversuch den Tonus der querge-streiften Muskulatur des Harnröhrenschließmuskels während der Speicherphase des Miktionszyklus. Beim Menschen wird ein ähnlicher Mechanismus angenommen, der zu einem stärkeren Verschluss der Harnröhre führt und damit dem unfreiwilligen Harnabgang vorbeugt.

 

Obwohl Männer selbstverständlich keine anderen Rezeptoren haben als Frauen und ebenfalls unter Stressinkontinenz leiden können, wurde Duloxetin nur bei Frauen getestet und ist daher nur für diese Zielgruppe zugelassen. In-vitro- und In-vivo-Studien haben gezeigt, dass Duloxetin den 5-HT- und NA-Reuptake stärker hemmt als das Antidepressivum Venlafaxin. Der Arzneistoff wurde auch in dieser Indikation ausgiebig erprobt. Die Zulassung als Antidepressivum ist inzwischen beantragt.

 

Die Pharmakokinetik von Duloxetin schwankt interindividuell stark. Die absolute Bioverfügbarkeit liegt zwischen 32 und 80 Prozent; Nahrungsaufnahme vermindert die Resorption geringfügig. Der Arznei-stoff wird stark metabolisiert, hauptsächlich über die Enzyme CYP2D6 und -1A2 in der Leber, und renal ausgeschieden. Die Eliminationshalbwertszeit liegt zwischen 8 und 17 Stunden. Bei Menschen mit Leberinsuffizienz war die Halbwertszeit mehr als verdoppelt und die AUC knapp vervierfacht. Bei diesen Patienten darf das Medikament nicht eingesetzt werden. Ferner darf es nicht mit CYP1A2-Hemmern wie Fluvoxamin, Ciprofloxacin und Enoxacin sowie mit irreversiblen MAO-Hemmern wie Tranylcypromin kombiniert werden. Wegen der Gefahr eines Serotonin-Syndroms ist Vorsicht geboten, wenn Duloxetin mit anderen Antidepressiva (SSRI, Trizyklika), Triptanen oder Tramadol eingenommen wird.

 

In vier Studien über zwölf Wochen erhielten insgesamt 1913 Frauen das Verum, meist zweimal täglich 40 mg, oder Placebo. Zielparameter waren die Inkontinenzhäufigkeit und die Inkontinenzbezogene Lebensqualität, die in einem speziellen Fragebogen erhoben wurde. In allen Studien ging die Häufigkeit des unfreiwilligen Harnabgangs unter Verum um rund die Hälfte (50 bis 64 Prozent), unter Placebo um 27 bis 40 Prozent zurück. Signifikant größer war der Nutzen für Frauen mit schwerer Inkontinenz, die zu Beginn mehr als 14 Episoden pro Woche angaben (Rückgang der Häufigkeit um 56 versus 27 Prozent). Die Unterschiede waren nach vier Wochen deutlich erkennbar. Die Frauen der Verumgruppe gaben in allen Studien eine signifikant bessere Lebensqualität an.

 

Häufigste Nebenwirkung war Übelkeit, die bei jeder fünften Frau vorübergehend auftrat und häufigster Grund für einen Abbruch der Studie war. Weitere Nebeneffekte waren Schlaflosigkeit, trockener Mund, Müdigkeit und Obstipation. Ein Vergleich von Duloxetin versus Beckenbodentrainung oder Biofeedback-Therapie bei Frauen mit leichter Inkontinenz liegt nicht vor. Ebenso wäre interessant, ob das Medikament den Effekt des Trainings verbessern kann.

 













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