86 Zytostatika

 Cetuximab (Erbitux® Infusion, Merck)

Patienten mit metastasiertem Darmkrebs, die auf eine Chemotherapie nicht mehr ansprechen, haben eine schlechte Prognose. Der neue monoklonale chimäre Antikörper Cetuximab kann eine Remission oder Tumorstabilisierung einleiten.
Ein Großteil der soliden Tumoren exprimiert den Epidermal Growth Factor Rezeptor EGFR, der zur Familie der HER- (oder erb-B) -Wachstumsfaktoren gehört. Das 170 kDa große Glykoprotein besteht aus drei Bereichen: eine extrazelluläre Ligandenbindungsdomäne, ein transmembranärer lipophiler Abschnitt sowie eine intrazelluläre Domäne mit Tyrosinkinase-Funktion. Bindet ein spezifischer Ligand, zum Beispiel EGF oder TGF-a (Transforming Growth Factor alpha), an der Zelloberfläche an den Rezeptor, dimerisiert dieser und stößt eine Reaktionskaskade im Zellinneren an. In der Folge katalysiert die Tyrosinkinase die Phosphorylierung von Proteinen, die als Signaltransduktoren wirken. Letztlich werden Gentranskription und DNA-Replikation im Zellkern angeregt. Diese Signale befähigen die Zelle zur Reifung und Proliferation, Angiogenese und Metastasierung.
Diese zentrale Funktion macht den EGFR als Target in der Tumortherapie hoch interessant. Cetuximab ist ein monoklonaler chimärer Antikörper, der sich an die extrazelluäre Domäne des Rezeptors bindet und damit die Bindung des Epidermal Growth Faktor sowie die intrazelluläre Signalweiterleitung verhindert.
In der Standardtherapie des Kolorektalkrebses wird heute eine Kombination des Antimetaboliten 5-Fluoruracil (5-FU) und Folinsäure (FA), meistens plus Irinotecan (FOLFIRI-Regime) oder Oxaliplatin (FOLFOX) eingesetzt. Cetuximab ist bisher nur als second-line-Therapeutikum zugelassen worden, wenn die Patienten auf die herkömmliche Therapie nicht mehr ansprechen. Vor Einsatz des Antikörpers muss durch immunhistochemische Färbung nachgewiesen werden, dass der Tumor EGFR exprimiert.
In der BOND-Studie bekamen 218 Patienten Cetuximab plus Irinotecan, 111 nur den Antikörper. Die Kombination verdoppelte die Rate der Patienten, die mit einer Voll- oder Teilremission reagierten, von 11 auf 23 Prozent. Bezog man die Patienten mit ein, deren Tumor sich stabilisierte, lag die Ansprechrate bei 55 Prozent unter der Kombination gegenüber 32 Prozent mit der Monotherapie. Die progressionsfreie Überlebenszeit verlängerte sich von 1,5 auf 4,1 Monate. Allerdings zeigte sich kein Vorteil bei der Gesamtüberlebenszeit (6,9 versus 8,6 Monate).
Eine spezifische und häufige Nebenwirkung unter Cetuximab sind Hautreaktionen.
Zurzeit laufen vier Studien, in denen Cetuximab zusätzlich zu einem FOLFIRI- oder FOLFOX-Regime in der Ersttherapie des kolorektalen Tumors eingesetzt wird. Die Remissionsraten lagen in den kleinen Studien bei 43 bis 81 Prozent, bei manchen Patienten wurde sogar eine Operation möglich. Nur 5 bis 10 Prozent sprachen gar nicht auf die komplexe Behandlung an.
Neue Hoffnung könnte der Antikörper für Menschen mit Kopf-Hals-Tumoren bringen. In einer Phase-III-Studie mit 424 Patienten, die an fort-geschrittenen Plattenepithelkarzinomen an Kopf und Hals litten, verdoppelte die Kombination von Bestrahlung und wöchentlicher Cetuximab-Infusion die mittlere Überlebenszeit von 28 auf 54 Monaten gegenüber der alleinigen Strahlentherapie. Auch bei nicht kleinzelligem Bronchialkrebs wird der Antikörper derzeit getestet. 
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