Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Mangelernährung im Alter: Defizite frühzeitig erkennen und aufhalten

TITEL

 
Mangelernährung im Alter


Defizite frühzeitig erkennen und aufhalten


Von Ulrike Gonder / Dass alte oder demente Menschen an Gewicht verlieren, erscheint vielen ihrer Mitmenschen als normal, auch Angehörigen und Betreuern. Oft steckt jedoch eine behandelbare Mangelernährung dahinter. Rechtzeitig erkannt, lässt sich Schlimmeres verhindern.

ANZEIGE


Wenn bei der alten Frau Schmidt der Rock immer weiter wird oder der betagte Herr Müller in seiner Hose zu versinken scheint, wird dies häufig als »normale« Begleiterscheinung des Alterns hingenommen. In der Tat werden die meisten Menschen im höheren Alter schlanker. Allerdings gilt ein deutlicher Gewichtsverlust in späten Lebensabschnitten als ernstes Warnsignal für eine Malnutrition (1).




Essen soll Freude machen – sicher kein Problem für diese freundliche Bäckerin

Foto: Fotolia/bit24


Es sind nicht die meist rüstigen Senioren zwischen 65 und 75 Jahren, die von Mangelernährung betroffen oder gefährdet sind. Sie sind körperlich und geistig in der Regel fit, leben selbstständig und versorgen sich selbst. Die körperlichen Veränderungen des Älterwerdens, die sich ungünstig auf die Ernährungssituation auswirken, machen sich häufig erst in der neunten oder zehnten Lebensdeka­de bemerkbar. Bei vielen Hochbetagten lassen die körper­liche und geistige Leistungsfähigkeit sowie Aktivitäten spürbar nach; Krankheit oder Behinderungen schränken die Selbstständigkeit ein. Das alles erschwert eine ausgewogene, ausreichende Ernährung.

 

Zu den physiologischen körperlichen Veränderungen des Älterwerdens wie allmählich steigender Fett- und sinken­der Muskelanteil kommt die Abnahme des Durstempfin­dens, Nachlassen der Riech- und Schmeckfähigkeit, verminderte Ausnutzung der Nährstoffe im Verdauungs­trakt sowie oftmals Kau- oder Schluckstörungen (1).

 

Aufgrund der physiologischen Veränderungen und der meist nachlassenden körperlichen Aktivität benötigt der gesunde ältere Mensch weniger Kalorien, aber mindestens ebenso viele Mikronährstoffe und Proteine wie jüngere Menschen (2). So sinkt der Energiebedarf zwischen dem 25. und 75. Lebensjahr um etwa 25 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch in der Jugend von 2400 kcal sind das immerhin 600 kcal täglich. Da der Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen parallel nicht abnimmt, sondern teilweise sogar steigt, bedeutet das: Gerade alte(rnde) Menschen benötigen eine hochwertige, nährstoffreiche und dabei leicht verdauliche, bekömmliche Kost.

 

Was Mangelernährung bedeutet

 

Mangelernährung bedeutet, dass die Nahrungszufuhr quantitativ und/oder qualitativ über einen längeren Zeitraum nicht bedarfsdeckend ist. Häufig handelt es sich um einen generellen Mangel an Energie und Nährstoffen. Jedoch können auch isolierte Mangelzustände einzelner Mikronährstoffe auftreten, sehr häufig etwa bei den Vitaminen D und B12. Daneben findet sich bei Senioren häufiger ein Defizit an mehreren Vitaminen (Folsäure, B1, B6, B12, Niacin, C) und Mineralstoffen (Magnesium, Eisen, Zink, Selen).


Basistipps zur ausgewogenen Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung von Senioren enthält täglich (mindestens)

 

1 warme Mahlzeit
1 Stück Obst
1 Portion Gemüse oder Salat
1 Portion Milch, Joghurt, Quark oder Käse
1 Scheibe (Vollkorn-)Brot
1,5 l Flüssigkeit
1 Portion Fleisch, Fisch oder Ei
Bewegung im Freien oder Vitamin-D-Supplement
bei Bedarf Trinknahrung zur Ergänzung

mod. nach (16)


Die Ursachen einer Mangelernährung sind in der Regel vielfältig (Tabelle). Erhöhter Bedarf, zu geringe Zufuhr oder erhöhter Nährstoffverlust können eine eben noch ausreichende Ernährungssituation rasch mangelhaft werden lassen (1). Den Nährstoffbedarf erhöhen vor allem Tumorleiden, Fieber, Verletzungen, Verbrennungen und große Operationen, aber auch Wechselwirkungen mit Medikamenten. Die Nährstoffzufuhr kann aufgrund von krankheitsbedingter Appetitlosigkeit, Übelkeit, Kau- oder Schluckstörungen, ausgeprägtem Völlegefühl, restriktiven Diäten, neurologischen Erkrankungen oder gestörten Verdauungsfunktionen eingeschränkt sein. Übermäßige Nährstoffverluste entstehen durch Darmerkrankungen, Erbrechen oder Durchfall.


Tabelle: Typische Veränderungen des Magen-Darm-Trakts im Alter, die den Ernährungsstatus beeinträchtigen können

Veränderung Ausgelöst/verstärkt durch 
schnellere Sättigung verringerte oder verlangsamte Magendehnung
verzögerte Magenentleerung, veränderte Magenmotilität
erhöhte Aktivität der Sättigungshormone (Cholecystokinin) 
schlechtere Verdauungsleistung Abnahme der Pepsinogen-Sekretion
Abnahme der Laktase-Bildung 
verringerte Vitamin-B12-Resorption häufige chronische Gastritiden
fehlender Intrinsic-Faktor 
Obstipation Nachlassen des Defäkationsreflexes
Dehydratation 

Problematisch bei Senioren ist, dass ungewollte Gewichtsabnahmen meist nicht wieder aufgeholt werden. Abnahmen von mehr als 3 kg in drei Monaten oder von zehn Prozent des Körpergewichts innerhalb eines halben Jahres gelten als bedenklich. Da mit dem Gewicht auch viel Muskelmasse verloren geht (Sarkopenie), kommt es zu allgemeiner Schwäche und Müdigkeit, das Reaktionsvermögen sinkt und die Sturzgefahr steigt. Damit geht ein erhöhtes Frakturrisiko mit den bekannten und gefürchteten Komplikationen einher; nicht zuletzt droht bleibende Immobilität. Dass hier durch Mangelernährung auch vermeidbare Kosten entstehen, sei nur am Rande erwähnt.

 

Weiterhin schwächen vor allem Protein- und Mikronährstoffmängel das Immunsystem. Das Infektionsrisiko steigt, die Wundheilung ist verzögert oder bleibt aus. Es kann zu Hautproblemen und Dekubitus kommen. Komplikationen im Krankheitsfall sind häufiger, die Klinikaufenthalte länger. Auch die Sterblichkeit steigt, wenn ein alter Mensch mangelernährt ist (3).

 

Früh erkennen und eingreifen

 

Eine Mangelernährung entsteht meist schleichend. Altersforscher beklagen zudem, dass sie oft nicht rechtzeitig erkannt oder nicht entsprechend dokumentiert und behandelt wird (4). Daher wurden Diagnosehilfen entwickelt, wie das Mini Nu­tritional Assessment (MNATM, Nestlé). Die Fragebögen kann man kostenlos aus dem Internet herunterladen. Die wichtigsten Alarmsignale kann die Apotheke jedoch auch ohne Fragebogen im Gespräch ermitteln: nachlassender Appetit, Schwierigkeiten beim Essen und ungewollter Gewichtsverlust.




Nährstoffdichte Kost, die leicht kau- und schluckbar ist, erleichtert alten Menschen die Ernährung.

Foto: Fotolia/Antikarium


»Sind Sie in Ihrer Wohnung noch mobil? Hatten Sie akute Krankheiten oder starken Stress in den letzten drei Monaten?« Auch solche Fragen helfen, einen riskanten Ernährungszustand aufzudecken. Sind Gewicht und Größe bekannt, kann zusätzlich der Body-Mass-Index (BMI) errechnet werden. Die Formel lautet (Körpergewicht in kg) : (Körpergröße in m).

 

Während für Menschen bis 64 Jahre ein BMI zwischen 20 und 24,9 Normalgewicht anzeigt, sollten ältere rüstige Menschen einen Wert zwischen 24 und 26 anstreben. Bei Hochbetagten ist ein Index zwischen 26 und 29 prognostisch günstig. Ein BMI unter 20 bis 22 gilt bei alten Menschen als bedenklich. Alleine reicht der BMI zur Beurteilung des Ernährungszustands aber nicht aus, vor allem, wenn jemand sein Leben lang sehr schlank war.

 

Die 2008 publizierte ErnSTES-Studie ermittelte anhand des MNATM den Ernährungszustand von 733 Senioren in Alten- und Pflegeheimen und fand, dass 11 Prozent mangelernährt und etwa 50 Prozent gefährdet sind (4). Somit war der Ernährungszustand nur bei vier von zehn Senioren unauffällig. Bei jedem Zweiten war schon die Kalorienzufuhr ungenügend. Unterhalb von 1500 Kilokalorien täglich ist es kaum möglich, alle nötigen Vitamine und Mineralstoffe aufzunehmen. Wird dieser Wert langfristig unterschritten, empfiehlt sich die Ergänzung mit einem Multivitamin- und Mineralstoffpräparat, das in etwa die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) empfohlenen Nährstoffmengen (2) bereitstellt. Hoch dosierte Supplemente bedürfen einer vorherigen Statusanalyse.

 

Es gibt aber auch allgemeine Möglichkeiten, mehr Nährstoffe und Kalorien ins Essen zu bringen:

 

Soßen, Suppen und Aufläufe mit Sahne, Creme fraîche oder Sauerrahm verfeinern;
Gemüse mit Butter oder Öl abschmecken;
bei Milchprodukten fettreiche Sorten bevorzugen, zum Beispiel Sahnequark und Sahnejoghurt;
Süßspeisen, Dressings oder Dips mit Nussmus und Honig anreichern;
Schokolade, Nüsse oder Trockenfrüchte zwischendurch essen.

 

Alte Menschen und ihre Angehörigen sind für solche Tipps oft sehr dankbar. Auch Abgaben zur individuellen Trinkmenge sind für viele nützlich (siehe Kasten). Zudem kann die Apotheke auf Hilfsmittel hinweisen, die das Essen und Trinken erleichtern. Spezielle Haltevorrichtungen, Teller, Trinkgefäße und Bestecke können dazu beitragen, einen guten Ernährungszustand zu erhalten oder Nahrungsmängel zu vermeiden.


Trinken ja, aber wie viel?

Dass alte Menschen generell zu wenig trinken, ist wohl das bekannteste Ernährungsproblem. Tatsächlich ist der Durst im Alter schneller gestillt. Oft vergessen oder vermeiden die Senioren das Trinken, weil sie den nächtlichen oder häufigeren Toilettengang scheuen. Allerdings reagiert der Körper auf Flüssigkeitsmangel schnell mit Funktionseinbußen. Kommen dann noch sommerliche Hitze, Durchfall, Fieber oder Erbrechen dazu, droht eine Dehydrierung, die schnell lebensbedrohlich werden kann. Doch wie viel Flüssigkeit ist genug?

 

Bei normaler Umgebungstemperatur und ohne Fieber oder Durchfall heißt die Faustformel 30 ml/kg Körpergewicht (2). Davon sollten 20 ml mit Wasser, anderen Getränken, Suppen, Kaffee oder Tee aufgenommen werden. Die restlichen 10 ml liefern üblicherweise Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Salate, Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Für eine 60 kg schwere Person können daher 1,8 l Flüssigkeit veranschlagt werden, wovon 1,2 l getrunken werden sollten. Die üblicherweise pauschal empfohlene Trinkmenge von 1,5 bis 2 l täglich ist vor allem für alte Damen mit geringem Gewicht und mangelndem Durst eher belastend als hilfreich. Wer hier aufklärt, darf sich über erleichterte Kunden freuen.


Vergleicht man die durchschnittliche Nährstoffzufuhr von gesunden Senioren und Seniorinnen, die in Privathaushalten leben, mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE), so schneiden sie nicht schlechter ab als die Durchschnittsbevölkerung.

 

Besonders kritische Nährstoffe

 

Mit zunehmendem Alter, mit Krankheit oder Einzug ins Pflegeheim verschärft sich die Situation jedoch oft (5). Und obwohl Mangelernährung in Alten- und Pflegeheimen sowie bei geriatrischen Krankenhauspatienten häufig ist, liegen kaum repräsentative Daten zur Mikronährstoffversorgung alter Menschen vor. Wird der Ernährungszustand anhand biochemischer Messwerte beurteilt, fallen häufig Protein sowie die Vitamine B12 und D negativ auf.

 

Die repräsentative Nationale Verzehrsstudie (NVS II) zeigt zwar, dass die mediane Proteinzufuhr älterer Menschen über den Empfehlungen der DGE von 0,8 g/kg Körpergewicht oder 9 bis 11 Prozent der Tageskalorien liegt. Allerdings erreichen 14 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen zwischen 65 und 80 Jahren die empfohlene Zufuhr nicht (6). Dabei muss man bedenken, dass es sich bei der Empfehlung der DGE nicht um optimale Werte, sondern um den Minimalbedarf zur Vermeidung einer negativen Stickstoffbilanz handelt.

 

In Kurzzeitstudien wirkten sich höhere Proteinzufuhren beziehungsweise Proteinzulagen bei Senioren positiv auf Muskelmasse, Kraft, Knochengesundheit, Herz-Kreislauf-Funktionen und die Wundheilung aus. Vor diesem Hintergrund fordern etliche Wissenschaftler, die Empfehlung für Senioren auf mindestens 1 g, besser noch auf 1,2 bis 1,5 g Protein pro kg Körpergewicht heraufzusetzen (7).

 

Ältere Menschen sollten, vor allem wenn sie von Mangelernährung bedroht sind, ermuntert werden, möglichst zu jeder Mahlzeit auch eine eiweißreiche Komponente wie Fleisch, Wurst, Käse, Ei, Hülsenfrüchte, Milch(produkte) oder Fisch zu verzehren. Die häufig vorgetragene Sorge vor Fett und Cholesterol in tierischen Eiweißträgern ist unbegründet und sollte nicht vom Verzehr dieser Lebensmittel abhalten, sofern der Senior sie mag und verträgt. Im Gespräch kann der Apotheker darauf hinweisen, dass Nahrungscholesterol kaum Einfluss auf das Blutcholesterol hat und dass der Risikofaktor Hypercholesterolämie im Alter an Bedeutung verliert.

 

Viel wichtiger ist jetzt, dass tierische Eiweißträger oft auch reich an gut bioverfügbarem Eisen, Calcium, Zink und Selen sind. Gleiches gilt für die Vitamine D (Fisch, Ei), B12 (Fleisch, Ei, Milch), B2 (Milchprodukte), B1 (Schweinefleisch), Folsäure (Innereien, Ei) sowie Omega-3-Fettsäuren (Fettfische, Fleisch, Milch von Weidetieren und Ei). Daher tragen Lebensmittel von Tieren erheblich zur Mikronährstoffversorgung bei. Lediglich bei bestehenden Nierenfunktionsstörungen kann auf ärztliche Anordnung eine Deckelung der Proteinzufuhr bei 0,8 g/kg Körpergewicht notwendig werden.

 

Eklatanter Vitamin-D-Mangel

 

Beim Vitamin D ist die Versorgungssitua­tion völlig defizitär. So weist die Nationale Verzehrsstudie aus, dass weit über 90 Prozent der über 65- bis 80-Jährigen die empfohlene Zufuhr über die Nahrung (10 µg oder 400 I. E. täglich) nicht erreichen (6). Der Löwenanteil der Vitamin-D-Versorgung kommt normalerweise nicht über die Nahrung, sondern über die Eigensynthese aus 7-Dehydrocholesterol in der Haut, die jedoch im Lauf des Lebens erheblich nachlässt. Immobile alte Menschen kommen zudem seltener in die Sonne. Nieren- und Lebererkrankungen können die Umwandlung von Vitamin D3 in das physiologisch wirksame Calcitriol verringern (siehe dazu auch Vitamin D: Prophylaxe gegen Krebs und chronische Krankheiten? PZ 50/2010).

 

Es wundert daher nicht, dass Vitamin-D-Mangel bei Senioren eher die Regel als die Ausnahme darstellt, wie Messungen der 25-Hydroxy-Cholecalciferol-Spiegel (Calcidiol) im Blut bestätigen. Nach einer repräsentativen Untersuchung des Max-Rubner-Instituts lag in den Jahren 2005 bis 2008 die Prävalenz eines Vitamin-D-Mangels (Serumspiegel unter 20 ng Calcidiol pro ml) im Jahresdurchschnitt bei knapp 60 Prozent der Erwachsenen. Im Winterhalbjahr stiegen die Zahlen nochmals deutlich an. Einen massiven Vitamin-D-Mangel (< 10 ng Calcidiol pro ml) wies sogar jeder fünfte Erwachsene auf.




Gute Wahl beim Einkauf: Eiweißreiche Lebensmittel wie Ei, Milch, Wurst, Fleisch, Fisch oder Käse sind für Senioren besonders wichtig.

Foto: Fotolia/Maszlen


Dies ist nicht nur kritisch für die Knochen. Mittlerweile wurden in mehr als dreißig verschiedenen Geweben Vitamin-D-Rezeptoren identifiziert (8). Eine Fülle von epidemiologischen Studien zeigt, dass ein guter Vitamin-D-Status auch für das Immunsystem, zur Infekt- und Krebsabwehr, für die Muskelfunktion und die geregelte Zellteilung, zum Schutz vor Diabetes mellitus, Koronarer Herzkrankheit, Multipler Sklerose, chronischen Schmerzzuständen, entzündlichen Vorgängen, Depressionen, Bluthochdruck und Zahnverlusten hilfreich ist. Auch das Alzheimerrisiko und die Sterblichkeit steigen mit sinkenden Vitamin-D-Spiegeln.

 

Daher sollte die Apotheke vor allem ältere Kunden ansprechen und zu einer Messung des Calcidiols ermuntern. Zum Ausgleich eines nachgewiesenen Mangels braucht man hoch dosierte Supplemente, die der Verschreibungspflicht unterliegen. Mit rezeptfreien Präparaten mit bis zu 1000 I. E. lässt sich die Nahrung ergänzen, sodass normale Spiegel erhalten werden. Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin gelten Nahrungsergänzungen bis 2000 I. E. als sicher, ein nach Ansicht vieler Wissenschaftler viel zu konservativer Wert.

 

Vitamin B12

 

Die alimentäre Vitamin-B12-Zufuhr reicht bei vielen Senioren rein rechnerisch aus (6). Da es im Alter jedoch aufgrund häufiger Gastritiden zu einem Mangel an Intrinsic-Faktor kommen kann, der die Resorption des Vitamins beeinträchtigt, sind biochemische Kennzeichen eines B12-Mangels wie erhöhte Homocystein- und Methylmalonatspiegel sowie erniedrigtes Transcobalamin verbreitet. Im Gegensatz zum pro­teingebundenen alimentären Cobalamin benötigt freies Cobalamin aus Arzneimitteln keinen Intrinsic-Faktor. Es wird im oberen Dünndarm vermutlich per Diffusion absorbiert, allerdings nur in geringen Mengen, sodass hohe Dosen zur Supplementierung erforderlich sind.

 

Zusammen mit Folsäure und Vitamin B6 greift Vitamin B12 auch in den Methioninstoffwechsel ein. Ein schlechter Versorgungszustand mit diesen B-Vitaminen äußert sich in erhöhten Homocysteinspiegeln, die nicht nur als Risikofaktor für Gefäßerkrankungen gelten, sondern auch als Prädiktor für das Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten. Supplementierungsstudien ergaben wiederholt, dass sich mit Folsäure und/oder Vitamin B12 ein erhöhtes Homocystein sehr gut senken lässt. Doch während sich in einigen Studien eine Reduktion des Apoplexrisikos andeutete, sank weder das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten noch für Demenzen (9, 10).

 

Wenn Essen nicht mehr einfach ist

 

Unter Demenz versteht man das progressive Nachlassen kognitiver Fähigkeiten, meist beginnend mit Störungen des Gedächtnisses. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Demenzform, gefolgt von vaskulären Demenzen und Mischformen. Da die Erkrankung nicht heilbar ist und bereits milde kognitive Einschränkungen die Ernährung erschweren, fragen Menschen immer wieder, ob sie der Krankheit auch über die Ernährung vorbeugen können (siehe Kasten).


Primärprävention der Demenz

Zur Primärprävention von Demenzen ergaben epidemiologische Studien relativ übereinstimmende Ergebnisse: Regelmäßiger Fischverzehr, ausreichende Zufuhr der Omega-3-Fettsäure DHA (Docosahexaensäure) sowie der antioxidativen Vitamine C und E beziehungsweise eine mediterrane Ernährung mit reichlich Gemüse, Obst, Fisch, Olivenöl und mäßigem Alkoholkonsum gingen mit einem verminderten Demenzrisiko einher.

 

Ernüchternd fielen die meisten Supplementstudien aus. Das mag daran liegen, dass die fraglichen Substanzen in zu geringer Dosierung oder zu spät getestet wurden. Dafür spricht eine amerikanische Studie an knapp 500 Senioren mit milden kognitiven Einschränkungen. Bei ihnen schienen 900 mg DHA über 24 Wochen die Lernfähigkeit und das Gedächtnis zu verbessern und die kognitiven Fähigkeiten länger zu erhalten (11). Im Gegensatz dazu bewirkten 2 g DHA bei Patienten mit manifestem Morbus Alzheimer keine Verbesserung (12).

 

Möglicherweise ist es sinnvoller, anstelle von (wenigen) Einzelsubstanzen eine Kombination jener Nährstoffe zu verabreichen, die zur Bildung neuer Synapsen benötigt wird. Ein erster Versuch mit einem entsprechenden Kombipräparat für Alzheimer-Patienten verlief einigermaßen vielversprechend (13). Dennoch kann man derzeit keine eindeutigen Empfehlungen geben. Im Sinne einer primärpräventiven Ernährung sollte man versuchen, die Nährstoffzufuhr durch nährstoffdichte Lebensmittel wie Eier, Nüsse, Fisch, Fleisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte bestmöglich zu erhalten und gegebenenfalls durch Supplemente in physiologischer Dosierung zu ergänzen.


Die mit einer Demenz einhergehenden Essprobleme sind vielgestaltig und erfordern viel Energie, Geduld, Verständnis und Kreativität von Angehörigen und Pflegenden, um den Ernährungszustand des Patienten möglichst zu erhalten. Bei sehr mobilen und ruhelosen Dementen kann durch stetiges Umherlaufen der Energiebedarf auf 3000 bis 4000 Kalorien erhöht sein. Dann sollte tagsüber und nachts stets genug Nahrung griffbereit vorhanden sein. Besonders geeignet sind Snacks und Fingerfood, die man im Vorbeigehen nehmen und essen kann (»eating while walking«), da unruhige Demente nicht gerne bei Tisch sitzen (siehe Kasten).


Probleme dementer Menschen, die Essstörungen verstärken

Ruhelosigkeit, gesteigerter Bewegungsdrang
Immobilität und eingeschränkte Beweglichkeit
Vorlieben können nicht adäquat artikuliert werden
Depression oder Medikamente beeinflussen den Appetit
Speisen werden nicht als solche erkannt
Essen von Non-Food oder gefährlichen Dingen
leichte Ablenkbarkeit, Überstimulation
Verlust des Zeit- und/oder Hungergefühls, des Appetits
Veränderungen der Geschmackswahrnehmung
Schwierigkeiten mit dem Essvorgang
Ängste vor Vergiftung, Wahnvorstellungen
Vergessen oder fehlende Einsicht in die Notwendigkeit zu essen
Irritation durch Nahrungskonsistenz
Obstipation, Verdauungsprobleme
schlecht sitzende Zahnprothesen

Ein anderes Problem, das die ausreichende Ernährung enorm erschwert, sind Schluckstörungen. Fast die Hälfte aller über 75-Jährigen – keineswegs nur Schlaganfall- oder Demenzpatienten – sind davon betroffen. Schluckstörungen sind von Kauproblemen, beispielsweise durch schlecht sitzende Zahnprothesen, zu unterscheiden. Sie sollten diagnostiziert und spezifisch logopädisch sowie diätetisch behandelt werden, da sie nicht nur die Lebensqualität vermindern, sondern zum Fortschreiten einer Mangelernährung, zu Dehydratation und ernsten Komplikationen wie Verschlucken und lebensbedrohlichen Aspirationspneumonien führen können.

 

Häufig wird bei Schluckstörungen pauschal zu pürierter Kost geraten. Dies ist weder notwendig noch sinnvoll. Zudem ist püriertes Essen dem Appetit eher abträglich. Sinnvoller ist ein gezielter Kostaufbau. Hilfreiche Produkte aus der Apotheke sind geschmacksneutrale Dickungsmittel für Flüssigkeiten sowie speziell für Patienten mit Schluckstörungen entwickelte pastöse oder dickflüssige Trink- und Zusatznahrungen.

 

Das Apothekenteam kann auf eine große Zahl an Zusatz- und Trinknahrungen hinweisen, die bei rechtzeitigem Einsatz helfen, Mangelernährung zu vermeiden oder zu vermindern. Je nach Ausgangslage bieten sich normo- oder hochkalorische Trinknahrungen an, die bei Senioren nach Möglichkeit auch eiweißreich sein sollten. Für Patienten mit Bewegungsmangel und Obstipation werden ballaststoffreiche Produkte angeboten. Bei Reizdarm oder entzündlichen Darmerkrankungen sind ballaststofffreie Produkte indiziert. Es gibt Spezialprodukte für Laktoseintolerante und Patienten mit Glutenunverträglichkeit sowie für Nieren- und Krebspatienten. Zudem werden Produkte zur ausschließlichen oder ergänzenden Ernährung angeboten (Details siehe Trinknahrungen: Aus dem All ans Krankenbett, PZ 03/2011).




Eine Vielzahl von Arzneimitteln kann den Appetit verderben und die Nährstoffversorgung verschlechtern.

Foto: DAK


Viele dieser Produkte sind verordnungsfähig. Entscheidend ist, dass der Arzt eine »eingeschränkte« oder eine »fehlende Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung« diagnostiziert.

 

Oft übersehen: Interaktionen

 

Da alte Menschen häufig multimorbide sind und meist mehrere Medikamente über lange Zeit einnehmen müssen, besteht die Gefahr, dass Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Nährstoffen zu Mangel­zu­ständen führen oder diese verstärken (14). So kann etwa die langfristige Einnahme von Protonenpumpen­hemmern die Aufnahme von Vitamin B12 verringern; außerdem sind schwere Hypomagnesiämien beschrieben (15). Phenobar­bital beschleunigt den Abbau von Vitamin D, Neomycin führt zur Malabsorption aller fettlöslichen Vitamine. Pheny­toin, Acetylsalicylsäure sowie etliche Chemothera­peutika stören den Folatstoffwechsel. Tetracycline, Gyra­se­hemmer und L-Dopa sowie Antazida bilden unlösliche Komplexe mit zweiwertigen Kationen wie Calcium- und Eisenionen oder mit Phosphaten aus der Nahrung.

 

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Apotheke gerade multimorbiden Senioren auch auf dem Gebiet der Ernährung wertvolle Dienste leisten kann. Sie kann nicht nur die Einnahmemodalitäten der nötigen Medikamente erklären, sondern auch auf mögliche Interaktionen und Nährstoffmängel, auf entsprechende Untersuchungen sowie sinnvolle Supplemente hinweisen.

 

Fazit

 

Das Älterwerden geht nicht per se mit einer Mangelernährung einher. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Risiko dafür deutlich an, vor allem bei multimorbiden Senioren, die sich nicht mehr (ausreichend) selbst versorgen können. Da Malnutrition nicht nur die Lebensqualität einschränkt, sondern auch Morbidität und Mortalität steigert, ist es besonders wichtig, Ernährungsrisiken früh zu erkennen, die Hinweise ernst zu nehmen und rechtzeitig gegenzusteuern. Hier kann die Apotheke einen wertvollen Beitrag leisten, von der Beratung zu Ess- und Trinkhilfen über Empfehlungen zur Ernährung, Trink- und Zusatznahrungen bis hin zu Supplementen. /


Literatur

  1. Menebröcker, C., Mangelernährung im Alter. Ernährung 1 (2007) 67-71.
  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE (Hrsg.), Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Umschau/Braus, Frankfurt 2008.
  3. Kagansky, N., et al., Poor nutritional habits are predictors of poor outcome in very old hospitalized patients. Am. J. Clin. Nutr. 82 (2005) 784-791
  4. Heseker, H., Stehle, P., Ernährung älterer Menschen in staionären Einrichtungen (ErnSTES-Studie). In: DGE (Hrsg.), Ernährungsbericht 2008. Bonn 2008, S. 157-204.
  5. Heseker, H., Overzier, S., Strathmann, S., Ernährungssituation im Alter. Ernährung 1 (2007) 60-66.
  6. Max-Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (Hrsg.), Nationale Verzehrsstudie II. Karlsruhe, 2008.
  7. Gaffney-Stomberg, E., et al., Increasing dietary protein requirements in elderly people for optimal muscle and bone health. J. Am. Geriatric Soc. 57 (2009) 1073-1079.
  8. Souberbielle, J.-C., et al., Vitamin D and musculoskeletal health, cardiovascular disease, autoimmunity and cancer: recommendations for clinical practice. Autoimmun. Res. 9 (2010) 709-715.
  9. Albert, C. M., et al., Effect of folic acid and B vitamins on risk of cardiovascular events and total mortality among women at high risk for cardiovascular disease: a randomized trial. JAMA 299 (2008) 2027-2036.
  10. Durga, J., et al., Effect of 3 years of folic acid supplementation on the progression of carotid intima-media thickness and carotid arterial stiffness in older adults. Am. J. Clin. Nutr. 93 (2011) 941-949.
  11. Yurko-Mauro, K., et al., Beneficial effects of docosahexaenoic acid on cognition in age-related cognitive decline. Alzheimer´s & Dementia 6 (2010) 456-464.
  12. Quinn, J. F., Docosahexaenoic acid supplementation and cognitive decline in Alzheimer Disease. JAMA 304 (2010) 1903-1911.
  13. Scheltens, P., et al., Efficacy of a medical food in mild Alzheimer´s disease: a randomized, controlled trial. Alzheimer´s & Dementia 6 (2010) 1-10.
  14. Akamine, D., et al., Drug – nutrient interactions in elderly people. Curr. Opin. Clin. Nutr. Metab. Care 10 (2007) 304-310.
  15. Anon., Protonenpumpenhemmer: schwere Hypomagnesiämie. a-t 41, 9 (2010) 98.
  16. Volkert, D., Vollwertige Ernährung im Alter. In: Klinische Geriatrie, Springer 2000.

Die Autorin

Ulrike Gonder ist Diplom-Ökotrophologin und arbeitet seit 1994 selbstständig als freie Wissenschaftsjournalistin, Referentin, Autorin und Dozentin, unter anderem für die Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Sie ist Mitgründerin des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) e. V. und kommt regelmäßig in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen als Ernährungsexpertin zu Wort. In ihrem neuesten Buch »Mehr Fett!« (systemed Verlag, 2010; zu beziehen über den Govi-Verlag) beschreibt Gonder unter anderem die positiven Effekte verschiedener Fette auf die Hirnfunktion, das Immunsystem und die Prognose bei Krebspatienten. Beim Pharmacon in Meran hielt sie Seminare zum Thema Mangelernährung bei älteren Menschen und Demenzpatienten.

 

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Taunusblick 21

65510 Hünstetten

ugonder@aol.com


Zur Übersicht Titel...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2011

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU