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Medikationsanalyse und -management: Grundsatzpapier definiert Begriffe

PHARMAZIE

 
Medikationsanalyse und -management

Grundsatzpapier definiert Begriffe


Von Nina Griese-Mammen, Uta Müller und Martin Schulz / Die Begriffe Medikationsmanagement und Medikationsanalyse werden bislang nicht einheitlich verwendet. Ein Grundsatzpapier der ABDA formuliert nun eine übergeordnete Definition für diese Begrifflichkeiten als apothekerliche Dienstleistungen. Zudem wurde eine Systematik erarbeitet, bei der verschiedene Typen der Medikationsanalyse unterschieden werden.


Medikationsanalysen und -management sind Dienstleistungen, die sich vor allem an Patienten mit einem erhöhten Risiko für arzneimittelbezogene Probleme (ABP) richten. Übergeordnetes Ziel ist es, die Effektivität der Arzneimitteltherapie zu erhöhen und Arzneimittelrisiken für den Patienten zu minimieren. Sie eröffnen Apothekern eine Möglichkeit, sich stärker als Heilberufler in den Medikationsprozess in Zusammenarbeit mit Patienten, Ärzten, Pflegenden sowie anderen Gesundheitsberufen einzubringen.




Arzt und Apotheker sollten für ein erfolgreiches Medikationsmanagements so gut zusammenarbeiten wie die Zahnräder in einem Uhrwerk.

Foto: Fotolia/Dreaming Andy


Als Medikationsmanagement, Medi­ka­ti­ons­analyse oder unter vergleichbaren Begriff­lichkeiten werden national und international verschiedenste Dienstleistungen angeboten. Zwischen diesen bestehen relevante Unter­schiede im Anbieter, im Setting und in den Informationsquellen, die der Medikations­analyse zugrunde liegen. Ein weiterer relevanter Unterschied liegt darin, ob es sich um eine punktuell angebotene Dienstleistung oder um eine kontinuierliche Betreuung des Patienten handelt.

 

Der Geschäftsbereich Arzneimittel der ABDA hat die unterschiedlichen, nicht aufeinander abgestimmten Begrifflichkeiten und Definitionen in Deutschland zum Anlass genommen, in einem Grundsatzpapier eine übergeordnete Definition für eine Medika­tionsanalyse und für ein Medikationsmanagement als apothekerliche Dienstleistungen zu formulieren. Zudem wurde eine Systematik erarbeitet, bei der – in Abhängigkeit von den für die Evaluation verwendeten Informationsquellen – verschiedene Typen der Medikationsanalyse unterschieden werden. Die Definitionen basieren auf der Definition und der Systematik des Pharmaceutical Care Network Europe (PCNE) zur Medikationsanalyse (medication review) und berücksichtigen die Begriffsbestimmung des Medikationsmanagements in der Apothekenbetriebsordnung (Paragraf 1a). Dieses Grundsatzpapier zur Medikationsanalyse und zum Medikationsmanagement, in dem die Definitionen mit detaillierten Erläuterungen aufgeführt sind, wurde vom Geschäftsführenden Vorstand der ABDA in seiner Sitzung am 24. Juni 2014 zustimmend zur Kenntnis genommen. Die Inhalte werden folgend gekürzt dargestellt.


Grundsatzpapier

Das Grundsatzpapier zur Medika­tionsanalyse und zum Medikationsmanagement des Geschäftsbereichs Arzneimittel der ABDA finden Sie online unter 

www.abda.de/medikationsmanagement.html 


Verschiedene Typen der Medikationsanalyse

 

Bei einer Medikationsanalyse führt der Apotheker eine strukturierte Prüfung der aktuellen Gesamtmedikation (Akut-, Dauer- und Bedarfsmedikation inklusive Arzneimitteln der Selbstmedikation) durch und bewertet, ob ABP vorliegen. Für relevante ABP erarbeitet der Apotheker mögliche Lösungen. Anschließend werden Maßnahmen zur Lösung dieser ABP gemeinsam mit dem Patienten und gegebenenfalls mit dem/den behandelnden Arzt/Ärzten vereinbart (siehe Kasten unten).


Aufgrund der größeren Datenbasis bei einer Medikationsanalyse im Vergleich zur Beratung bei der Abgabe eines Arzneimittels ist eine Detektion von ABP möglich, die bei der Abgabe eines Arzneimittels in der Regel nicht systematisch hinterfragt werden können. Eine Prüfung auf bestimmte ABP, beispielsweise Interaktionen, bei der Abgabe eines Arzneimittels unter Berücksichtigung der Medikationsdatei der Apotheke stellt allein dagegen keine Medikationsanalyse dar.

 

In Abhängigkeit von den Informa­tionsquellen, die bei der Medikationsanalyse berücksichtigt werden, unterscheidet man verschiedene Typen der Medikationsanalyse (siehe Tabelle). Informationsquellen sind insbesondere die Medikationsdatei des Patienten in der Apotheke oder im Heim, Patientenakten mit Informationen zu Erkrankungen und Laborwerten sowie das Pa­tientengespräch und ein gegebenenfalls vorliegender Medikationsplan. Mit den verschiedenen Typen können unterschiedliche ABP systematisch und strukturiert überprüft werden.

 

So kann der Apotheker auf der Basis der Medikationsdaten (Typ 1) beispielsweise auf Interaktionen und Doppel­medikationen prüfen. Führt der Apotheker zudem ein strukturiertes Gespräch mit dem Patienten (Typ 2a), kann neben den bei Typ 1 genannten ABP systema­tisch auf weitere ABP geprüft werden. Dies sind zum Beispiel Anwendungsprobleme, Non-Adhärenz (mangelnde Therapie- und Einnahmetreue), ungeeignete beziehungsweise unzweckmäßige Darreichungsformen und Probleme beim Dosierungsintervall. Liegen klinische Daten und Medikationsdaten vor, kann beispielsweise systematisch auf Kontraindikationen aufgrund einer Erkrankung und auf Arzneimittel ohne Indikation geprüft werden.


Tabelle: Typen der Medikationsanalyse

 Medikations­datei Arzneimittel (Brown Bag) Patienten­gespräch Klinische Daten (Labor/Diagnose) 
Einfache Medikationsanalyse (1) Ja Nein Nein Nein 
Erweiterte Medikationsanalyse (2a) Ja

oder

Nein 
Von Vorteil

oder

Ja 
Ja



Ja 
Nein



Nein 
Erweiterte Medikationsanalyse (2b) Ja Nein Nein Ja 
Umfassende Medikationsanalyse (3) Ja Von Vorteil Ja Ja 


Medikationsmanagement baut auf -analyse auf

 

Bei einer Medikationsanalyse ist es denkbar, dass sich verschiedene Heilberufler die Aufgaben bei der Evaluation und Erarbeitung von Lösungsvorschlägen teilen. Die Heilberufler sollten im Rahmen eines strukturierten Ablaufs im Sinne ihrer Kernkompetenzen und Ressourcen eingebunden werden. Dieses Vorgehen kann zum Beispiel durch einen unterschiedlichen Zugang zu Informationsquellen bedingt sein.

 

Ausgangspunkt für ein Medika­tionsmanagement ist eine Medika­tionsanalyse, an die sich eine kontinuierliche Betreuung des Patienten anschließt (siehe Kasten). Durch die kontinuierliche Betreuung werden vereinbarte Maßnahmen zu detektierten ABP und deren Ergebnis nachverfolgt sowie gegebenenfalls angepasst. Neu auftretende, manifeste und potenzielle Probleme zum Bespiel bei neu verordneten oder selbst gekauften Arzneimitteln (OTC) können erkannt, gelöst und vermieden werden. Zudem ermöglicht die kontinuierliche Betreuung eine systematische Prüfung auf Hinweise zur Non-Adhärenz sowie eine langfristige Förderung der Therapie- und Einnahme­treue. Ein Medika­tionsmanagement erfordert eine interprofessionelle Zusammenarbeit. Zum Beispiel kann ein aktueller Medikationsplan, ein zentraler Baustein des Medikationsmanagements, sinnvoll nur gemeinsam durch Ärzte und Apotheker erstellt und fortlaufend aktualisiert werden.

 

Eine Medikationsanalyse der Gesamtmedikation ist im Rahmen eines Medikations­manage­ments bei Bedarf zu wiederholen. Diese ist dann notwendig, wenn sich die Erkrankungen, Arzneimittel und Lebensumstände eines Pa­tienten ändern und nur über eine wiederholte, systematische Medikationsanalyse bestimmte ABP detektiert werden können. Welcher Typ der Medika­tionsanalyse Ausgangspunkt für das Medikationsmanagement ist und welcher Typ bei einer Wiederholung zum Tragen kommt, richtet sich nach dem Setting, den Rahmenbedingungen sowie dem Bedarf des Patienten.

 

In der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) ist Medikationsmanagement als pharmazeutische Tätigkeit aufgeführt. Eine pharmazeutische Tätigkeit im Sinne der ApBetrO (Paragraf 1a Begriffsbestimmungen, Absatz 3) »ist das Medikationsmanagement, mit dem die gesamte Medika­tion des Patienten, einschließlich der Selbstmedikation, wiederholt analysiert wird mit den Zielen, die Arzneimitteltherapiesicherheit und die Therapietreue zu verbessern, indem arzneimittelbezogene Probleme erkannt und gelöst werden.« In Paragraf 3, Absatz 4 der ApBetrO wird zudem festgelegt, dass die Bewertung der Analyse und die Beratung im Rahmen eines Medikationsmanagements durch einen Apotheker der Apotheke erfolgen müssen. Die Definition des Medika­tionsmanagements des Grundsatz­papiers ergänzt die Begriffsbestimmung der ApBetrO um das Ziel der Erhöhung der Effektivität der Arzneimitteltherapie sowie um den Aspekt der Nachhaltigkeit durch eine kontinuierliche Betreuung und die interprofessionelle Zusammenarbeit.


Definitionen

Die übergeordnete Definition für eine Medikationsanalyse als apotheker­liche Tätigkeit und deren Ziele lauten: Eine Medikationsanalyse ist eine strukturierte Analyse der aktuellen Gesamtmedikation eines Patienten. Sie umfasst die vier Hauptschritte Identifikation von Datenquellen und Zusammentragen der Informationen, Evaluation und Dokumentation von manifesten und potenziellen arzneimittelbezogenen Problemen, Erarbeitung möglicher Lösungen sowie Vereinbarung von Maßnahmen mit dem Patienten und gegebenenfalls mit dem/den behandelnden Arzt/Ärzten. Ziele sind die Erhöhung der Effektivität der Arzneimitteltherapie und die Minimierung von Arzneimittelrisiken.

 

Die Definition für ein Medikations­management als apothekerliche Tätigkeit in einem multidisziplinären Team und deren Ziele lauten: Ein Medikationsmanagement baut auf einer Medika­tionsanalyse auf, an die sich eine kontinuier­liche Betreuung des Patienten durch ein multidisziplinäres Team anschließt. Mit der kontinuierlichen Betreuung werden vereinbarte Maßnahmen zu detektierten arzneimittelbezogenen Problemen und deren Ergebnis nachverfolgt sowie gegebenenfalls angepasst. Neu auftretende, manifeste und potenzielle arzneimittelbezogene Probleme werden erkannt, gelöst oder vermieden. Ziele sind die fortlaufende und nachhaltige Erhöhung der Effektivität der Arzneimitteltherapie sowie die fortlaufende und nachhaltige Minimierung von Arzneimittelrisiken.



Honorierung obligat

 

Eine Medikationsanalyse ist entweder Teil eines Medikationsmanagements oder kann als punktuelle Dienstleistung auch außerhalb eines Medika­tionsmanagements angeboten werden. Durch die Apotheke sollten Medikationsanalyse und -management, schon aufgrund des Ressourcenbedarfs, nur als adäquat honorierte Dienstleistung, präferiert im Rahmen von Verträgen, gegebenenfalls als vom Patienten selbst bezahlte Dienstleistung, erbracht werden. Dienstleistungen ohne (externes) Honorar sind aber im Rahmen von Projekten und Studien möglich. Medikationsanalyse und -management sind aktuell im Bereich der öffentlichen Apotheke Bestandteil zahlreicher Projekte, Studien sowie von Aus-, Fort- und Weiterbildungskonzepten. 




Apotheker können mit den neuen Dienstleistungen ihre Kompetenz noch stärker zur Verbesserung der Arzneimittel­therapiesicherheit einbringen.

Foto: Colourbox


Der Sächsische und der Thüringer Apo­the­ker­verband (SAV, ThAV), die Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen (KVS, KVT) und die AOK plus haben gemeinsam am 1. April 2014 die Arzneimittel­ini­ti­ative Sachsen-Thüringen (ARMIN) gestartet (www.arzneimittelinitiative.de). ARMIN basiert auf drei Modulen, die stufenweise umgesetzt werden. Das Modul Medikationsmanagement startet voraussichtlich im ersten Quartal 2015 als honorierte Dienstleistung von Apothekern und Ärzten. Krankenhausapotheker bieten Medikationsanalyse und -management in einigen Krankenhäusern im Rahmen der Aufnahme, des stationären Aufenthaltes und der Entlassung eines Patienten an.

 

Alle Konzepte benötigen Strukturen, abgestimmte Prozesse, Instrumente sowie klare Zuständigkeiten. Hierfür sollten Standards in Form von Leit­linien, Standardarbeits­an­wei­sungen (SOP) oder Curricula erstellt werden. Es müssen Voraus­setzun­gen geschaffen werden bezüglich der notwendigen Qualifikation der Ausführenden, der Infrastruktur, der Zeit, und es müssen Hilfsmittel zur Durchführung und Dokumentation vorhanden sein.

 

Medikationsanalyse und -management bergen ein hohes Nutzenpoten­zial für Patienten und Kostenträger. Sie bieten die Chance, dass der Apotheker seine Kompetenz stärker als bisher zur Erhöhung der Arzneimitteleffektivität und Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) einbringt. Diese Dienstleistungen tragen zur Weiterentwicklung der Arzneimittelversorgung bei und sind daher ein wesentlicher Eckpunkt des Perspektivpapiers »Apotheke 2030«. /

 

Dank für das Erstellen des Grundsatzpapiers gilt den Kollegen aus dem GB Arzneimittel der ABDA: Lea Botermann, Dr. Sebastian Diemert, Dirk Klintworth, Katrin Krüger und Dorothea Strauch.


Anschrift der Verfasser

ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände

Geschäftsbereich Arzneimittel

Jägerstraße 49/50
10117 Berlin

E-Mail: arzneimittel@abda.aponet.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 29/2014

 

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