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ADHS: Methylphenidat für Erwachsene

PHARMAZIE

 
ADHS

Methylphenidat für Erwachsene


Von Hannelore Gießen, München / Die Methylphenidat-Therapie von erwachsenen Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts­störung (ADHS) muss künftig nicht mehr off-label erfolgen. Ab 1. Juli 2011 steht das Sympathomimetikum für die Behandlung von Erwachsenen zur Verfügung, die bereits seit dem Kindesalter an ADHS leiden.

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Bisher war die Anwendung von Methylphenidat auf Kinder ab sechs Jahren und Jugendliche begrenzt. Im April 2011 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Zulassung von Methylphenidat auf Erwachsene ausgeweitet und damit die Voraussetzung für die jetzige Markteinführung geschaffen.




Impulsivität und gestörte Affekt­kontrolle sind mögliche Symptome der ADHS im Erwachsenenalter.

Foto: Fotolia/ Radosavljevic


»Bei 6 bis 9 Prozent aller Kinder im Einschulungsalter liegt eine ADHS vor«, berichtete Professor Dr. Wolfgang Retz von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Homburg bei der Einführungspressekonferenz von Medikinet® adult in München. Charakteristisch für eine ADHS sei die Trias aus Aufmerksamkeitsstörung, Überaktivität und Impulsivität. Entgegen früherer Erwartungen bleibe die Störung in etwa 60 Prozent der Fälle ganz oder teilweise bis ins Erwachsenenalter bestehen, betonte der Psychiater.

 

Gene und Umwelt

 

Mit dem Wechsel der Lebensabschnitte ändere sich allerdings die Symptomatik: Aus dem Bewegungsdrang der Kinder werden bei Erwachsenen innere Unruhe und Rastlosigkeit. Neue Symptome wie des­organisiertes Verhalten, fehlendes vorausschauendes Handeln und emotionale Instabilität kämen dazu.

 

Wie es zu einer ADHS kommt, ist noch nicht vollständig verstanden. Als gesichert gilt eine genetische Komponente, deren Einfluss auf etwa 75 Prozent geschätzt wird. In Zwillings- und Adoptionsstudien sowie molekulargenetischen Untersuchungen gewannen Wissenschaftler Hinweise auf bestimmte Risikogene. Diese codieren für Rezeptoren, Transporter sowie metabolisierende Enzyme der Botenstoffe Dopamin und Serotonin.

 

Umwelteinflüsse wie Nahrungsbestandteile oder hoher Fernsehkonsum würden in der Ätiologie der ADHS überschätzt, führte der Homburger Psychiater weiter aus. Dagegen hätten sich toxische Belastungen in der Schwangerschaft und frühen Kindheit wie Alkohol, Tabak oder Schwermetalle als Risikofaktoren bestätigt.

 

Sowohl im internationalen Klassifika­tionsschema ICD-10 als auch in der US-amerikanischen Einteilung DSM-IV waren die Kriterien zur Diagnose einer ADHS zunächst auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten. Erst später wurde der Wender-Utah-Rating-Score für Erwachsene entwickelt und an deutsche Verhältnisse angepasst. Sieben Merkmale sind ausschlag­gebend, von denen die ersten beiden erfüllt sein müssen sowie mindestens zwei der übrigen fünf: Aufmerksamkeitsstörung bei fehlender Stimulation, Hyperaktivität, Affektlabilität, desorganisiertes Verhalten, gestörte Affektkontrolle, Impulsivität sowie emotionale Überreagibilität.




BtM-Rezepte über Methylphenidat für Erwachsene müssen zurzeit mit dem Buchstaben »A« gekennzeichnet werden.

Foto: PZ/Müller


Studien belegen Wirksamkeit

 

Die Zulassung von Methylphenidat für die Behandlung erwachsener ADHS-Patienten stützt sich im Wesentlichen auf zwei Studien: An der EMMA-Studie nahmen 359 Patienten teil, wobei zwei Drittel mit einer Tagesdosis von maximal 60 Milligramm Methylphenidat über 24 Wochen behandelt wurden, während ein Drittel Placebo erhielt. Alle Studienteilnehmer waren in ein Psychoedukationskonzept eingebunden. Nach vier Wochen zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen der Verum- und der Placebogruppe, der im weiteren Studienverlauf noch zunahm. Die Bewertung der Therapie stützte sich sowohl auf eine Einschätzung durch ADHS-Experten als auch die der Patienten selbst. Vor allem die emotionale Dysregulation sowie die Desorganisation besserten sich bei den Teilnehmern der Verumgruppe.

 

Die Herzfrequenz der mit Methylphenidat behandelten Patienten stieg unter dem Sympathomimetikum erwartungsgemäß an, der Blutdruck blieb jedoch unverändert. Als weitere Nebenwirkungen traten unter dem Verum Mundtrockenheit, Appetitabnahme sowie Einschlafstörungen auf.

 

An der erst kürzlich publizierten QUEMA-Studie nahmen 162 ambulante Patienten teil. Sowohl die 84 Verum-Empfänger, die Methylphenidat in einer Dosierung von 1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht erhielten, als auch die 78 Patienten in der Placebo-Gruppe bekamen zusätzlich ein psychotherapeutisches Coaching. Die Ergebnisse der QUEMA-Studie bestätigten die der EMMA-Studie und zeigten zudem eine Dosis-Wirkungs-Beziehung für Methylphenidat.

 

Umfassendes Behandlungskonzept

 

Die Anwendung von Methylphenidat muss auch bei der Therapie Erwachsener im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie erfolgen. Die Zulassung sieht für eine längerfristige Behandlung von mehr als zwölf Monaten vor, das Arzneimittel mindestens einmal im Jahr abzusetzen, um die Situation des Patienten ohne Medikation beurteilen zu können.

 

Die jetzt erfolgte Zulassungserweiterung ermöglicht sowohl die Fortführung einer im Kindes- und Jugendalter begonnenen Therapie ins Erwachsenenalter als auch eine Neueinstellung noch nicht mit Methylphenidat behandelter Erwachsener, wenn die ADHS bereits seit dem Kindes­alter bestanden hat und andere therapeutische Maßnahmen nicht ausreichen.

 

GBA beschließt Verordnungsfähigkeit

 

Am 23 Juni hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) entschieden, dass Methylphenidat auch für Erwachsene mit ADHS verordnungsfähig ist. Die Krankenkassen müssen daher künftig die Behandlung mit Präparaten bezahlen, die für diese Altersgruppe zugelassen sind. Der GBA will allerdings noch prüfen, ob es Einschränkungen der Erstattungspflicht geben soll. Der Beschluss zur Verordnungsfähigkeit tritt erst in Kraft, wenn es keinen Widerspruch gibt und der Text im Bundesanzeiger veröffentlicht ist

 

BtMVV: Höchstgrenze überschritten

 

Die Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV) beschränkt die Verordnung und Abgabe von Methylphenidat auf 2000 Milligramm innerhalb von 30 Tagen. Der Monatsbedarf von Methylphenidat für Erwachsene in der Tageshöchstdosis von 80 Milligramm liegt bei 2400 Milligramm. Eine Verordnung dieser Menge an Methylphenidat muss deshalb bis zu einer Änderung der BtMVV mit dem Buchstaben »A« gekennzeichnet werden. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 26/2011

 

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