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Zahnerkrankungen beeinflussen den gesamten Körper

MEDIZIN

 
Mundhygiene

Zahnerkrankungen beeinflussen den gesamten Körper

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Die Mundgesundheit hat Einfluss auf den gesamten Körper. So zieht eine Parodontitis nicht nur das Zahnfleisch in Mitleidenschaft, sondern kann auch das Risiko für Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Frühgeburten erhöhen.

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Eine Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontium), die bei chronischem Verlauf zum Knochenabbau und zum Zahnverlust führen kann. Jede Parodontitis beginnt durch mikrobielle Besiedlung der Mundhöhle mit einer Entzündung des Zahnfleisches (Gingivitis). Auslöser sind vorwiegend anaerobe gramnegative Bakterien, deren Stoffwechselprodukte das Zahnfleisch reizen. Klassische Symptome einer Gingivitis sind Rötung, Schwellung und Blutung bei Berührung, zum Beispiel beim Zähneputzen. Wenn es den Mikroorganismen gelingt, sich unterhalb des Gingivasaumes anzusiedeln, entwickelt sich die Gingivitis zu einer Parodontitis weiter, was bei 10 bis 15 Prozent der Patienten der Fall ist. Auf Grund der exzessiven Immunreaktion des Körpers kommt es zu einem Abbau des Bindegewebes sowie des Knochens und schließlich zum Zahnverlust.

 

Der Übergang vom Zahnfleisch zur Zahnhartsubstanz ist die einzige Stelle im menschlichen Körper, an der die Integrität des Epithels durchbrochen ist. Über diese Eintrittspforte können Bakterien in die Blutbahn gelangen und eine Bakteriämie auslösen. Dies kann bei der Extraktion von Zähnen und der professionellen Zahnreinigung geschehen, aber auch bei mechanischer Beanspruchung des Kausystems, zum Beispiel beim Zähneputzen oder der Verwendung von Zahnseide und Interdentalraumbürsten. Selbst das Kauen kann zu einer Bakteriämie führen. Je stärker die Entzündung ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Bakterien ins Blut gelangen, wo sie verschiedene Erkrankungen bedingen können.

 

Diabetes mellitus und Parodontitis

 

Zwischen Parodontitis und Diabetes mellitus besteht eine Wechselbeziehung. So haben schlecht eingestellte Diabetes-Patienten nicht nur ein erhöhtes Risiko, an einer Parodontitis zu erkranken. Eine Infektion des Zahnhalteapparates kann auch, wie alle Infektionen, den endokrinologisch metabolischen Status des Wirts verändern und damit die Kontrolle des Blutzuckerspiegels erschweren. Bakterielle Infektionen vermindern die insulinvermittelte Glucoseaufnahme durch die Skelettmuskeln und erzeugen eine Insulinresistenz. Eine Longitudinalstudie an diabetischen Pima-Indianern zeigte, dass eine Parodontitis als chronische gramnegative Infektion im Zusammenhang mit einer schlechten glykämischen Kontrolle steht. Sie kann also die Einstellung der Blutzuckerwerte erschweren und somit das Risiko für diabetische Komplikationen wie Retinopathie, Nephropathie und Neuropathie erhöhen.

 

Auf der anderen Seite lassen zahlreiche Studien vermuten, dass sowohl Diabetes- Typ-I- als auch Typ-II-Patienten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Parodontalerkrankung haben. Grundsätzlich scheinen nicht optimal eingestellte Typ-I-Diabetiker schwerere Parodontitisverläufe zu zeigen. Bei Typ-II-Diabetikern gibt es Hinweise darauf, dass Schwere, Prävalenz und Inzidenz einer Parodontitis höher sind als bei Nichtdiabetikern. Da viele Patienten diese Zusammenhänge nicht kennen, sollten sie auf das Risiko hingewiesen werden, um durch eine effiziente Mundhygiene Komplikationen zu vermeiden. Grundsätzlich sollten Diabetiker engmaschiger zahnärztlich kontrolliert werden als Nichtdiabetiker, da es besonders wichtig ist, eine Parodontitis frühzeitig zu erkennen.

 

Kardiovaskuläre Erkrankungen

 

Zahlreichen epidemiologischen Studien zufolge gilt die Parodontitis als Risikofaktor für das Auftreten einer Arteriosklerose, aber auch eines akuten Myokardinfarkts. Parodontitispatienten haben demnach ein mindestens doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie Personen mit gesundem Zahnfleisch. Gelangen gramnegative Parodontalpathogene ins Blut, können sie sich an unterschiedlichen Stellen im Körper in den Gefäßen ablagern. Dort können sie Entzündungen verursachen, die wiederum zu Kalkablagerungen in den Gefäßen führen. Von einigen Stämmen oraler Keime (darunter der parodontalpathogene Porphyromonas gingivalis) wird sogar angenommen, dass sie in der Blutbahn direkt Thrombose auslösen können. Somit gilt Parodontitis auch als Risikofaktor für Schlaganfall.

 

In seltenen Fällen kann eine Parodontitis auch zu einer Entzündung der Herzinnenhaut führen. Etwa 8 Prozent aller Fälle von infektiöser Endokarditis stehen im Zusammenhang mit einer parodontalen oder dentalen Erkrankung. Die Mikroorganismen, die am häufigsten bei Endokarditiden gefunden werden, sind orale Streptokokken. So wurde im Blut von Patienten mit subakuter Endokarditis Streptococcus sanguis nachgewiesen, der in großer Zahl in supra- und subgingivaler Plaque vorzufinden ist. Diese Mikroorganismen scheinen eine Affinität zu Thrombozytenansammlungen an Herzklappen zu haben. Sie können sich direkt an die Thrombozyten anlagern und durch calciumunabhängige Mechanismen deren Aggregation fördern, was sowohl zur Ausbildung von Thromben als auch zur Zunahme der endokardialen Thrombozytenansammlung führen kann.

 

Frühgeburten und Parodontitis

 

Verschiedene Studien zeigen, dass Parodontitis das Risiko einer Frühgeburt beziehungsweise einer Geburt mit zu niedrigem Geburtsgewicht um das Siebenfache erhöht. Schätzungen zufolge werden circa 18 Prozent aller Frühgeburten durch eine nicht erkannte beziehungsweise nicht behandelte Parodontitis verursacht. Die für die Parodontitis verantwortlichen Bakterien produzieren Entzündungsmediatoren, die über die Blutbahn zum Mutterkuchen des Fetus gelangen und sein Wachstum hemmen können. Gleichzeitig setzt der Körper eine Immunabwehr gegen die Infektion in Gang, die zu einer Weitung des Muttermundes sowie Verkrampfungen im Bereich der Gebärmutter führen kann. Schwangere sollten daher besonders auf die Mundhygiene achten und die zweimal jährliche Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt wahrnehmen.

 

Frühzeitig vorbeugen

 

Da einer Parodontitis immer eine Gingivitis vorausgeht, beginnt die Prävention bei der Gingivitisprophylaxe. Wichtigste Maßnahme ist die möglichst vollständige Entfernung bakterieller Plaque (Zahnbelag) durch eine gründliche Mundhygiene, unterstützt durch eine mindestens halbjährliche professionelle Zahnreinigung. Der Biofilm auf den Zähnen sollte mindestens zweimal täglich durch Zähneputzen entfernt werden. Hilfreich sind auch antibakterielle Mundspüllungen. Als effizient hat sich die Wirkstoffkombination aus Aminfluorid und Zinnfluorid erwiesen. Die Zinnionen inaktivieren Plaquebakterien, indem sie deren Stoffwechsel vermindern und die bakterielle Anlagerung an orale Oberflächen hemmen. Diese Wirkung wird durch die antibakteriellen Eigenschaften des Aminfluorids verstärkt. Somit kommt es zu einer nachhaltigen Hemmung des Plaquewachstums. Die Abgabe von schädlichen Toxinen und schmelzschädigenden Säuren wird damit vermindert.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2006

 

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